Frage von Elandirel, 50

Cogito ergo non sum?

Hallo! Ich habe Descartes "Cogito ergo sum" immer als wahr akzeptiert. Neulich las ich aber von einem gewissen Rudolf Steiner, der gesagt hat, es müsse "Cogito ergo non sum" heißen. Ich habe seine Ausführungen dazu nicht ganz verstanden, es ging irgendwie um Bilder im Verstand, die aber Bilder von Etwas sein müssen, irgendwie sowas... Wenn sich jemand hier genauer damit auskennt, wäre es nett, wenn er es mir erklären könnte. Lg!

Antwort
von berkersheim, 19

Wenn ein Vegetarier bissfeste Birnen weichkocht und ein Kannibale das Muskelfleisch eines erlegten Gegners, können beide den gleichen Satz sagen: Das Fleisch ist gar. Und doch bedeutet dieser Satz für den Vegetarier etwas vollkommen anderes als für den Kanniblen, weil die gleichen Sätze in zwei vollkommen verschiedenen Realitäten gesprochen sind. Die Realität, in der Descartes seinen Satz gesprochen hat, ist eine vollkommen andere als unsere heutige oder die Steiners. Und auch die Realität Steiners, wie er sich die Welt vorgestellt hat, ist eine vollkommen andere als unsere heute und die des Descartes. Das ist die Crux der Zitatenglauberei, wenn Einzelaussagen aus dem Vorstellungszusammenhang gerissen werden.

Descartes steht an der Schwelle der Scholastik zur Neuzeit und sucht noch wie alle Scholastiker eine endgültige Gewissheit. Letztlich meint er sie in sich selbst zu finden und "ich selbst" ist für ihn das geistige, das denkende Wesen. Für die Scholastik und auch Descartes ist nur das Geistige wirklich, Tiere, Pflanzen alles Vergängliche ist nur mal eben dienend zu Hand der Krone der Schöpfung. Ketzer und als solcher verfolgt war Descartes, weil er die Quelle der Gewissheit in sich selbst verlegt hat und nicht wie die Scholastik in die heiligen Schriften und kirchlich anerkannten Autoritäten. Selbst wenn er als letzte Quelle Gott angibt, rettet er sich nicht, weil die Kirche in ihrem Machtgebaren großen Wert darauf legte, dass ausschließlich sie die Vermittlerin von Wahrheit und Gewissheit zwischen Gott und den Menschen ist.

Steiners Weltsicht ist ein esoterisches Gebräu aus vielen Quellen und in der angesprochenen Aussage liegt die Vorstellung zugrunde, dass es eine ewige Wahrheit gibt an der wir durch geistige Übung und "richtiges" Denken nur Anteil erhalten. Für Steiner ist alles Vergängliche nur ein vorübergehender Teil der ewigen Wahrheit. Das richtige Denken gibt uns Anschluss an diese ewige Wahrheit, nicht jedes Denken. "Indem der Mensch das selbständige Wahre und Gute in seinem Innern aufleben läßt, erhebt er sich über die bloße Empfindungsseele. Der ewige Geist scheint in diese herein. Ein Licht geht in ihr auf, das unvergänglich ist." (http://anthrowiki.at/Bewusstseinsseele) Da gibt es die "Bewusstseinsseele", die "Verstandesseele" und die "Empfindungsseele" und das "Ich" usw.. Dagegen ist Aristoteles mit seinen drei Seelenteilen noch ein Waisenknabe.

Antwort
von Imago8, 32

Ich kenne mich mit Steiner nicht aus. Aber es gibt auch in den östlichen Traditionen, im Buddhismus Ansätze in diese Richtung.

Man kann es so sehen: In dem Moment, wo du denkst, bist du nicht (ganz), weil das Denken dich von der unmittlbaren Erfahrung deiner Umgebung, deines Körpers abtrennt. In der Meditation geht es ja auch eher darum, durch waches Beobachten das Denken unnötig werden zu lassen. Das ist natürlich von mir sehr vereinfacht dargestellt.

Wie wärs mit: "Ich fühle, also bin ich"?

Oder findet Selbsterkenntnis etwa nur im Kopf statt?

Kommentar von SlowPhil ,
Wie wäre es mit: "Ich fühle, also bin ich"?

Das steht mitnichten im Widerspruch zu "ich denke, also bin ich" und steht auch in keiner Konkurrenz dazu.

