Frage von MonaxD, 83

Carlton- School of the Deaf Realistisch?

Hey, ich schaue momentan die Serie "Switched at Birth". Dort gibt es eine Highschool extra für Gehörlose. Mir kommt diese Schule sehr unrealistisch vor. 1. Gibt es in der ganzen Serie nur Gehörlose und Hörende und nicht einmal werden Schwerhörige erwähnt aber gut ist ja nicht so schlimm. 2. Gibt es auf der Schule (so wies aus sieht) nur Gehörlose und davon füllen sie die ganze Schule. Ich war selber auf einer Schule für Schwerhörige und kann dadurch aus Erfahrung sagen, dass es nicht mehr als 4-5 Gehörlose pro Jahrgangsstufe gab. Und meine Schule hatte ein Einzugsgebiet aus ganz Bayern. Vergess ich hier einen Aspekt oder gibt es in Amerika wirklich ganze Schulen für Gehörlose?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von rinna, 58

Nun, man kann die Situation in den USA nicht mit der von Deutschland vergleichen. 

In Deutschland wird stark auf den Oralismus gesetzt, dh Gebärdensprache wird hier nicht gerne gesehen. Deshalb gibt es auch eine klare Trennung zwischen Schwerhörigen und Taube bzw. Gehörlose. Schwerhörige nutzen keine DGS, während ein Großteil von den Tauben es können. 

Anders in den USA: Der Oralismus ist dort nicht stark verbreitet. Dort herrscht eine vollkommen andere Einstellung gegenüber der Gebärdensprache, also der ASL, gemäß der aktuellsten Forschungen über die Gebärdensprache und sprachliche Entwicklungen. Diese weisen nach, dass die Gebärdensprache in keinster Weise die sprachliche Entwicklung stört. Im Gegenteil, sie fördert sie sogar. 

In Deutschland gibt es solche Forschungen in nur geringen Maße, und diese sind leider nicht bei den Pädagogen in Bereichen Schwerhörigen oder Gehörlosenpädagogik in breiten Masse angekommen. 

Deshalb ist es in den USA selbstverständlich auch ASL bei Schwerhörigen zu nutzen, sie benutzen es auch selbstverständlich und es gibt keine klare Trennung zwischen den beiden Gruppen. Nur wenige Schwerhörige bezeichnen sich selbst als "hard of hearing". Die meisten bezeichnen sich eher als "deaf" oder "Deaf", je nachdem wie stark sie sich der American Sign Language und der gebärdensprachigen Kultur identifizieren. 

Schulen wie Carlton ist schon recht realistisch der Situation in den USA. Also vergisst du nicht wirklich einen Aspekt. Es liegt einfach nur dran, dass an deutschen Schwerhörigenschulen eine regelrechte Phobien-Stimmung gegen der Gebärdensprache, Kultur, andere taube Kulturen weltweit, aktuelle Forschungsstände in den USA, die Gallaudet Universität etc. gemacht wird. Dass dort z.B. gar nicht über Behindertenrechte oder mögliche Hilfsmittel im hörenden (Arbeits)-Welt diskutiert wird, auf der man als Schwerhöriger oder Tauber Anspruch hat, finde ich verantwortungslos. 

Ich hoffe, du kannst jetzt besser nachvollziehen, wieso es in der Serie so ist. Bist du jetzt an einer Regelschule? Oder fertig mit der Schule? 

Jedenfalls alles Gute an dich! 

PS Ich bin auch taub und an Schwerhörigenschulen groß geworden ;)

