Frage von Tarantula111, 124

Biotop-Aquarium mit heimischen Arten?

Ich würde mir gerne ein Biotop-Aquarium anlegen. Bei dem dargestellten Biotop soll es sich aber nicht um den Kongo, Amazonas oder wer weiß was handeln. Ich würde gerne versuchen unsere heimischen Fisch- und Pflanzenarten in einem Becken unterzubringen, da wir meiner Meinung nach auch direkt vor der Haustür wunderschöne aquatische Ökosysteme haben. Man muss sie nur suchen ;) Da mein Becken mit 70l relativ begrenzt ist, möchte ich natürlich nur kleine Friedfischarten, wie z.B. Moderlieschen, Ukeleien oder so was in die Richtung halten. Passende Wasserpflanzen und geeigneter Bodengrund finden sich ja praktisch in jedem Bach, oder Graben. Hat vielleicht irgendwer mit einem Kaltwasseraquarium dieser Art schon Erfahrungen? Worauf muss ich achten? Was für Fischfutter ist am besten geeignet? Ist so ein Projekt überhaupt möglich? Ich bin für jeden Tip dankbar!

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Grobbeldopp, Community-Experte für Aquarium, 55

Ich kann leider gerade keine Kommentare schreiben (liegt wohl an veraltetem Browser) deshalb antworte ich nochmal.

@ Tarantula111

Bei 70 Liter, wenn es dabei bleibt, wird es mit heimischen Fischen schwierig. Schnecken, z.B. die schönen Spitzschlammschnecken, Wasserasseln, Cyclops, Wasserflöhe und alles mögliche an Getier, das man im Sommer in stehenden Gewässern findet ist aber auch interessant, wenn auch klein. Kleingetier aus kalten Bächen haben bei Zimmertemperatur eher keine Chance. Ohne Fische kannst du ein Becken filterlos betreiben.

Heimische Wasserpflanzen aus der Natur, nun ja. Da kannst du gerne ausprobieren. Allzuoft gehen die einfach ein und verfaulen weil sie die Bedingungenbim Bedken nicht vertragen oder ihr auf Jahreszeiten ausgelegter Rhytmus durcheinandergeht oder warum auch immer. Sie zum Blühen zu kriegen ist noch ein Schwierigkeitsgrad mehr (Beleuchtung!) und ich nehme mal an darauf bist du mit Hahnenfuß und Wasserfeder aus...

Sumpfschwertlilien sind keine Wasserpflanzen, bei ständig 30cm Wasserstand wird das nichts, da brauchst du ein Paludarium und überhaupt wozu der ganze Aufwand.

Wasserpest ist recht erfolgsversprechend, Hornkraut (Ceratophyllum) gedeiht immer (super Aquarienpflanze!), verschiedene Tausendblattarten und Laichkrautarten (Potamogeton) findest du oft in Teichen etc. und können einen Versuch lohnen. Quellmoos gibt es in manchen Bächen, kann man mal versuchen, geht aber meistens nicht . Das Pfennigkraut Lysimachia nummularia wächst bestimmt irgendwo in deiner Umgebung als "Landpflanze" an sumpfigen stellen oder Gräben oder auf Lehmboden oder am Wegesrand, es wächst auch wie das Hornkraut mit Garantie außer bei ganz schwachem Licht, hält sich aber "nur" ein paar Monate unter Wasser.

Teichlebermoos und Wasserlinsen, bei offenem Becken auch Muschelblume und Froschbiss sind denkbare Schwimmpflanzen für ein Teichaquarium.

Nuphar lutea, die gelbe Teichrose, ist eine nicht unkomplizierte, aber sehr schöne Pflanze für deutlich größere Becken.

Soviel zu den Pflanzen, das ist noch lange nicht vollständig.Jetzt noch allgemein zu Biotopaquarien ein paar Überlegungen: Ein Aquarium ist winzig und hat ganz andere Bedingungen als die Natur. Deshalb ist es insgesamt überhaupt nicht leichter, ein Biotopaquarium einzurichten als ein Becken mit Tieren und Pflanzen, die sich in der Natur nie begegnen. In der Natur konkurrieren Pflanzen und Tiere innerhalb des selben Biotops um Platz und Ressourcen und es gibt zahlreiche Räuber-Beute-Wechselwirkungen. Im Aquarium ist all dass wegen des begrenzten Platzes nicht umsetzbar, deshalb scheiden die meisten "natürlichen" Kombinationen aus und man muss eine sorgfältige Auswahl treffen. "Unnatürliche" Vergesellschaftungen wie in den meisten tropischen Warmwasseraquarien dagegen können komplett unproblematisch sein, wenn alles nebeneinander her leben kann. Störungsfreies Nebeneinanderherleben ist im Aquarium das wichtigste, in der Natur gibt es das nur selten. Du hättest es tatsächlich viel leichter etwas schönes und interessantes zusammenzustellen, wenn du dir die Begrenzung auf heimische Tiere und Pflanzen aus dem Kopf schlagen würdest oder zumindest Ausnahmen zulassen würdest. Vor allem bei den Fischen!

