Tja, das ist eine interessante Frage... ich habe in den 20 Jahren, die ich inzwischen in Deutschland als "reinrassiger Russe" leben durfte, so viele Menschen kennengelernt, die einen deutschen Paß haben, dabei nur sehr wenig deutsch können und sich überhaupt nicht als Deutsche fühlen, und dann noch andere, die komplett ausländischer Abstammung sind, die aber nach ein Paar Jahren bereits Deutsch perfekt in Wort und Schrift beherrschen und sich super integriert haben, abgeschlossene schulische und berufliche Ausbildung haben usw.
Für das Gesetz ist wichtig, daß Du auf dem Papier ein Deutscher bist, für Deine Mitbürger hier in Deutschland ist wahrscheinlich wichtiger, daß Du Dich problemlos mit ihnen verständigen kannst und dich nicht als "Ausländer" selbst abgrenzt...
Ich lebe, wie gesagt, seit über 20 Jahren in Deutschland und habe immer noch meinen russischen Paß - nicht weil ich noch keine deutsche Staatsbürgerschaft bekommen darf, sondern weil ich nie wirklich dazu gekommen bin, das mal zu veranlassen :) Hat mir aber auch nie was ausgemacht. Ich habe mir immer schon einen Spaß daraus gemacht, meinen roten russischen Reisepaß bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten vorzuzeigen und zu beobachten, wie die Leute hierzulande darauf reagieren, als sie mich akzentfrei deutsch sprechen hören.
Wenn Du mit mir sprechen würdest, würdest Du nie darauf kommen, daß ich russischer Abstammung bin - bis jetzt hat es niemand geschafft :) Aber andererseits fühle ich mich ebenso als Russe - ich würde auch in Russland nie durch einen Akzent auffallen. Die deutsche wie die russische Kultur sind mir beide wichtig und verständlich - ich kann mich mit beiden perfekt identifizieren.
So, und jetzt sag mir - bin ich nun mehr ein Deutscher, weil ich in einer deutschen Schule einer der besten Schüler im Fach "Deutsch" war, über deutsche Witze lachen kann, usw.? Oder bin ich eher ein Russe, weil ich nunmal immer noch einen russischen Paß habe, ausgezeichnete Russischkenntnisse habe, die russische Kultur über alles liebe, und mir gern und viele Bücher und Filme in russischer Sprache lese/anschaue?
Wer, bitteschön, kann denn eigentlich überhaupt noch von sich selbst behaupten, kein "Mischling" zu sein? Kein einziger auf der ganzen Erde! :) Ist es wirklich wichtig, WOHER man kommt, solange man sich voll und ganz "zu Hause" fühle dort, WO man lebt? Du bist doch eigentlich allen denen, die Dich als Russe bezeichnen und es dabei nicht so nett meinen, in gewisser Weise überlegen - Du hast zwei verschiedene Kulturen verinnerlicht - das macht Dich innerlich um einiges "reicher" als die, ist es nicht so? Die wären in Russland doch total verloren - ohne einen Dolmetscher und ohne die elementaren Kenntnisse der russischen Kultur. Fühlst Du Dich da den anderen gegenüber nicht im Vorteil?
Danke für die lange Antwort! Ich hätte mal eine Frage: Wie hast Du es geschaft nach Deutschland zu kommen. Früher war es ja schon relativ schwer wegzukommen. Es gibt natürlich Ausnahmen, wo meine Mutter zu gehörte. (Zum Glück) :-)
Also mit "Ausnahmen" meinte ich , wenn es nicht so schwer ist Russland damals zu verlassen. Wenn die Frage übrigens zu Privat war musst Du natürlich nicht antworten.
Wir sind eine "Musiker-Familie". Meine Schwester durfte mit ihrem Lehrer (Professor für Violine) nach Deutschland, um hier Musik zu studieren. Da sie nicht volljährig war, mußten die Eltern mit. Da ich und mein Bruder jedoch ebenfalls minderjährig waren, mußten wir mit - so einfach war das. Da wir hier in Deutschland sofort eingeschult wurden, bekamen wir immer wieder beim Schul-(Klassen)-Wechsel das Visum verlängert, bis es irgendwann nicht mehr notwendig war. Dann hieß es nämlich - "ihr seid ja bereits seit 6 Jahren hier" - jetzt habt ihr eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis...die habe ich immer noch. Meine ganze Familie ist also hier - meine Eltern (können beide nicht so gut, aber ausreichend deutsch), mein Bruder (der gleichermaßen wie ich der deutschen Sprache mächtig ist), und meine Schwester, die als einzige eine große musikalische Karriere aufbauen konnte. Meine Eltern fühlen sich, ehrlich gesagt, nicht absolut wohl hier, können es sich aber dennoch nicht vorstellen, nach Rußland zurückzugehen - hauptsächlich aus dem Grund, weil sich dort in den letzten Jahren alles so sehr verändert hat. Es war also nicht so schwer für uns. Natürlich gab es irgendwann Probleme mit dem Visum, dann auch irgendwann mit den Pässen, die damals NUR in Rußland verlängert werden konnten. Aber jetzt legt man uns diesbezüglich keine Steine mehr in den Weg, Gott sei dank :)
Danke für die Antwort!
Das nenne ich mal einen perfekt integrierten "Ausländer" (Achtung: Gänsefüschen!) in jeder Hinsicht. Sowas liest sich doch wie Butter (die Redewendung gibt es nicht, oder?xD), sowohl inhaltlich, als auch in der Rechtschreibung. An dir sollten sich viele Russen, die ich kenne (die meisten Deutschrussen), ein Beispiel nehmen bzw. die Eltern dieser, weil sie ja für die Erziehung zuständig waren/sind. :)
DH !!
LG
:) danke, danke. Ich habe mich wirklich angestrengt