Frage von Simmi26, 130

Benötigt man heute für alles das Abitur, hat den der Realschulabschluss gar keinen Wert mehr?

Firmen und Betriebe suchen angeblich händeringend nach Azubis.

Ich z.B. interessiere mich sehr für eine Ausbildung im Büro- und Verwaltungsbereich. (Verwaltungsfachangestellter, Steuerfachangestellter, Bankkaufmann etc.). Dann holt man extra dafür den Realschulabschluss nach mit einem Top Durchschnitt von 1,4. Dann denke ich mir, so jetzt kann ich mich auf einen dieser Ausbildungsberufe bewerben. Denn der Realschulabschluss war in den meisten Ausbildungsangeboten immer mindestens gefordert.

Dann leider immer nur Absagen oder nach Einladung zu Vorstellungsgesprächen immer in engerer Auswahl gewesen, aber es wurden am Ende immer Abiturienten genommen.

Also ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es wird händeringend gesucht und am Ende doch abgelehnt. Da macht man sich die Mühe einen Top Abschluss zu schaffen, damit man bei Firmen überzeugen kann, und dann das. Also ich komme mir da von der Wirtschaft etwas verarscht vor.

Erst war der Hauptschulabschluss in die negative Kritik geraten. Damit wurde es immer schwerer eine Ausbildung zu finden. Und jetzt ist der Realschulabschluss auch nicht mehr gut genug, oder wie? Was ist bloß los auf dem Arbeitsmarkt.

Ausbildungen sollten für Abschlüsse unter dem Abitur gedacht sein. Und Abiturienten sollen eigentlich studieren gehen. Oder ist das Abitur auch schon in seinem Wert abgesunken?

Ich sehe das schon kommen: in 30 Jahren musst du dann für eine Ausbildung zum Bäcker oder Lagerarbeiter schon das Abitur nachweisen.

Antwort
von christl10, 65

Wenn Du Dich als Bankkaufmann beworben hast, dann wunder es mich nicht, daß Du Absagen für den Beruf bekommen hast. Für den Bankkaufmann brauchst Du wesentlich andere Fähigkeiten als in einem Verwaltungsjob. Bankkaufmann hat mit Verwaltung nichts zu tun. Da musst Du ein hohes Selbstbewustsein haben, Verkaufen und Überzeugen können und ein korrektes Auftreten haben. Hast Du das? Kannst Du das? Habe selbst Bankkaufmann gelernt und wurde mit der Mittleren Reife genommen. Gut 50% der 40 Azubis waren bei der Deutschen Bank von der Realschule. Ich denke auch heute werden noch Realschüler eingestellt. Jedoch muss das Zeugnis und das Auftreten stimmen. Dadurch, daß die Realschule mit der Hauptschule zusammengelegt wurde, hat man sehr gute Realschüler und sehr schlechte Realschüler in einer Klasse. Aber es gibt ja auch noch die Werk-Realschule die sich noch von der Realschule unterscheidet. Nichtsdestotrotz steckt da die Bezeichnung Realschule mit drin, was sich negativ auf den Ruf der Realschule auswirkt. Bei uns auf der Realschule kommen Jahr für Jahr neue Schüler von dem Gymnasium dazu. Das sind die Schüler, die von vornherein nicht auf das Gymnasium gehören, aber von den Eltern gezwungen worden sind aufs Gymnasium zu gehen, da die Empfehlungen der Lehrer nichts mehr Wert sind. Leider! 

Antwort
von feirefiz, 62

Das liegt daran, dass etwa 35% eines Jahrgangs heute das Abitur machen. Die hohe Quote soll noch steigen - das ist politisch so gewollt, um im Weltdurchschnitt mitzuhalten.

Im Jahr 1812 waren es noch 0,2 % eines Jahrgangs, die das Abitur gemacht haben.

Einerseits haben wir alle mehr Zugang zur Bildung, andererseits ist auch das Abi-Niveau gesunken, ebenso, wie das Realschulniveau gesunken ist.