Im Boden enthaltene Mikroorganismen sind dabei ziemlich egal, es gibt da keine spezifischen Symbiosen von denen ich wüsste. Schlamm oder Erde als Bodengrund würde ich nicht empfehlen, ist zwar nicht unmöglich (ohne Strömung!) aber Sandboden ist nicht umsonst der Standard.

Zwischen einem experimentellen Glaskasten voller gesammeltem Zeugs und einem stabilen Aquarium ist alles drin, es liegt an dir. Meine ich jetzt ganz neutral, nichts gegen esperimentelle Glaskästen.

@ Janni51312 :

Rotfedern und Rotaugen und auch ganz kleine Brassen, Güstern und Karauschen sind an sich sehr einfache und gute Aquarienfische. Zwei Probleme: Erstens die Größe natürlich, für erwachsene Tiere brauchst du an die tausend Liter, bei Brassen viel mehr. Dann die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen mit kühler Überwinterung.

Wenn du solche Fische halten möchtest, jedoch keine kühle Überwinterung und nur ein kleineres Becken (unter 100-200 Liter wäre blöd) hast gibt es folgende Möglichkeit:

- Kauf oder fang dir (Köderfischsenke oder Stippe mit Schonhaken und Angelschein) Jungtiere, die nicht viel größer sind als die Länge deines Aquariums geteilt durch zehn. Wenn du die Fische einem Gewässer entnimmst tu das im Sommer. Setz sie danach zurück noch bevor es kalt wird draußen oder finde jemand, der sie in einen Teich aufnimmt oder frittiere die Fische in Bierteig, bevor das Rückgrat zu steif wird um es mitzuessen. Ernst gemeint.

- Beachte, falls die Sommergäste in ein mit Fischen besetztes Aquarium kommen, dass ein gewisses Risiko besteht, dass du dir Parasiten oder Krankheiten einschleppst.

- Die Temperatur in deinem Aquarium sollte sicherheitshalber im tieferen Bereich des normalen Heimaquariums liegen, 16-24 Grad sind komplett ok. Wenn du aufgrund des Beckenstandortes nicht garantieren kannst dass 30 Grad niemals überschritten wird lass es sein. Rotfedern verkraften hohe Temperaturen noch am besten.

- Bitte informier dich über die Legalität deines Handelns und sieh das hier nicht als Aufruf zum Gesetzesbruch an. Der Part mit dem Bierteig ist noch so ziemlich das legal am besten abgesicherte, falls du einen Angelschein oder "Angelknecht" hast. Ich kenn mich da nicht aus.

Döbel und Barsche, noch kurz dazu: Spricht auch nichts dagegen, Jungtiere zu halten, es ist nur noch etwas mehr Vorsicht mit hohen Temperaturen angesagt. Die Barsche bitte NICHT MIT ANDEREN FISCHEN ZUSAMMEN HALTEN, sondern in einer Gruppe unter sich.

Kommentar von Tarantula111 ,

Vielen Dank für die lange, aber umso hilfreichere Antwort! Einen Angelschein habe ich. Über den Besatz von Fischen werd ich wohl nochmal gründlich nachdenken müssen. Dass das Aquarium keine realen Bedingungen eines Ökosystems widerspiegeln kann, ist mir natürlich klar. Ich studiere selbst einen Studiengang, in dem ich sehr viel mit Bakterien und anderen Mikroorganismen zu tun hab. Ich könnte mit gut vorstellen, das die Zusammensetzung der Bakterienarten, ähnlich wie im menschlichen Körper, der wichtigste Grundstein für das Leben mehrzelliger Organismen ist. Ich werds herausfinden :P Auf nicht heimische Arten weil ich eigentlich nur sehr ungern zurückgreifen. Eben das ist ja die Herausforderung an der ganzen Geschichte. Klar wird auch mal die ein oder andere Pflanze eingehen. Aber dann muss ich wohl nochmal los und eine neue besorgen. Solange, bis das Aquarium relativ stabil läuft. Und ein heimisches Biotop-Aquarium hat glaub ich wirklich nicht jeder :D Wobei das doch eigentlich schon irgendwo naheliegend ist, oder nicht? Ich freu mich jedenfalls schon riesig auf das rumexperimentieren. Vielleicht werd ich mir noch eine Kühlung selber bauen, aber das wird sich alles noch zeigen. Ich hab das Aquarium übriges nochmal nachgemessen. Es hat 120 l statt 70 l. also wahrscheinlich ca. 100 l Wassermenge, da ja noch Boden, etc rein kommt. Fische werd ich wohl erst einsetzen, wenn der Rest stabil läuft, um sie nicht unnötig zu gefährden. Das Projekt steht jedenfalls schon in den Startlöchern. Die Semesterferien können kommen :D

Expertenantwort
von Grobbeldopp, Community-Experte für Aquarium, 79

Hi

Einige heimische Arten sind prinzipiell für sowas geeignet, nämlich Bitterling, dreistachliger Stichling und Moderlieschen. Eventuell noch Bachschmerle, Elritze und Schlammpeitzger, Laube, Groppe und Steinbeißer. Diese Arten stellen unterschiedliche Ansprüche, bewohnen unterschiedliche Biotope und sind nur teilweise miteinander zu vergesellschaften. Aber 70 Liter sind dafür einfach nicht optimal. Ein doppelt so großes Becken würde sich schon besser anhören, Elritzen erst ab 200 LITER. Ukelei/Laube wird 15cm groß, mehr als 300 Liter wären angebracht.

