Bei meiner Ausbildung als Alltagsbegleiterin für Demenzkranke habe ich gelernt, dass sich bei den Betroffenen das Gesichtsfeld verengt und schwarze Flächen wegen der veränderten dimensionalen Wahrnehmung als schwarze Löcher empfunden werden – also als bedrohliche Tunnel, die große Angst erzeugen können. (Diese Erkenntnis wird sogar von manchen Altenheimbetreibern als psychologische Schranke eingesetzt: vor die Eingangstüren werden schwarze Matten ausgelegt, die den Bewohnern einen Abgrund signalisieren und sie damit vom Verlassen des Hauses abhalten sollen – eine sehr fragwürdige Methode, Menschen schützen zu wollen indem man ihnen Angst macht…)
In unserem Alten.-Pflegeheim geht es zum Glück sehr human zu, soweit der Pflegeschlüssel das zulässt und bislang habe ich mich mit den PflegerInnen unserer Station immer bestens verstanden. Aber nun sind nach einem Jahr Differenzen aufgetreten, die morgen zu einer Fallbesprechung führen wobei ich unbedingt meine Argumente mit stichhaltigen Belegen untermauern muss:
Der Sohn einer alten, schwer dementen Frau hat seiner Mutter einen Fernseher vor`s Bett/Fussende gestellt – einen schwarzen, spiegelnden Kasten, auf den die Frau nun den ganzen Tag blicken muss. Weil sie schon vorher an starken Depressionen gelitten hatte und schon mehrmals über Angst geklagt hatte (mittlerweile spricht sie gar nicht mehr sondern jammert nur noch – ein angeblicher Medikamentenwechsel hat nichts gebracht) habe ich ihr den Apparat mit einem geblümten Seidenstoff zugehängt und nachdem der verschwunden war, gestern einen alte Spitzendecke drübergehängt – die war heute auch weg, so musste ich ein Handtuch drüberlegen, denn die arme kauerte völlig verängstigt in der äußersten Ecke von ihrem Bett !
Daraufhin bin ich zur Pflegeleiterin der Station um sie nochmal darauf hinzuweisen, dass die Frau schwere Angstzustände hat und der schwarze Kasten die Ängste noch erheblich steigern kann und dass sie doch bitte alle nochmal darauf hinweisen soll, dass ich das TV nicht ohne Grund zuhänge.
Sie ließ mich allerdings kaum zu Wort kommen, meinte, darüber hätte sie schon mit einigen Pflegerinnen gesprochen und sie selber hätte die Spitzendecke abgenommen weil die meisten nicht glauben würden, dass ich mit meiner Theorie Recht hätte. Außerdem wäre es mir strikt verboten, mich ohne Rückfrage bei der Pflegeleitung mit Angehörigen zu unterhalten !
Ich war baff – denn gestern hatte ich die günstige Gelegenheit ergriffen, mit dem Sohn genau dieser alten Frau zu reden und ihm erklärt, warum der Fernseher seiner Mutter möglicherweise Angst macht, dass es außerdem sehr wichtig ist, ihr die Programme rauszusuchen, die sie verkraften kann, die ihr im Idealfall gute Erinnerungen und damit Freude bringen. Der Sohn war absolut verständig, auch erleichtert weil er mal mit jemandem über seine Mutter reden konnte – Forts.folgt...
hier noch was "offizielleres": http://www.dgsgb.de/downloads/band%206.pdf
Seite 18 wird auf schwarze Löcher als Wegehindernis eingegangen, dass sie zu vermeiden sind (der Text ist kopiergeschützt, läßt sich aber wohl ausdrucken)
von der
Deutsche Gesellschaft für seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung
auf deren Seiten dgsgb . de könntest du ja noch mal kucken, ob es dazu noch mehr gibt?
