Frage von AnonymousXYZ123, 44

Charakteristika verschiedener Kampfsportarten?

Hallo,

ich überlege, mit einer Kampfsportart zu beginnen. Nun gibt es davon ja sehr viele, die teilweise auch sehr unterschiedliche Philosophien verfolgen und unterschiedliche Abläufe haben.

Ich würde gerne von Leuten, die selbst Kampfsport betreiben, folgendes Wissen:

Welche Kampfkunst betreibt ihr?

Welche Philosophie verfolgt diese?

Welche Besonderheiten gibt es (ggf. im Vergleich zu anderen)?

Wie läuft eine Übungsstunde bei euch ab?

Wieso habt ihr euch genau für diesen Kampfsport entschieden und was gefällt euch daran besonders?

Vielen Dank

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Kampfsport, 19

Ich trainiere seit mehreren Jahren Aikido

Philosophie des Aikido

Aikido ist eine japanische Kampfkunst und kommt ohne Wettkämpfe und Meisterschaften aus. Das Aikido hat somit nichts mit Leistungsdenken zu tun.

Aikido bezieht sich nicht nur auf die körperliche Technik,
sondern auf den ganzen Menschen, also auch seinen Charakter und seine
Persönlichkeit.

Der Angreifer wird nie als "Feind" angesehen, der "zerstört" werden soll. Deshalb wird auf unnötige Grausamkeit verzichtet.

Es geht also sehr stark um die Entwicklung einer ausgeglichenen Persönlichkeit und ein positives Verhältnis zum eigenen Körper.

In den meisten Aikido-Stilen werden keine farbigen Gürtel getragen, da man die Gleichheit aller Übenden betonen und niemanden abschrecken will. Lediglich die Lehrer sind durch einen schwarzen Hosenrock erkennbar.

Wichtig ist der Gemeinschaftsgeist. Niemand soll sich wegen seiner Figur, seines Geschlechts, oder Charakters ausgeschlossen fühlen. Alle Aikidoka die ich kenne, sind sehr warmherzig.

Techniken des Aikido

Die Bewegungsabläufe sind rund und harmonisch und stehen damit im Kontrast zu den harten, kantigen Bewegungen des Karate, oder dem Ringen im Judo.

Die Techniken bestehen im Wesentlichen aus Würfen und Gelenkhebeln, mit denen der Angreifer kontrolliert werden kann. 

Je nach Aikido-Stil sind offensive Techniken unterschiedlich stark ausgeprägt. Insgesamt ist Aikido nicht auf Konfrontation, sondern auf Verteidigung ausgerichtet,

Waffentechniken

Es gibt im Aikido auch Waffentraining mit Schwert, Stab und Dolch/Messer. Die Übungswaffen bestehen aus Holz. Die Techniken beruhen auf den Bewegungsabläufen,die man beim unbewaffneten Training lernt.

Ablauf einer Übungsstunde

Betreten der Matte mit Verbeugung zum Ehrenplatz. Kurze Sitzmeditation. Es folgen drei Runden um die Matte laufen, um sich körperlich aufzuwärmen.

Anschließend leicht durchzuführende Dehnübungen, da die Gelenke geschmeidig sein müssen, um Verletzungen zu vermeiden.

Dann die Fallschule. Je nach Erfahrung werden verschiedene Formen des Abrollens und des freien Falls geübt.

Es folgen Verteidigungstechniken auf den Knien und im Anschluss die Partnerübungen für die Einübung der richtigen Distanz. Hilft später beispielsweise auch in Menschenmengen.

Dann das gemeinsame Training von Würfen und Hebeln unter Aufsicht des Lehrers. Je nach Erfahrung unterschiedlich, aber die Standardtechniken sind immer mit dabei.

Je nach Fortschritten die Vorstellung einer neuen Technik durch Vorführung und gemeinsames Einüben. Erläuterungen zu Sinn und Zweck der Technik.

Der Lehrer spricht Fehler meist in der Gruppe an "Ich habe bei einigen gesehen..." so dass sich niemand diskriminiert fühlt.

Er kann aber auch übende Paare einzeln korrigieren. Gerade bei Anfängern ist das sinnvoll.