Es werden sehr wohl noch Leute mit Rea bei den Steuerfachangestellten ausgebildet, im Bankbereich verlangt man in d3er Regel das BK1.

Das Problem könnte daran liegen, dass du zunächst einen Hauptschulabschluss erworben hast und eben keine Realschule besucht hast. Auch, wenn du den Abschluss hast (wie lange war die Ausbildungszeit? Werkrealschule bedeutet z.B. nur ein halbes Jahr Schule auf Reaniveau - das nimmt in der Wirtschaft keiner ernst.), hast du dein Schulleben in der HS verbracht. Ich habe einige Schüler im Gymnasium, die ursprünglich die Hauptschule besucht haben. Fast allen merkt man am Lernen und Schreiben sowie am Formulieren an, dass sie auf der HS waren und der Mittelbau fehlt. Strukturzusammenhänge, Methoden, Eigenständigkeit. Das wurde nie gefordert (obwohl die Leute fleißig sind).

Die einzige Chance in den gewünschten Bereichen wirst du haben, wenn du ein Praktikum absolvierst und man sich dabei davon überzeugen kann, dass du was kannst. Oder du musst schulisch noch etwas dranhängen.

Viel Erfolg.

Kommentar von Simmi26 ,

Ich habe den Realschulabschluss auf der Abendschule nachgeholt. Lief bis zum Ende der Prüfungen ca. 1 1/2 Jahre.  Ich habe mich jedoch auch davor sowie danach noch autodidaktisch weitergebildet. War in dieser Zeit sehr wissbegierig. Ich muss dazu sagen, dass ich es aufgrund von psychischen Störungen immer sehr schwer hatte. Ich bin dadurch nach der fünften Klasse der Realschule auf die Hauptschule abgerutscht. Einige Betriebe fanden es sogar sehr positiv, dass ich trotz meiner psych. Probleme diesen Abschluss geschafft habe. Auch mein Mathelehrer der Abendschule meinte, dass Betriebe eher dazu tendieren einen 24-Jährigen Realschulabsolventen zu nehmen, anstatt einen jungen 16-Jährigen. Wegen der besseren Reife aufgrund des Alters.

Kommentar von feirefiz ,

Was hast du zwischendrin gemacht? Es geht einfach nicht darum, so einen Ausbildungsplatz zu bekommen - man muss es auch schaffen. Die genannten Ausbildungen sind extrem anspruchsvoll vom Schulstoff - man muss mit Rechtsnormen arbeiten und auch Urteile interpretieren können, die Stoffdichte ist hoch, die Belastung ebenfalls. Da gehen so manche guten Abiturienten in die Knie. Es wundert mich also nicht, dass die Betriebe und Verwaltungen vorsichtig sind.

Wenn du Lücken im cv hast, macht das die Sache nicht besser. Wie wäre es mit was Einfacherem?

Kommentar von Simmi26 ,

Naja. Du sagst anspruchsvoll. Da merkt man wieder wie wenig man einem heutigen Realschüler zutraut. Was ich mich da eben frage: wie  war das dann damals so vor 25 bis 30 Jahren? Da habe ich schon gehört, dass zu der Zeit sogar Hauptschüler eine Lehre in Banken machen konnten. Und mit Realschulabschluss waren solche Ausbildungen damals doch auch kein Problem.  Der Realschulabschluss mag zwar allgemein an Wert verloren haben, aber dieser Wert kann ja auch beim einzelnen Schüler mit diesem Abschluss deutlich höher sein als der Durchschnitt. Meinst du nicht auch? Man schiebt auf diese Weise alle Realschüler über einen Kamm. Ich finde das nicht richtig.

