Frage von AnkiAnki,

biologische/kulturelle Evolution

Was ist der Unterschied zwischen biologischer Evolution und kultureller Evolution?

Antwort von Ursulala,

Ich gebe mal eine Antwort aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie (http://knol.google.com/k/systemische-evolutionstheorie), die ich bereits bei einer ähnlichen Frage formuliert hatte (derjenige hat sich dann aber nie mehr blicken lassen - so ist das halt hier ganz oft - schluchz).

Bei der Evolution geht es um den Erhalt von Lebensraumkompetenzen. Darwin sprach immer von Anpassung/Adaption, aber das ist gerade bei der kulturellen Evolution problematisch, weil sich die Individuen dabei oftmals gar nicht an eine relativ statische Umgebung anpassen, sondern ihre Umwelt aktiv verändern (was nicht passt, wird passend gemacht!).

Gut sehen, schnell laufen, Nahrung und Fortpflanzungspartner erlangen usw. sind alles Kompetenzen. Evolution ist nicht nur Entwicklung, sondern eigentlich eher Weiterentwicklung. Sie "versucht" den einmal erreichten Status (d.h. die Kompetenzen; das, was schon entwickelt wurde) zu erhalten und darauf aufzubauen. Dafür müssen die Kompetenzen in irgendeiner Weise speicherbar sein. Und jetzt kommt es:

  • Kompetenzen, die im Genom (oder auch epigenetisch drumherum) gespeichert und dann in der Regel (es gibt auch Ausnahmen, z. B. Symbiose) per Fortpflanzung an Nachkommen weitergegeben werden, gehören zur biologischen Evolution. Biologische Evolution handelt also von genetisch vermittelbaren Lebensraumkompetenzen.
  • Kompetenzen, die im Gehirn oder sogar außerhalb des Gehirns (Schrift, Bücher, Datenbanken, Internet) gespeichert werden, gehören stattdessen zur soziokulturellen Evolution.

Gut sehen zu können, ist in dem Sinne vor allem eine genetische Kompetenz, die im Rahmen der biologischen Evolution entstanden ist. Gut Deutsch sprechen und schreiben zu können ist hingegen eher eine kulturelle Kompetenz. Hier gibt es allerdings gewisse Überschneidungen, da behauptet wird (Chomsky), der Mensch besitze eine Art Universalgrammatik, die genetisch sei (es gibt auch unterschiedliche Sprachbegabungen). Dennoch: Gute Augen bekommst du über die Gene deiner Eltern per Fortpflanzung, gute Deutschkenntnisse durch Lernen, Imitation etc. ("Muttersprache").

Den Unterschied kannst du auch bei den Vögeln sehr gut erkennen: Pfauenmännchen überzeugen ihre Weibchen durch ihren grandiosen Schweif. Dieser ist genetisch bedingt und folglich Teil der biologischen Evolution. Andere Vogelmännchen trällern ihren Weibchen ständig etwas vor. Oft ist es dann so, dass ihr Melodienpool erworben und geübt wird. Die Melodien werden folglich in den Gehirnen der Männchen gespeichert. Sie sind also Teil der kulturellen Evolution dieser Vogelart.

Beim Menschen kommen erschwerend die sog. Superorganismen hinzu. Dazu gehören die Unternehmen, z. B. Nokia und Samsung. Diese besitzen gleichfalls Kompetenzen (tolle Handys bauen zu können), die sie fortlaufend speichern und weiterentwickeln. Deren Evolution ist heute wesentlicher Bestandteil der soziokulturellen Evolution. Hierbei evolvieren aber keine Menschen, sondern Unternehmen (Superorganismen).

Ganz grob kannst du also sagen: Alle Fähigkeiten und Merkmale des Menschen, die in Genen gespeichert werden, sind Teil der biologischen Evolution, alles andere ist Teil der soziokulturellen Evolution.

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