Kommentar von MonaxD ,

Hey, danke für deine tolle Antwort. Ich war auf einer "Schule mit Sonderschwerpunkt Hören" weil ich ADHS und AVWS habe, wie die meisten dort. Das war eine Realschule und ich habe dort nach 6 Jahren meinen Abschluss gemacht. Ich hätte danach auf eine weiterführende FOS vom gleichen Träger gehen können und auf ein Gymnasium das auch für Schüler mit Hörschwierigkeiten ist. Habe mich aber gegen beides entschieden und gehe jetzt auf ein Regelgymnasium um mein Abitur zu schreiben. Eine Frage habe ich jetzt aber und ich hoffe dich oder Gehörlose generell jetzt nicht zu beleidigen. Ich war früher mit ein paar Gehörlosen über Facebook befreundet ( Sie gingen auf meine Schule aber die Kommunikation klappt, dank meinen erbärmlichen Gebärden, nur über Internet) und mir ist aufgefallen, dass kaum eine Gehörlose, mit denen ich geschrieben habe, einen deutschen grammatikalisch richtigen Satz schreiben konnte. Soweit ich weiß, benutzt man in der Gebärdensprache einen anderen Satzbau, oder nicht? Aber warum kannst du dich so gut ausdrücken? Hast du das reden gelernt und es fällt dir deswegen leichter oder hast du es seperat gelernt? Oder hast du es in der Schule beigebracht bekommen? Unsere A-Klassen ( die Klassen in der nur DGS gesprochen wurde) hatten keinen normalen Deutschunterricht, ich glaub das Fach hieß Gebärdensprache oder Deutsche Gebärdensprache.

Auf jeden Fall danke für deine Antwort :)

Kommentar von rinna ,

Schön, dass es dir gefallen hat und auch geholfen hat. 

In meinen Fall ist es recht speziell: Ich habe selbst auch taube Eltern, das heisst also, dass meine Erstsprache DGS ist und nicht die deutsche Lautsprache bzw. Schriftsprache. Da ich medizinisch gesehen "an Taubheit grenzend schwerhörig" bin, haben meine Eltern sich für Schwerhörigenschulen entschieden. Ich wurde also gezwungen mit minimalen Hörvermögen sprechen zu lernen sowie Lippenlesen. Es war rückblickend ein Tortur für mich, mit Langzeitfolgen. 

Aber in US-Studien wurde nachgewiesen, dass taube Kinder am besten bilingual entwickelt sind, wenn sie zuerst die Gebärdensprache lernen und dann darauf aufbauend die Lautsprache oder Schriftsprache lernen. Deshalb kann ich auch so gut Schriftsprache. Sprechen eher nicht so recht, aber werde immer besser. 

Warum das so ist? Wenn man von klein auf keine Sprache angeboten bekommt, die zu 100% zur Verfügung steht, hat man auch keine gute Sprachbasis. Ohne eine Sprachbasis kann man schlecht eine weitere Sprache dazulernen. Das war zB auch bei türkischstämmige Familien so: Die Eltern konnten nur sehr schlecht Deutsch, und die Pädagogen oder Sozialarbeiter haben damals ihnen verboten mit ihren Kindern türkisch zu sprechen. So wachsen sie ohne eine sichere Basissprache auf und konnten daher lebenslang keine einzige Sprache zu 100% lernen. Also schlecht türkisch und schlecht deutsch. Man muss eine Sprache innerhalb des kritischen Fenster lernen (zwischen 0-6 Jahre). 

So ist es auch bei tauben Kindern. Die meisten Eltern wollen ihren Kindern vor der Schule keine Gebärdensprache anbieten. Stattdessen sprechen sie nur, und das Kind bekommt das ja nur zum Teil mit, je nach Hörvermögen. Je besser es hören kann, desto leichter lernt es auch sprechen und hören(=verstehen). Das kannst du sicher aus deinen eigenen Erfahrungen sehen, je tauber bzw. stärker schwerhörig die Kinder waren, desto schlechter konnten sie Deutsch. 

Die meisten taube/gehörlose Kinder bekommen Zugang auf DGS erst in der Schule von anderen Kinder, die selbst taube Eltern haben (wie ich zB). Die meisten Pädagogen können auch nur sehr schlecht DGS, oder sind komplett dagegen. Am häufigsten wird parallel zum Gebärdetem gesprochen, das ist dann wiederum keine Gebärdensprache. Man muss zwischen DGS und LBG/LUG unterscheiden. Das Schlimme ist aber, dass es keine gesetzliche Pflicht ist DGS in hohem Niveau zu können, um taube Kinder unterrichten zu dürfen. Es gibt keine Kontrollen. 

