Darf ein Rechtsanwalt so handeln?

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1 Antwort

Liebe(r) xyzle,

Deine Schilderung betrifft zwei Komplexe:

1.

Aus Deiner Fragestellung schließe ich, dass Euer Anwalt die Frist des § 46 Abs. 1 S. 2 WEG durch Einreichung der Klage bei einem unzuständigen
Gericht versäumt hat.

Zum Verständnis:

Geht eine Klage bei einem unzuständigen Gericht ein, wird das Gericht, nachdem es seine Unzuständigkeit erkannt hat, die Klage im üblichen Geschäftsgang an das zuständige Gericht weiterleiten. Allerdings ist das Gericht nicht verpflichtet (und dies wird ihm auch praktisch kaum möglich
sein), seine Zuständigkeit schon am Tag der Einreichung der Klageschrift zu
prüfen und für die fristgemäße Weiterleitung zu sorgen. Aufgrund der Einreichung der Klage am Tag des Fristablaufs war es m.A.n. praktisch nahezu ausgeschlossen, dass die Klage noch innerhalb der Frist beim zuständigen Gericht anhängig wird.

Das Gericht hat Euch (über Euren prozessbevollmächtigten Anwalt) geraten, die Klage zurückzunehmen, da es aufgrund des Fristversäumnisses die Erfolgsaussichten der Klage für nicht gegeben erachtet hat. Dieses Vorgehen
ist in den meisten Fällen kostengünstiger als eine Abweisung der Klage durch
Urteil.

Ein Rechtsanwalt ist selbstverständlich verpflichtet, vor Einreichung der Klage die Zuständigkeit des Gerichts sorgfältig zu prüfen. Daran ändert auch eine Namensgleichheit zweier Gerichte in verschiedenen Bundesländern und die hiermit vermeintlich verbundene Verwechselungsgefahr nichts.  

2.

Unter anderem aufgrund der in der Kostenfolge günstigeren Rücknahme der Klage ist der von Euch gezahlte Prozesskostenvorschuss nicht vollständig
verbraucht worden. Den Differenzbetrag hat das Gericht daher an Euren Anwalt überwiesen, der sicherlich im Rahmen der von Euch erteilten Vollmacht eine Geldempfangsbevollmächtigung erhalten hat.

Diesen Betrag darf der Rechtsanwalt natürlich weder „so einfach in seine Tasche stecken“ oder damit ohne Eure Zustimmung auf die Kostenforderung des Anwalts Eures Prozessgegners zahlen. Er hat den Betrag vielmehr auf einem sog. Anderkonto vorzuhalten oder direkt an Euch weiterzuleiten.

Zudem verstößt ein Rechtsanwalt in der Regel sowohl gegen seine Pflichten aus dem Mandatsverhältnis als auch gegen Berufsrecht, wenn er Mandantenanfragen nicht zeitnah beantwortet. Ein solches Verhalten könnte zum Beispiel zur Ahndung durch die Rechtsanwaltskammer, welcher der Anwalt angehört, als zuständigem Aufsichtsorgan führen (Die zuständige Rechtsanwaltskammer bestimmt sich grundsätzlich nach dem Sitz der
Kanzlei).

Ich bitte zu berücksichtigen, dass Vorstehendes lediglich meine persönliche Meinung darstellt und, soweit Rechtsfragen betroffen sind, in keinem Fall die fachliche Beratung durch einen Rechtsanwalt erübrigt oder ersetzt.

LG

      

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