Kommentar von Imago8 ,

"Cogito ergo sum" finde ich nicht falsch, aber zu kurz gegriffen.

Ich finde die Fähigkeit zu fühlen definiert uns mehr als die Fähigkeit zu denken.

Kommentar von DarkSepia ,

Es ging Descartes nicht darum, uns genau zu definieren, sondern sich seiner eigenen Existenz sicher zu sein.

Kommentar von Grautvornix16 ,

Meinst du das für das >Individuum< Mensch oder das >Gattungswesen< Mensch allgemein?

Kommentar von Imago8 ,

Wenn du es genau wissen willst, die Art Mensch. Wieso?

Antwort
von Kuno33, 26

Betrachte das Ganze mal als historisch begründete unterschiedliche Sichtweisen. Descartes hat nach einem Weg gesucht, sein Sein zu verstehen.

Nach langen Versuchen den Rudolf Steiner zu verstehen habe ich das inzwischen längst aufgegeben. Er hat sich fast zu allem und jedem geäußert. Dabei hat er recht dogmatische Lehrsätze aufgestellt, die in viele Wissensbereiche hinein reichen. Längst nicht Alles davon hat sich als sinnvoll erwiesen.

Wenn Du nicht gerade Schüler einer Walldorf-Schule bist, musst Du nicht jeden Lehrsatz von R. Steiner verstehen wollen. In manchen Fällen kann das durchaus daran liegen, dass der Sinn sehr weit hergeholt ist.

Bist Du auf einer Walldorf-Schule beschaff Dir Sekundärliteratur. Dann kannst Du es erklären, was er denn damit sagen wollte, musst es Dir aber nicht unbedingt zu eigen machen.

Antwort
von FunnysunnyFR, 19

Also für ich denke also bin ich nicht, fällt mir als denkendes Individuum keine logische Erklärung ein. Sorry.

Und weil ein selbsternannter Hellseher und Esoteriker solche Theorien aufstellt, so bekannt dieser Mensch auch sein mag, müssen diese noch lange keinen Sinn ergeben.

Antwort
von SedOwl, 25

Belasse es bei "Cogito ergo sum", das ist Logik. Es wird wohl immer wieder "Steiners" geben, was soll´s - es lohnt nicht.  

Antwort
von DarkSepia, 9

Kleine Bemerkung am Rande:

Ich kenne Steiner kaum. Dem, was du schreibst, ist nicht zu entehmen, dass Steiner diese Aussage überhaupt als Gegenthese zu Descartes "Cogito ergo sum" gemeint und ihn dann auch richtig verstanden hat.

Descartes wollte zeigen, dass er sich seiner eigenen Existenz sicher sein könne. Esoteriker hingegen können mit "ich bin" was weiß ich was meinen.

Antwort
von skyberlin, 21

Steiner war Anthroposoph, und hat sich seine eigenen Gedanken gemacht.

Ob DU diese Gedanken verstehen und teilen kannst, bleibt Dir selbst überlassen.

Tanz doch mal Deinen Namen!

Dann hast Du mehr erfahren.

Antwort
von SlowPhil, 21

Du brauchst Dich nicht beirren zu lassen. Descartes' Spruch bedeutet nicht, Dein Sein sei gleichsam eine Wirkung Deines Denkens.

Er bedeutet, dass allein schon die Tatsache, dass Du Dir die Frage »existiere ich eigentlich« überhaupt stellen kannst, beweist, dass die Antwort nur »ja« lauten kann.

Und das ist unmittelbar einleuchtend.

Steiners Antithese ist das nicht. Womöglich - das weiß ich erst, wenn ich mich mal mit dem Text befasse - beruht sie auch noch auf einer Fehlinterpretation.

Fühlen ist natürlich ein ebenso unmittelbare subjektives Element, wobei ich mit »subjektiv« nicht meine, es sei weniger gewiss, sondern im Gegenteil das einzig wirklich Gewisse.

Wenn Du weißt, dass Du fühlst, weißt Du auch, dass Du notwendigerweise bist. Weniger gewiss ist der »objektive« Reiz, von dem Du den Eindruck hast, es habe das Gefühl ausgelöst, schließlich träumen wir auch und haben dabei starke Gefühle und sehen und hören Dinge, die sie auslösen. Real sind sie dennoch nicht.

Kommentar von SedOwl ,

Hi, SlowPhil, durch solche Beiträge ist GF auf dem Weg, selbst mir "altem Grantler" zu gefallen. Danke.

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