Frage von Babbelschule, 28

"Beurteilung europäischer Lebensweisen aus buddhistischer Sicht"?

Hallöchen! Wir müssen ein Referat zu der oberen Frage halten. Nur leider finden wir im Internet keine genauen Angaben. Es wäre super wenn jemand der dieser Religion angehört sich dazu äußern könnte. Danke schon mal im Voraus! :)

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus & Religion, 15

Ich bin Buddhist und äußere mich mal dazu.

Nach der Lehre des Buddhismus besteht zwischen alle Dingen eine wechselseitige Abhängigkeit und sie bedingen sich gegenseitig.

Ich sehe die Chancen und Probleme der Gegenwart daher nicht als regional isolierte Aspekte, sondern als umfassendes Konzept.

Problematisch ist meiner Ansicht nach das massive Konsumverhalten, dass sich in praktisch allen großen Industrienationen findet.

Zum einen wird der Konsum als Versuch der Kompensation für innere Bedürfnisse und zur Verdrängung existenzieller Fragen genutzt. Dadurch schafft sich der Konsument selbst gewisse Defizite.

Übertriebener Konsum ist also ein Ausdruck des individuellen Leidens.

Zum Anderen trägt unreflektierter Konsum aber auch zur Umweltzerstörung und zur Ausbeutung von Menschen und Tieren bei. Monokultur, Pestizide, Erosion, Sklavenarbeit, Gesundheitsgefahren und vieles mehr gehören dazu.

Übertriebener Konsum schafft also auch kollektives Leiden.

Generell lässt sich sagen, dass ein privilegierter Lebensstil in besonders großem Maße auf dem Leid anderer Wesen beruht und durch das ständige Bedürfnis nach "besserem" Lebensstil nie wirklich zufrieden stellt.

Im Bezug auf das Verbraucherverhalten gibt es aber zwei Trends, die diesem Verlauf zumindest teilweise entgegentreten.

LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) ist ein Lebensstil der auf Gesundheit und Nachhaltigkeit beim Konsum besonderen Wert legt.

Aus buddhistischer Sicht positiv zu bewerten ist, dass der Verbraucher hierdurch Verantwortung für seinen Konsum übernimmt und zerstörerischen Aspekten entgegentritt.

Negativ ist dabei, dass es aufgrund geschickten Marketings immer noch Bio/Öko/Wellness/Fair Trade-Produkte gibt, die der Mensch eigentlich nicht wirklich benötigt, jedoch durch Werbung ein künstliches Bedürfnis geschaffen wird. Er kauft und besitzt mehr als er eigentlich benötigt.

Außerdem kann auch ein solcher "sanfter Konsum" weiterhin dazu beitragen, dass man sein Glück und dauerhafte Befriedigung in äußeren Dingen sucht, was nach buddhistischer Sicht nicht wirklich ist

LOVOS (Lifestyle of Voluntary Simplicity) ist dagegen ein Lebensstil der "freiwilligen Einfachheit", bei der auf alles überflüssige verzichtet wird.

Aus buddhistischer Sicht positiv zu bewerten ist, dass der Mensch nicht zum Konsumenten wird, sondern darauf verzichtet, sich Bedürfnissen hinzugeben, die er ohne Werbung teilweise überhaupt nicht hätte

Negativ zu sehen ist, dass auch ein "einfacher Lebensstil" eine Form von Statussymbol sein und Egoismus fördern kann, da man sich anderen Menschen moralisch überlegen fühlt.

Problematisch ist natürlich, dass eine Wirtschaft auf einen gewissen Grad an Konsum angewiesen ist. Würde jeder in eine Holzhütte im Wald ohne Strom ziehen, hätte dies Konsequenzen für die Unternehmen.

Als Buddhist gilt es also den "mittleren Weg" - zwischen gedankenlosem Konsum und völliger Konsumverweigerung zu finden.

Kommentar von Enzylexikon ,

Die geistige Haltung der Gesellschaft wäre ein weiterer wichtiger
Punkt, wenn man den Buddhismus heranzieht.

Der Leistungsdruck führt zu einer Verschärfung der so genannten "Ellenbogengesellschaft" in der man den eigenen Vorteil an erste Stelle stellt.

Wer weniger Leistung bringt als gefordert, hat weniger gute Voraussetzungen auf einen hohen gesellschaftlichen Status und die entsprechenden Statussymbole.

Getreu dem Motto "Kleider machen Leute" sind es aber gerade jene äußeren Statussymbole, anhand derer ein Mensch von seinem Wert her beurteilt wird.

Nach der Lehre des Buddhismus ist die Vorstellung eines ewigen Selbst, eines unveränderlichen "Ichs" eine Illusion.

Wissenschaftler würden vielleicht sagen, das "Ich" sei ein Konzept, dass durch biochemische Prozesse und Gehirnaktivität entsteht, aber ohne diese Faktoren tatsächlich nicht existent wäre.

Dennoch verhalten sich viele Menschen so, als würde nicht die Erde um die Sonne, sondern die Welt nur um sie kreisen.