So jetzt kommen die Einwände:

- die meisten der Fische musst du erst mal beschaffen können, die gibts nicht an jeder Ecke bzw oftmals nur nahe asiatische Verwandte. Ich hätte persönlich keine Skrupel insbesondere Stichlinge oder Lauben der Natur zu entnehmen, das ist aber fast immer illegal. 

- Bitterlinge sind sinnlos ohne Muscheln, Muscheln musst du extra halten und das ist nicht ganz leicht

- Stichlinge sind agressiv bei der Revierverteidigung

- Groppen, Bachschmerlen und Elritzen sind besonders temperaturempfindlich, aber auch alle anderen Fische sind KALTWASSERFISCHE. Im Wohnzimmer geht da nichts, entweder du hast kühle Räumlichkeiten und/oder ein teures stromfressendes Kühlgerät (nicht umsonst selten).

- mehrere von diesen Fischen nehmen nicht oder nicht immer Flockenfutter auf

- du hast wenig Gelegenheit zum Erfahrungaaustausch mit anderen Haltern, weil kaum jemand diese Fische hält.


Die einfachsten von diesen Fischen sollten die Moderlieschen und Lauben sein. Pflanzen und v.a. Bodengrund (außer Kies) der Natur zu entnehmen ist nur bedingt sinnvoll. 

Kommentar von Grobbeldopp ,

Wesentlich einfacher wird die Sache wenn du z.B. Stichlinge oder Weißfischbrut als "Sommergäste" in ein laufendes Aquarium setzt, sie dort ein paar Wochen beobachtest und zurücksetzt. Dabei wirst du aber uU mit dem Gesetz in Konflikt kommen.

Kommentar von Tarantula111 ,

Okay Danke. Ob ich da auch Fische einsetz, weiß ich noch nicht. Vielleicht werde ich es auch bei Wasserpflanzen belassen. Ich hab da an Wasserfeder, Wasserpest, Flutender Hahnenfuß oder so gedacht. Vielleicht werd ich noch eine Sumpfschwertlilie einsetzen, den Deckel abnehmen und das Aquarium dann anders beleuchten. Müsste der Besatz nicht eigentlich viel unproblematischer sein, da nicht nur die Pflanzen, sondern auch die im Boden enthaltenen Mikroorganismen ohnehin schon miteinander leben?

Kommentar von Janni51312 ,

wollte sowas in der Art auch machen, hat von euch jemand Erfahrung mit kleinen Rotfedern, Rotaugen, eventuell Brassen, Flussbarschen und Döbeln?

Antwort
von OldAndy, 28

Ich habe früher auch heimische Fische (Stichlinge, kleine Barsche, Schleien, Mini-Hechte und kleine Rortfedern) in einem recht grossen Aquarium gehabt. Das war alles sehr interessant, aber später taten die Fische mir leid und ich hab' sie in ihr Ursprungsgewässer zurückgesetzt. Aus heutiger Sicht würde ich unsere wunderschönen heimischen, freilebenden Fische nicht mehr in ein Glas-Gefängnis setzen. Im übrigen bin ich überhaupt kein Freund davon, Wildtiere -welcher Art auch immer- in Gefangenschaft zu halten!

Kommentar von Grobbeldopp ,

Dein Kommentar kommt mir irgendwie vor wie die Antwort eines Veganers auf die Frage"welches Steak ist das beste". Die fon dir genannten Arten sind sowieso dauerhaft nur in gigwntisdhen Aquarien artgerecht zu halten, niemand ist dafür die langfristig im normalen Aquarium zu halten. Selbstverständlich gibt es ethische und juristische Probleme auch mit der kurzfristigen Haltung von Wildfischen im Aquarium. 

Kommentar von OldAndy ,

Oh je - keinesfalls wollte ich hier den Moralapostel spielen (und schon gar nicht auch nur in die Nähe von Veganern gerückt werden!). Mein Anliegen war es lediglich, auf einen Rand-Aspekt in der Vielzahl der Probleme bei solcherart Hälterung/Beobachtung aufmerksam zu machen. Keinesfalls solltest du dies als moralisch erhobenen Zeigefinger sehen. Ich hoffe, du hast noch viel Spass bei deinen sicherlich spannenden und auch schönen Experimenten in und mit dem Aquarium.

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