Dann abschließend noch einmal kurze Sitzmeditation. Abgrüßen zum Ehrenplatz, verlassen der Matte.

Sonstiges

Es gibt verschiedene Aikido-Stile, was auf die Geschichte des Aikido durch die Entwicklung des Gründers Morihei Ueshiba zurückzuführen sind.

Die "alten Stile" sind noch sehr hart und es werden offensive Techniken gelehrt. Später entwickelte Ueshiba das Aikido weiter und so sind spätere Stile harmonischer und runder.

Verschiedene Aikido-Lehrer haben verschiedene Schwerpunkte, so dass bei fortgeschrittenen Übenden der Besuch von Lehrgängen beliebt ist.

Bei uns ist Meditation fester Teil des Trainings, das ist jedoch je nach Stil und Verein unterschiedlich.

Missverständnisse

Wegen seiner harmonischen Bewegung galt Aikido bei seiner Einführung in den Westen als "Frauen-Kampfkunst". Das ist natürlich Unsinn, denn Männer und Frauen trainieren gleichermaßen.

Manche Menschen halten Aikido für passiv, weil es auf Verteidigung ausgerichtet zu sein scheint, doch wenn man eine Weile übt, stellt man fest, dass dies ein Irrtum ist. Hier nur ein Beispiel:

Bereits dadurch, dass man sich in der korrekten Haltung aufstellt, bei der nur eine Körperseite nach vorne gerichtet ist, bestimmt man die Handlungen des Angreifers mit.

Man nimmt ihm also die Initiative, schon bevor er angreift, da man "mitbestimmt" welche Körperseite er am ehesten angreifen wird. Das ist keineswegs passiv.

Meine Gründe für das Aikido

Mir gefällt der geistige Aspekt des Aikido, das es nicht auf Wettkämpfe, Titel, oder Gegenangriffe und Gewalt ausgerichtet ist. Das körperliche Training ist angenehm und verbessert das Körpergefühl.

Persönlich bin ich durch Aikido offener gegenüber Menschen geworden, habe ein gesundes Selbstvertrauen entwickelt und bin auch in stressigen Situationen konzentriert.

Kommentar von AnonymousXYZ123 ,

Vielen Dank für die ausführliche Antwort.

Kommentar von Enzylexikon ,

Keine Ursache, ich habe lediglich versucht, auf alle Fragen einzugehen. :-)

Ansonsten schließe ich mich OnkelSchorsch an - ein Probetraining ist die beste Möglichkeit, sich einen Eindruck zu verschaffen.

Man kann sich für "Schnupperstunden" anmelden, die meist kostenlos sind. Manche Vereine bieten auch 1-2 Wochen Training gegen eine kleine Gebühr an.

Vereine können, selbst wenn sie den gleichen Stil lehren, sehr unterschiedlich sein - das Vergleichen lohnt sich.

Bei manchen fühlt man sich spontan wohl und bei anderen fühlt man sich eher unbehaglich, mag die Menschen dort nicht.

Wenn einem nach dem Probetraining zwar der Stil gefällt, aber der Verein nicht, macht es eher Sinn, nach einem anderen Verein zu suchen, statt gleich den ganzen Stil zu verwerfen.

Letztlich entscheidet natürlich die Freude am Training.

Wenn mir ein Stil dauerhaft Freude bereitet, selbst wenn er nicht all meinen Kriterien entspricht, dann übe ich ihn eben weiter.

Ursprünglich wollte man einen Stil mit Tritten...man findet nach dem Probetraining aber zB Judo einfach Spitze.

Warum weiter nach einem Tritte-Stil suchen, wenn man solche Begeisterung fürs Judo entdeckt hat?

Wer immer mit einer Checkliste rumläuft kann sich meist gar nicht wirklich auf das Training einlassen, weil er festgefahrene Vorstellungen seines "idealen" Stils hat.

Also lass dich ruhig spontan begeistern, schließlich will man ja langfristig motiviert bleiben.

Viele, die ein Training beginnen und schnell wieder abbrechen, haben sich entweder überhaupt nicht vorab informiert, oder gegen mit einer Idealvorstellung an die Sache heran.