möglich ist ja auch weiterhin, dass sie nicht vor dem Schwarzen Angst hat, sondern vor dem gespiegelten Bild ihres Gesichts, das ist wohl auch nicht selten:
http://www.senio-web.de/gesund/erkrankung/demenz/artikel/praktische_hilfen_erleichtern_den_alltag_demenz-kranker.html
Ich weiß noch, dass meine Uroma im hohen Alter (besonders mit zunehmendem ValiumMissbrauch (o.ä.) auch immer mehr Stimmen hörte, die aus dem (ausgeschalteten) Fernseher kamen, durch den sie von ihnen beobachtet wurde (Big Brother noch vor Microsoft und MAC-Apple) ;-)
Danke dir für deine höchst interessanten Links !!! Mit dieser geballten Info-Lawine werde ich morgen jeden umwalzen, der sich mir in den Weg stellt :D!!!
Deine Recherchen treffen teilweise zu: auf jeden Fall betrachte ich es auch als meine Aufgabe, den Angehörigen so viel wie möglich zu erklären wie sie mit der Krankheit umgehen können: dass sie besser nicht dagegen reden, wenn der Demente aus seiner eigenen Welt heraus reagiert und wie sie stattdessen darauf eingehen können damit der Betroffene sich auch weiterhin ernst genommen und verstanden fühlt.
Die Aufklärung zu Vollmachten, Ansprüchen etc. fällt nicht in unseren Bereich, obwohl ich keine Gelegenheit auslasse, JEDEM - auch Freunden und Bekannten ans Herz zu legen wie wichtig es ist, für alle Fälle klarzustellen wo und wie man behandelt werden möchte wenn man sich nicht mehr selber dazu äußern kann !!!
Viele verdrängen den Gedanken, in eine hilflose Lage zu geraten - klar, wer denkt schon gerne über sowas nach - die meisten sagen nur:* für mich wäre das Leben in so einem Zustand nicht mehr lebenswert* --- und vergessen das Thema lieber gleich wieder.
Dabei kann es wirklich jeden von uns treffen, durch einen Unfall, Schlaganfall, einen Überfall oder eine heimtückische Krankheit an den Punkt zu geraten - nicht erst im Alter ! Und dann ist es überaus wichtig, vorher eindeutig festgelegt zu haben was man will und was man nicht will ! Und genauso entscheidend ist es, ein oder zwei vertrauenswürdige Personen zu bevollmächtigen, den eigenen Willen dann auch durchzusetzen !
zum psychologischen Kollegen (?)Problem kann ich nichts sagen, mir liegen solche hinterm-Rücken-Absprachen fern und beim Gedanken daran bekomme ich nur Bauchweh,
aber zum Arbeitsrechtlichen: Gibt es eine Stellenbeschreibung zu deiner Stelle? Dann würde ich mich an deiner Stelle daran abarbeiten und deutlich machen, dass deine Arbeit genau dieser Stellenbeschreibung entspricht.
Hilfsweise eine Beschreibung der Arbeitsaufgaben
Zertifizierte Alltagsbegleiter/innen
http://familienpflege-duisburg.de/alltagsbegleiter.php
zb eben auch:
Allerdings bezieht sich das nur auf die ambulante Versorgung zuhause!? Bei der begleitenden Arbeit im Heim sind da hauptsächlich leichtere Bastelspiele etc angesagt . . . ?
aber da, mein Lieblingssatz:
wenn auch das sich in diesem Kontext nur auf die ambulante und Pflege zuhause bezieht . ..
Vielen lieben Dank, für die Gelegenheit, sich mit dem Thema mal beschäftigt zu haben! :-)
Hoffentlich ist es bei dir nun auch zu einem guten Schluss gekommen!?
Vielen Dank, dass du dir so viel Mühe gemacht hast, zu allen Aspekten meiner Frage so viel zu recherchieren !
AUCH ALLEN ANDEREN VIELEN DANK !!!
Ihr habt mir alle Mut gemacht, nicht aufzugeben und: ich konnte mich durchsetzen :)! Die Glotze wird zugehängt wenn sie ausgeschaltet ist und ob ich mit den Angehörigen weiterhin reden darf wird zumindest z.Zt. ernsthaft besprochen anstatt einfach nur verboten !