Kommentar von feirefiz ,

Liebe Simmi,

es ist korrekt, dass Banken vor 30 Jahren auch noch Hauptschüler ausgebildet haben. Aber seither hat sich die Arbeitswelt massiv gewandelt. Damald gab es in allen Banken noch Auszahlungsschalter, heute machen das Automaten. Früher brauchte man noch Leute, die per Hand jede Überweisung gebucht haben - heute werden die Überweisungsträger gescannt. Diese einfachen Jobs sind weggefallen. Damals hatten wir eine Währung, alles wurde umgerechnet. heute haben wir einen internationalen Finanzmarkt und internationale Transaktionen nach jeweiligem Bankrecht. Viele Infos gibt es auf Englisch, den Aktienmarkt, auf dem heute hauptsächlich virtuelle Waren (faktisch sind das meiste Wetten) gehandelt werden, sollte man durchstiegen haben. Der Bankkaufmann berät zu einer großen Vielzahl an Produkten, eine Haftung aufgrund eines z.B fehlerhaften Protokolls kann späüter teuer werden.

Im Steuersektor haben viele Unternehmen ausländische Beteiligungen - mit tw. ausländischem Steuerrecht.

In der Verwaltung gab es früher viele deutsche Staatsbürger und wenige Gastarbeiter, heute müssen eine Vielzahl von Verwaltungsvorschriften eingehalten werden. So kann eine fehlerhafte Abwicklung einer Briefwahl zur wiederholung der ganzen Wahl führen (siehe Österreich).

Früher gab es in allen Bereichen mehr Mitarbeiter und immer auch einfache Jobs, die Tätigkeiten konnten unterteilt werdne in einfach und komplexer. Heute gibt es fast nur noch Komplettaktionen, in der alles beinhaltet ist, der MA muss über die Einzelheiten Bescheid wissen.

IT und Globalisierung haben unsere Arbeitswelt massiv verändert und die Veränderung geht immer schneller. Es gibt kaum noch einfache Jobs, es werden hochqualifizierte MA gebraucht, die auch noch extrem belastbar isnd.

Kommentar von Masuya ,

Ich kann dazu auch leider sagen, dass von diesen 35% der Abiturienten ihr Abitur kein bisschen verdient haben. Mit deinem 1,4 Realschul-Abschluss wird das Abitur für dich ein Klacks. Zumindest in Schleswig-Holstein. 

Eventuell schaust du mal, dass du Praktika machen kannst, um zu beweisen, dass du wirklich was drauf hast. 

Denn das merk ich an meinen Mitschülern auch.. keiner hat Ahnung, kaum jemand hat je her gearbeitet und schlauer als Hauptschüler sind sie auch nicht.. "Theoretisch" stehen sie gut da, jetzt musst du zeigen, dass du im praktischen viel besser bist. 

Expertenantwort
von Joshua18, Community-Experte für Schule, 27

Erstmal machen heute ca. 40 % Abitur und 9 % FHR. Vor allem die Leute mit FHR von den HBFS verdrängen die Real- und Gesamtschüler, so dass diese dann gezwungen sind ebenfalls mindestens FHR zu machen.

Das ist aber in meinen Augen völlig sinnlos und auch gesamtgesellschaftlich schädlich. Ausserdem bekommen die Leute mit FHR auch nichts von ihrem Fachwissen angerechnet und lernen alles schön noch mal. Welche Verschwendung von wertvollem Humankapital.

Wenn es nach mir ginge, würden diese verfluchten HBFS / FOS sofort abgeschafft ! Statt dessen sollten die Leute ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung überhaupt nicht mehr an einer (Fach-) Hochschule studieren können. Die FHR könnte dann entweder parallel zur Berufsausbildung oder aber hinterher erworben werden.

Das würde auch den (Fach-) Hochschulen ein eigenständiges verbessertes Profil geben, denn zur Zeit sind sie doch nur Hochschulen 2. Wahl.

Antwort
von Chrisok, 78

Jeder Staat braucht Arbeiter von jeder Klasse (Facharbeiter...) und wenn eine Art gefüllt ist, ist dieser nichts mehr Wert. Daher ist das Abitur für einen einigermaßen guten Job schon fast Pflicht.

Antwort
von Kurpfalz67, 59

Ja, du sprichst ein offensichtliches Problem an, welches unsere Politiker anscheinend nicht sehen wollen.

Tja, unser Schulsystem war einmal gut gegliedert. Aber man musste es ja unbedingt den angelsächsischen Systemen angleichen.

