Frage von Jiyong, 121

Buddhismus, wo ist die Grenze?

Vorab ich habe nicht so viel Ahnung also korrigiert mich gerne bei falschen Annahmen. Bleibt aber nett! Also ich dachte kürzlich über den Buddhismus nach. Es gibt diesen Diamantweg der, glaube ich, bedeutet die Bedürfnisse anderer vor die eigenen zu stellen. Nun wo liegt allerdings die Grenze bei dem Ganzen? Ich meine das hört sich stark danach an als könnte man bei dieser Lebensweise schnell ausgenutzt werden. Es lädt ja Egoisten fast dazu ein und nicht immer kann man solchen Personen aus dem Weg gehen. Ich denke da speziell an die Arbeit. Der Chef möchte bsp einen guten fleißigen Mitarbeiter um vor dem Chefchef auch gut da zu stehen oder des Geldes wegen. Nun stellt man so ein egoistisches Bedürfnis vor die eigenen.. Oder verstehe ich das Wort Bedürfnis falsch? Bitte klärt mich auf und nur ehrliche, ernsthafte Antworten. Das Thema interessiert mich wirklich sehr.

Antwort
von Buddhishi, 77

Hallo Jiyong,

der Diamantweg gehört zu den umstrittensten Wegen des Buddhismus. Insbesondere zu Lama Ole Nydahl gibt es sehr kritische Meinungen. Hier findest Du ein paar Infos dazu:

http://info-buddhismus.de/lama\_ole\_nydahl.html

Ich habe vor Jahren mal rein interessehalber eine solche Gruppe besucht und war einfach nur schockiert! Buddha hat z. B. bewußtseinsverändernde Dinge wie Alkohol strikt abgelehnt - dort wurde dennoch Alkohol angeboten.

Ich kann nach allem, was ich inzwischen über den Diamantweg weiß, nur von einer weiteren Beschäftigung damit abraten. Damals (ich weiß nicht, ob aktuell auch) war diese Vereinigung sogar auf dem Schirm der Sektenberatungsstelle, und auch die Deutsche Buddhistische Union (DBU) sieht ihn sehr kritisch.

LG

Buddhishi

PS: Ein wahrer Buddhist würde nie seine eigenen Bedürfnisse egoistisch in den Vordergrund stellen.

Kommentar von Jiyong ,

Wie gesagt ich kenne mich noch nicht sehr gut damit aus. Ich glaube einmal auch Sekte im Bezug gelesen zu haben, allerdings habe ich das ganze bis jetzt noch nicht so empfunden. Ich hab mich ja mal mit dieser "frag den lama" Seite befasst (findet man so in Google) und  konnte einiges davon doch gut nachvollziehen. Den Buddhismus selbst habe ich von Anfang an gelernt ist soweit keine Religion (auch wenn es darunter geführt wird) sondern lediglich eine große Ansammlung verschiedener Lehren usw. 

Jedenfalls ich selbst finde die Ansichtsweisen die ich kennengelernt habe ganz gut. Ist aber aktuell alles mehr so oberflächengekratze.

Das ein Buddhist nicht egoistisch ist bzw diese egoistischen Bedürfnisse zurückstellt war mir bewusst, die Frage war diesbezüglich nur wo diese Grenze liegt, da ja nicht jeder Mensch auf der Welt buddhistisch lebt oder sich damit befasst.

Wenn du dich mit dem Thema gut auskennst würde ich die Unterhaltung gerne privat weiterführen :)

Kommentar von Buddhishi ,

Okay, habe Dir eine Freundschaftsanfrage zugeschickt, dann können wir über Nachrichten kommunizieren. LG

Kommentar von Enzylexikon ,

Insbesondere zu Lama Ole Nydahl gibt es sehr kritische Meinungen.

Vielen Dank dass du darauf hingewiesen hast - ein sehr wichtiger Punkt.

Ich denke, gerade am Anfang hat man mitunter ein idealisiertes Bild des Buddhismus und ist vielleicht sogar unkritisch im Bezug auf die Autorität buddhistischer Lehrer.

Dabei hat der Buddha im Kalama Sutta selbst dazu aufgerufen, jede Autorität zu hinterfragen und nicht blind zu glauben - das schließt buddhistische Lehrer aller Traditionen ein.

Es gab und gibt buddhistische Lehrer denen beispielsweise Alkoholismus, Prunksucht, Verschwendung, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung vorgeworfen wird.

Einige haben während des Zweiten Weltkriegs ganz offen den japanischen Militarismus gefördert und Propaganda gemacht.

Wie man sieht, sind auch solche Personen nicht unfehlbar, selbst wenn sie angeblich erleuchtet sein sollen.

Ein verstorbener Lehrer meiner Traditionslinie hatte beispielsweise offenbar ein ziemliches Alkoholproblem, auch wenn das von seinen engen Schülern bis heute relativiert wird - aber solche Dinge muss man  ansprechen können und auch dazu stehen.

Denn auch Gemeinschaften die stark an Psychogruppen und so genannte "Sekten" erinnern, gibt es im Buddhismus - und gerade die tun häufig so, als sei ihr Lehrer über alle Kritik erhaben.

Es ist gut, auch solche kritischen Punkte zu nennen, denn exotische Rituale und Roben machen einen nicht zu einem besseren Menschen.

Kommentar von Buddhishi ,

Danke, Enzylexikon, für Deine Ausführungen. Und gerade, wenn man anfängt sich mit der buddhistischen Lehre zu beschäftigen, sehe ich die Gefahr als besonders groß an, sich den 'falschen' Lehrern anzuschließen.

Ich habe das bei dem einmaligen Kontakt mit dem Diamantweg insbesondere bei den Frauen so erlebt, dass sie geradezu geblendet waren von seiner Ausstrahlung und einfach alles kritik- und widerspruchslos mitgemacht haben.

'Dabei hat der Buddha im Kalama Sutta selbst dazu aufgerufen, jede
Autorität zu hinterfragen und nicht blind zu glauben - das schließt
buddhistische Lehrer aller Traditionen ein.'

Diesen Punkt hatten sie komplett ausgeblendet. Schade und gefährlich zugleich. Zumal eine von ihnen schon mehr als genug Probleme mit ihrer Psychose hatte.

Es ist mir immer wieder eine Freude, Deine Antworten und Kommentare zu lesen :-)

LG

Buddhisih

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 42

Ich bin Buddhist und helfe dir gerne weiter.

Buddha selbst hat sowohl den Luxus, also die völlige Selbstbezogenheit, als auch die Askese, die völlige Selbstaufgabe erlebt - und beide verworfen.

Seiner Ansicht nach ist der "mittlere Weg" zwischen den Extremen die beste Herangehensweise, auf dem Weg zur Befreiung. Das ist eine rational sehr zugängliche Erkenntnis und gute Entscheidung, wie ich persönlich finde.

Mit Konsumwahn schaden wir der Umwelt und mit übertriebenen Entbehrungen schaden wir uns selbst. Beides ist nicht Ziel der Buddha-Lehre.

Jetzt mal etwas philosophischer...

Den Standpunkt der buddhistischen Philosophie zur "Selbstaufopferung" oder "Selbstaufgabe" ist deutlich anders als der Christliche.

Im Buddhismus gibt es die Vorstellung eines realen "Ich" gar nicht, daher kann es auch keine völlige Selbstaufgabe geben - etwas das von vornherein nicht wirklich existiert, kann auch nicht aufgegeben werden.

Das klingt vermutlich gerade am Anfang sehr abstrakt, hat jedoch durchaus seine eigene Logik.

Solltest du noch Fragen haben, helfe ich dir gerne weiter. :-)

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