Siehe hierzu das folgende Lied:

https://www.youtube.com/watch?v=bysD5pKE4p8

Somit ist auch die Lebensweise vieler Menschen ausgesprochen "ich-zentriert" und bezieht sich fast ausschließlich auf die Befriedigung eigenen Wünsche, die nach buddhistischer Vorstellung aber nicht dauerhaft glücklich machen.

Diese Haltung widerspricht dem buddhistischen Konzept des Mitgefühls (Maitri/Metta). Insbesondere zu den Idealen des Mahayana-Buddhismus besteht hier ein krasser Gegensatz.

Im Mahayana-Buddhismus wird vom Praktizierenden zudem die Entwicklung von Weisheit gefordert, damit der Versuch des Helfens nicht blinder Aktionismus wird.

Das ist jedoch keinesfalls eine Art von "Abrechnung" mit dem bösen, dekadenten Westen, wie er von religiösen Fanatikern betrieben.

Denn betrachten wir es einmal positiv

Aufgrund der privilegierten Situation in der westlichen Welt, steht dem Menschen ausreichend Mittel und Zeit zur Verfügung, die er für die Förderung dieser Qualitäten - Weisheit und Mitgefühl - nutzen kann.

Während ein verarmter Landwirt in einem Entwicklungsland täglich um sein Überleben kämpfen muss, kann es sich der westliche Mensch leisten, Zeit für die religiöse/spirituelle Praxis zu nutzen.

Von dieser "Freizeit" könnte der arme Landwirt nur träumen.

Wir aber können nach der Arbeit zur Yoga-Stunde gehen, uns zur Meditation, oder zum Gebet zurückziehen.

Die westliche Lebensweise hat also das Potential, eine Lebensweise jenseits des täglichen Egoismus zu werden.

Nach buddhistischer Sicht ist es deshalb auch nur bedingt hilfreich, sich die Mängel der Gesellschaft vor Augen zu führen.

Jesus soll gesagt haben, man solle nicht auf den Splitter im Auge des Anderen achten, sondern stattdessen den Balken im eigenen Auge kritisch zu hinterfragen.

Von Konfuzius soll der Satz stammen, es sei besser, ein kleines Licht anzuzünden, als über die große Dunkelheit zu klagen.

Dies ist auch der Ansatz des Buddhismus - denn er ist weder eine politische Ideologie, die zum Umsturz der Gesellschaft auffordert, noch eine philosophische Lehre, die das Materielle verteufelt.

Aus buddhistischer Sicht ist die Lebensweise anderer Menschen (um die es in diesem Referat geht) nicht von besonderer Bedeutung.

Der Buddhismus lehrt stattdessen, sich an die eigene Nase zu fassen und selbst die ersten Schritte zu machen, um Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln und allen Wesen zu helfen.

Die Selbstverantwortung ist eine der zentralen Elemente des Buddhismus, daher setzt eine Gesellschaftskritik zunächst einmal eine kritische Selbstbetrachtung voraus.

Ich bin der Verursacher des Leidens, ich töte Tiere, versklave Menschen, zerstöre die Umwelt - durch meine beschränkte Weltsicht und das dadurch beeinflusste Handeln.

Niemand kann sich laut Buddhas Lehre dieser Verantwortung entziehen.

Zu sagen "die Gesellschaft ist schlecht" und sich dann in eine Höhle fernab der Zivilisation zurückzuziehen, nur weil sie einen anekelt, ist kein gelebter Buddhismus.

Will der Buddhist eine "bessere Welt", so fängt er bei sich an - und nicht mit der Kritik an der Lebensweise anderer.

Antwort
von suziesext04, 14

hi Babbelschule - wir sind Altbuddhisten. Also erstmal, aus unserer Sicht gibt es DIE europäischen Lebensweisen nicht.

Es gibt eine sehr grosse Vielfalt von Leben hier, religiös geprägtes, bewusst nicht-religiöses Leben und sehr dumme, oberflächliche Lebensweisen.

In der Buddha-Lehre dreht sich alles um die Beseitigung von Ignoranz, nichtansehen wollen, nicht wissen wollen und die Aufhebung leidenschaffender Zustände.

Der Dalai Lama zb sieht als besondere europäische Werte an Solidarität, Werke der Barmherzigkeit, Toleranz und praktizierten Pluralismus.

Als extrem schädlich sieht er die riesige Schere zwischen arm und reich, parasitäre Lebensweisen nur zur Befriedigung der eigenen Lüste und das Ausleben der schädlichen Neigungen und Abneigungen.

Der ungebremste Kapitalismus der Gegenwart führt zur Barbarei und ist, buddhistisch gesehen, zu verwerfen.

Gibt noch strengere Ablehnung westlicher Lebensweisen bei Buddhisten in Myanmar und Thailand, weil sie da hauptsächlich Westler mit schlechten Manieren und noch schlechterer Moral erleben, sowohl als Touristen wie als Investoren (Prostitution; Kinderarbeit und Umweltverschmutzung aus purer Profitgier)

Antwort
von 1988Ritter, 14

Soviel ich mitbekommen habe, bedarf es zum Buddhismus weder Kultur noch Lebensweise.

Die Frage ist demnach irrelevant.

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