Bist du sicher, dass die A-Klassen wirklich in DGS stattfand? Oder wurde da gebärdet und gesprochen gleichzeitig? Und wie gut die Lehrer DGS konnten, weisst du sicher auch nicht, wenn du ja die Sprache nicht so gut kannst. Aber ehrlich gesagt, bin ich nicht optimistisch. Sorry ;) sind halt meine Erfahrungen. Das mit keinen normalen Deutschunterricht zu haben, wundert mich schon recht. Es wird doch an allen Schulen peinlichst drauf geachtet, dass taube Kinder Deutsch sprechen, schreiben und lesen können. Geht nur wegen der schlechten Methoden schief ;)

Sorry, wenn es doch zu lange wurde. Ist halt ein sehr komplexes Thema, das in der Öffentlichkeit nicht breit diskutiert wird. 

Kommentar von rinna ,

Danke für die Auszeichnung! :)

Kommentar von MonaxD ,

Hey, nein es wurde überhaupt nicht zu lang. Ich interessiere mich sehr für die Gehörlosen Kultur und finde es echt schade das die beiden Gruppen in meiner alten Schule so stark getrennt wurden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die A-Klassen einen anderern Deutschunterricht hatten als die anderen Klassen. Ich weiß nicht ob das so auf allen Schulen in Deutschland ist aber bei uns wurde auf dem Zeugnis immer jedes Fach, das die Schule anbietet, aufgedruckt und falls man das Fach selber nicht hatte stand dann keine Note daneben. Und es gibt GANZ SICHER einen Deutschunterricht für Gehörlose. In wiefern sich der jetzt vom normalen Unterricht unterscheidet kann ich nicht sagen. Zum Thema in welcher Sprache unterrichtet wurde: Unsere Schule hat extra für die Gehörlosen Klassen auch gehörlose Lehrer eingestellt. Also für Deutsch, Englisch, Mathe und sowas hatten sie ganz bestimmt gehörlose Lehrer und dadurch natürlich auch Lehrer die DGS beherrschen. Aber für so Spezialfächer wie IT oder Religion haben sie wahrscheinlich nur Lehrer bekommen die bestenfalls LGS gesprochen haben. Dadurch dass die Schule sehr klein ist und hauptsächlich vom Augustinium bezahlt wird, können sie sich nur die minimale Anzahl an Lehrern leisten. Wir hatten zwei weibliche Sportlehrer (1 komplett taub und sie hat sehr schlecht gesprochen... Tatsächlich wurde ihre Sprache von Jahr zu Jahr schlechter). Einen Evangelischen Religionslehrer, ungefähr 3 katholische Religionslehrer. Du kannst dir vorstellen dass es bei einer so kleinen Schule schwer ist für jedes Fach einen Lehrer zu finden der die DGS beherrscht. Ich finde es nur schade, dass die gehörlosen Schüler so viel Kompromisse eingehen müssen obwohl sie auf einer Schule extra für Menschen mit der gleichen Behinderung waren wie sie. Manchmal mussten die A-Klassen mit unteren A-Klassen zusammen in einem Unterricht gehen weil die Schule entweder keinen Lehrer hatte oder sie einfach zu klein war. Und das ist ja wirklich nicht der Sinn von einem anständigen Unterricht.

Ich kann mir gut vorstellen warum du wegen dem Thema nicht optimistisch bist. Ich habe von einer Mentorin aus unserer Schule gehört dass viele A-Klassen Schüler nicht zufrieden mit der Schule sind und das Internat, in dem viele leben müssen weil sie von weiter her sind soll wirklich grauenvoll sein. Ok ich glaube ich habe jetzt erstmal genug geschrieben. https://de.wikipedia.org/wiki/Samuel-Heinicke-Realschule_M%C3%BCnchen <-- das ist der Link zu der Wikipedia Seite meiner alten Schule vielleicht findest du es ja interessant. 

Antwort
von Sarah18072000, 55

Da in Amerika meistens alles pompöser und größer als hier ist, könnte es dort wirklich solche Schulen geben.

Auf der Carlton sind zunächst nur Gehörlose Schüler.

Später wird es eine Art Austauschprojekt, in den u.A. auch Bay die Carlton besuchen wird, geben.

Noch später wird die Schule aufgrund von Geldsorgen viele Hörende aufnehmen, um sie weiterhin bestehen zu lassen (sonst müsste sie schließen).

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