Am besten ist es meiner Meinung nach, wirklich für alles offen zu sein, was dort gezeigt und vorgelebt wird. :-)

Ich wünsche dir jedenfalls viel Freude beim künftigen Training - egal für welche Disziplin du dich letztlich entscheidest. :-)

Kommentar von AnonymousXYZ123 ,

Danke, ich werde mich bemühen, den Verstand nicht zu stark dominieren zu lassen

Antwort
von Shiranam, 16

Kampfkunst Wing Tsun

Philosophie? Diese Kampfkunst kommt zwar aus China und gesagt wird, dass Taoismus, Budimus und Konfuzianismus in dem Stil oder beim Erlernen ein Rolle spielen. Im Unterricht merkt man aber nichts davon. Es gibt da keine Budoromantik, keine Rituale, außer ein kurzer Gruß zu Beginn.

Besonderheit: Wing Tsun (an unserer verbandslosen Schule) hat sich der schnörkellosen, effektiven Selbstverteidigung verschrieben. Es gibt kein Trainingselement, welches diesem Ziel nicht untergordnet ist. 

Wing Tsun ist ein System. Das bedeutet, zur Herstellung der Effektivität werden alle Elemente benötigt, um das Systemverhalten zu schulen, welches auf alle Angriffe paßt.

 Es gibt nicht die Denkweise, dass auf Angriff XY die Verteidigung RZ funktioniert...weil es eben ein System ist.

Eine Besonderheit, die es aber nicht nur ausschließlich im Wing Tsun, dort aber eben auch gibt, ist das Fühltraining "Chi Sao".

Unterrichtsstunde: Jede ist völlig unterschiedlich, weil bei uns sehr individuell und inclusiv (alle, Fortgeschrittene und Anfänger zusammen) unterrichtet wird. Kommt immer darauf an, wer da ist.

 Nach ein paar Minuten aufwärmen folgt oft das Formentraining. Tritt, Schritte, Schläge, Kombis vor dem Spiegel.  Der Löwenanteil sind Partnerübungen, dannach öfter Situationstraining, auch Sparring. Es macht jeder die von Trainer vorgegebenen Übungen. Die können im Extremfall für jeden einzelnen Schüler unterschiedlich sein. Zum Abschluß oft noch ein paar BWE oder Gruppenübungen.

Der Trainer schaut ständig, was seine Schüler machen, korrigiert, erweitert Übungen, hilft weiter, beurteilt, stellt um.

Warum diese Kampfkunst? Herzensentscheidung! Erwachsenengruppe war vorhanden und Zufall, als ich auf der Suche nach einem Hobby war. Dabei geblieben aus Faszination. "Einfachheit" in der Anwendung (nicht beim Erlernen). Schön, seinen eigenen Körper (keine externen Waffen) gebrauchen zu können.

Vorsicht, meine Beschreibungen der Unterrichtsstunde passt auf viele Wing Tsun Schulen nicht!

Kommentar von Shiranam ,

Letztendlich rate auch ich: Schau Dir mehrere Schulen, durchaus auch desselben Stils, in deiner Umgebung an. Es wird überall anders sein.  

Laß dein Herz entscheiden! Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Da hat OnkelSchorsch recht... ;-)

Kommentar von AnonymousXYZ123 ,

Danke für deine Eindrücke.

Antwort
von OnkelSchorsch, 17

Wenn du so verkopft an die Sache ran gehst, wird das nichts.

Wenn du Kampfsport erlernen und üben möchtest, dann schaue, was es in deiner Gegend gibt, nimm dann überall an einigen Probetrainings teil und dann mach dort mit, wo es dir am besten gefällt.

Kommentar von AnonymousXYZ123 ,

Vielen Dank für den Ratschlag. Das werde ich auch auch tun, aber dennoch muss ich vorher eine Auswahl treffen und mich interessieren dafür die Erfahrungen und Beweggründe anderer Menschen

Kommentar von OnkelSchorsch ,

Wie gesagt, das ist ein falscher Ansatz. Du bist du, nicht andere Menschen.
Ich übe und lehre Kampfsport nun seit mehreren Jahrzehnten, da sind sehr oft Personen aufgetaucht, die ähnlich dachten, wie du es gerade beschreibst - die sind alle nach dem ersten Training nicht wiedergekommen. Mit solchen Erwartungen liegst du komplett falsch. So wird das nichts.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten