Frage von Quatre, 25

bipolare störung typ 2: gemischte episode, rapid cycling oder Zyklothymie?

Ich habe einen neuen Therapeuten (2 Sitzungen), der mich unbedingt zu Cyclothymie umdiagnostizieren will. Ist ein Kriterium dafür nicht der anhaltende Mischzustand ohne eindeutige depressive oder hypomanische Ausprägung über eine Dauer von mindestens zwei Jahren?! Ich bekam vor einigen Jahren die Diagnose bipolare Störung Typ 2 und finde sie absolut zutreffend. Jetzt habe ich den Eindruck, seit zwei Wochen in etwas wie einer gemischten Phase (oder rapid cycling?) zu sein, was ich ihm klarzumachen versuchte. Er scheint sich mit dem Krankheitsbild nicht auszukennen. Ich befürchte (schlimmstenfalls), demnächst von diesem Mischzustand in eine echte Destabilisierung abzurutschen (weswegen ich überhaupt zurück in Therapie bin, weil ich ohne Medikamente lebe.) Die Cyclothymie-Interpretation scheint mir Quatsch zu sein. Hat jemand Wissen/Erfahrungen zu Mischzuständen bei explizit bipolarer Störung Typ II?

Antwort
von DocRough, 18

Also eins vorneweg, ich würde mindestens noch eine zweite Meinung einholen von einem Facharzt. Ist dieser Therapeut denn auch Psychiater oder Psychologe? Hat er sich auch umfassend über deinen Krankheitsverlauf der vergangenen Jahre beschäftigt und liegen ihm auch alle Daten vor? 

Also ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich gerade nach so kurzer Zeit der Therapie nicht unbedingt darauf verlassen sollte, was der behandelnde Arzt / Therapeut so diagnostiziert. Das ist bei dem Krankheitsbild der bipolaren Störung allerdings auch nicht wirklich einfach. Welche Medis hat er dir denn verschrieben bzw. welche nimmst du zur Zeit? Ich nehme mal an Lithiumcarbonat ist dabei, nur welche Kombi mit anderen Medis?

Kommentar von Quatre ,

Danke für die Antwort! Mein Eindruck enspricht deiner Erfahrung. - Dieser Psychotherapeut ist Diplompsychologe, ich strebe dort eine Verhaltenstherapie zur weiteren Stabilisierung an. (Deswegen bin ich auch etwas unsicher, welchen Zweck sein Neu-Diagnoseversuch genau haben soll.) Ich habe ihm meinen Krankheitsverlauf geschildert, seine Beschäftigung mit dem Krankheitsverlauf bestand dann jedoch darin, dass er angestrengt in einem Handbuch las und endlich Zyklothymie herausfischte. Ich habe den Eindruck, dass er über Typ II keine Kenntnis hat, da er meine Symptome stets mit Typ I Manien zu vergleichen schien (hiermit hat er wohl privat vor langer Zeit direkte Erfahrungen gemacht), was bei mir aber wenig sinnvoll ist. Was vielleicht auch eine Schwierigkeit ist, ist, dass ICD-10 gemischte Episoden der Bipolar-II-Störung (bzw. diesen Sub-Typ insgesamt) nicht differenziert erfasst.

Ich nehme gegenwärtig keine Medikamente, und hoffe auch, das weiterhin nicht zu müssen. Falls ich aber doch welche brauche, und dafür zum Psychiater gehe, und bis dahin dieser Therapeut Zyklothymie (was einfach quatsch ist, in den letzten 2 Jahren hatte ich eindeutig als solche abgrenzbare hypomanische und depressive Episoden! die aber im Rahmen anderer ärztlicher + therapeutischer Behandlungen nicht einzeln diagnostiziert wurden) auf meinen Zettel gestempelt hat, ist das dann irgendwie nachträglich? Ich habe den Eindruck, dass der neue Therapeut mich (und sich?) undebingt von der bipolaren Idee abbringen will. Was mir an sich nicht wichtig wäre, es verkennt aber das gesamte Risikopotenzial, WEIL ICH WEIß, dass ich von hier aus (anders als typischerweise der spitzenlose Dauerzustand des Zyklo-Mischmasch, der mir angedichtet werden soll) abrutschen könnte. Der Teil des Gesprächs endete mit "Wenn Sie mich nicht von etwas anderem überzeugen, ist das für mich F34.0." Und ich denke mir, meine Güte, beweisen kann ich's jetzt auch nicht, wenn ich jetzt nicht (sein Beispiel) eine Tankstelle ausraube und irgendwohin in die Walachei abhaue, bis ich zwangseingewiesen werde. <.<''

Kommentar von DocRough ,

Eins ist klar: Der Psychotherapeut, der eine Verhaltenstherapie mit dir gemeinsam vornimmt und das erfahrungsgemäß über einen längeren Zeitraum, sollte dir liegen. Die passende Chemie ist sehr wichtig, damit das mit der Therapie von Erfolg gekrönt wird. Wenn du also triftige Gründe hast seine Vorgehensweise und Einschätzung anzuzweifeln, kann ich dir nur raten den Therapeuten zu wechseln.

Aus deiner Antwort geht hervor, dass du medikamentösen Behandlungen (parallel zur Therapie) skeptisch / negativ gegenüber stehst, aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass eine gewisse Offenheit dahingehend nicht verkehrt ist. 

Bipolare neigen ja dazu, der Medikamenteneinnahme in Form von z.B. Lithium, Benzos, Neuroleptika und Antidepressiva eher negativ gegenüberzustehen. Das war früher bei mir auch so. Man liest ja dann oft von starken Nebenwirkungen und Suchtgefahren (Benzos), etc. Eiins sollte man dann aber auch immer hinterfragen: Wenn ein Medikament dafür sorgt, dass man teilweise stark eingeschränkte Lebensqualität (während Depriphasen je nach Schweregrad, nach Manien wenn man vor den Trümmern der Folgen manischer Phasen steht und währenddessen, wenn man seinen Körper bis zum Äußersten malträtiert) signifikant verbessert wird und die Phasen dadurch abgeschwächt oder die Zwischenphasen verlängert werden, muss man doch die möglichen Nebenwirkungen in Relation dazu setzen. Reines Kosten/Nutzen Denken eben. 

Lithiumcarbonat, das ja ursprünglich in den 50ern gegen epileptische Anfälle wirken sollte, ist ja auf Basis eines Stoffes, den wir im Körper ja grundsätzlich benötigen. Wenn dieser Lithiumhaushalt gestört ist, kann das auch der Grund sein, dass man bei gewisser Affinität eine Phase triggert. Wenn man es also retardierend einnimmt und einen Spiegel aufbaut, wirkt es erfahrungsgemäß phasenprofilaktisch sowie als Zusatzmedi zu anderen auch phasenglättend. Das bisschen Zittern, was als Nebenwirkung gerade in den ersten Wochen vorkommen kann und die Neigung zur Gewichszunahme, der man gegenwirken kann, sind in meinen Augen ein sehr bezahlbarer Preis für die Wirkung.

Möchte damit sagen: Studiere deine Krankheit, überlege dir was die optimale Überlebensstrategie sein könnte, sei offen für alles, immer mit dem Gedanken, dass du nichts tun musst, aber alles tun könntest. Dein Krankheitsbild ist durch seine stärkere Wechselhaftigkeit kein einfaches, aber es gibt auch immer Wege, wie man damit besser zu recht kommen kann und da würde ich an deiner Stelle wirklich alle Möglichkeiten und Mittel sowohl ausloten, als auch probieren. Du selbst bestimmst dann, ob etwas gut wirkt bei dir oder du es lieber mit etwas anderem versuchst. Das gilt sowohl für die Einnahme von ADs während depressiven Phasen, als auch der Einnahme von unterstützenden und profilaktisch wirkenden Meds. 

Eine Zwangseinweisung will natürlich niemand erleben, ist ja auch übel, aber auch der Weg in eine Klinik sollte nie als letzter Schritt gesehen werden, sondern als mögliche Option. Schließlich geht s ja um dein Leben und damit einhergehend auch um die Lebensqualität von Familienmitgliedern und Freunden. Aber in erster Linie eben um dich und nur du kannst einschätzen (also auch kein studierter Psychologe, Psychiater, Whatever kann das besser als du), ob dir etwas hilft oder nicht. 

Ich würde mir also an deiner Stelle einen neuen Therapeuten suchen, schauen ob die Chemie stimmt und unterstützend zu einer kognitiven Verhaltenstherapie auch einen Psychiater konsultieren, mir eine Vergleichsdiagnose stellen lassen und ggf. unterstützend je nach aktuellem Befinden auch Medis ausprobieren. Ich bin nunmehr seit Ausbruch der Krankheit seit 22 Jahren bipolar und blicke auf 2 stark ausgeprägte manische Phasen, 2 hypomanische Phasen schwächerer Ausprägung, 2 stark ausgeprägte depressive Phasen und eine schwächer ausgeprägt depressive Phase zurück, darunter waren auch 2 Klinikaufenthalte. Ich habe die Krankheit ignoriert, verteufelt und auch ausgiebig studiert und den möglicherweise optimalen Weg mit ihr umzugehen gefunden. Viel Glück und alles Gute auf deinem weiteren Weg. 

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