Jetzt haben wir eine Hauptschule, die dir einen Abschluss beschert, den du in die Tonne kloppen kannst und eine Mittlere Reife, die auch nicht mehr viel Wert ist.

Aber dafür haben wir dann Bachelor und Master eingeführt. Ganz toll!

Tja, aber auch diese Abschlüsse bringen nicht das, was man sich erhofft hat.Mit einem Vordiplom hast du mehr Ahnung, als einer mit Bachelor-Abschluss!

Ich habe gute Kontakte nach England, meine Schwester lebte dort einige Jahre und hat dort auch paar Semester Studiert.

Die Engländer haben uns um unser damaliges Schulsystem beneidet und um die Durchlässigkeit der einzelnen Stufen.

Sie konnten nicht nachvollziehen, dass wir unser System selbst so entwertet haben.

Tja.......leider kommt bei Reformen oft Murks heraus.

Antwort
von yatoliefergott, 69

Gegenfrage: Wenn du die Wahl zwischen einem guten abi-abschluss und einem guten real-Abschluss wählen könntest, was würdest du nehmen?

Kommentar von Kurpfalz67 ,

Genau das ist das Problem.

Hauptschule abgewertet.

Realschule abgewertet.

Gymnasium abgewertet.

Oder glaubst du etwa, dass die gestiegene Anzahl der Abiturienten eine gesteigerte Intelligenz der aktuellen Schülergeneration darstellt.

Wohl kaum. Früher haben weniger Abitur gemacht, weil die Ansprüche höher waren.

Ich sehe es bei unserem Sohn (12 Klasse), das Niveau ist nicht besonders hoch, auch nicht in den LK.

Antwort
von henzy71, 43

ich bin 100% deiner Meinung!!!!! Der Abiturient kann von mir aus eine Differentialgleichung 2. Grades lösen, aber ein Maurer oder Schreiner muss das nicht können. Soll der Abiturient doch Architektur studieren aber was habe ich an einem Land voller Architekten, die mir alle wunderbar eine Villa zeichnen können, wo es aber keinen mehr gibt, der sie anschließend auch bauen kann?

Und was die Wirtschaft betrifft, die sich beklagt, dass es keine (oder zu wenig) Fachkräfte gibt das ist eine grobe Lüge!! Guck dir die Stellenausschreibungen an. Da wird dann z.B. Diplom oder Master vorausgesetzt. Aber nicht nur das. Da kommen dann noch 5 Spezialisierungen hinzu (wo man mit 1 schon zu kämpfen hat) und mindestens 5 Jahre einschlägige Berufserfahrung (am Besten beim direkten Mitbewerber) aber bitte nicht älter als 30......

Gucken wir mal ganz analog dazu auf mobile.de und suchen einen VW Golf. Aktuell in Deutschland 109.684 Treffer.

Preis bis 15000€ - 51.087 Treffer

Erstzulassung ab 2010 - 18.279 Treffer

Kilometer bis 50000 - 4.558 Treffer

Kraftstoff Benzin - 3.877 Treffer

Farbe: Violett - 15 Treffer

Navigationssystem - 2 Treffer

Multifunktionslenkrad - 0 Treffer

Was für ein Mist - Es gibt in ganz Deutschland kein VW Golf zu kaufen!! Und genau so will die Wirtschaft uns glauben lassen, dass es keine Fachkräfte gibt.

Es sollte wirklich per Gesetz verboten werden, jemandem mit Abitur einen Ausbildungsplatz zu geben. Der war doch schon mindestens 12 Jahre in der Schule. Soll der das doch weiterhin tun!! Und zwar mindestens an der Fachhochschule, wenn nicht gar die Uni. Dafür brauchte er ja auch das Abitur. Dann soll er doch nicht den Kandidaten mit mittlerer Reife den Ausbildungsplatz wegnehmen!!! Aber ich fürchte das ist der berühmte Kampf gegen die noch viel berühmteren Windmühlen.....

Gruß

Henzy

Antwort
von kenibora, 69

Jeder Azubibewerber hat es mit Abi und guten Zeugnissen wesentlich einfacher!

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