Frage von infoanno, 22

Bei welcher Höhe der Staatsschulden wirds "kritisch"?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Unsinkable2, 13
  • Ab 60% des BIP bzw. ab 3% Neuverschuldung ist die "Maastrichter Hürde" gerissen. ( http://www.staatsverschuldung.de/maastricht.htm )
  • Ab 100% des BIP gilt ein Staat gemeinhin als "Pleite", wenn er keine Ansätze zeigt, dass sich der Trend umkehren wird. Das schlägt sich dann in den Bewertungen der Rating-Agenturen nieder, was seinerseits zu einer Verteuerung (= Zinserhöhung) bei den bestehenden und umgeschuldeten Krediten führt.
  • Realistisch aber gar nicht. "Kritisch" ist nur das Vertrauen der Gläubiger in den Staat, dass sie wenigstens Teile ihres Geldes wiedersehen werden. Ist das erschöpft (und das kann schon bei 10% Staatsschulden der Fall sein), wird es kritisch.

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Das Paradoxon der Staatsverschuldung ist, dass die Gläubiger MÖCHTEN, dass der Staat (also du) sich verschuldet. Gern auch bis über beide Ohren. Entscheidend für die Gläubiger ist, dass du ihnen das Vertrauen gibst, irgendwann vielleicht eventuell möglicherweise mal deine Schulden zurückzuzahlen.

Doch sie haben es damit nicht eilig. Ganz im Gegenteil: An den Zinsen, die du für die Schulden zahlst, verdienen sie sich eine goldene Nase. Und deshalb wollen die Gläubiger gar nicht, dass die Schulden des Staates verringert werden. Damit wird Staatsverschuldung NIE "kritisch".

Deutschland hat - ohne Schattenfinanzierungen - zwischen 1970 und 2015 rund 500 Milliarden Euro nur allein an Zinsen auf die Verschuldung gezahlt. Das sind fast zwei volle Staatshaushalte für zwei ganze Jahre. (Und allein zwischen 2007 und 2015 hat das Land noch rund 120 Mrd Euro an Zinsen eingespart, weil der Zinssatz so niedrig ist. Die kämen rechnerisch also noch obendrauf, sobald die aktuelle Finanz-Krise beendet ist.) Oder anders ausgedrückt: Es sind fast 1/4 der Schulden, die Deutschland hat. ... Nur eben, ohne dass die Schulden zurückgezahlt wurden. 

Solange also du und deine Regierung den Eindruck machen, dass ihr auch auch weiterhin brav Zinsen zahlt, ist kein Gläubiger der Welt daran interessiert, dass die Staatsschulden niedriger werden.

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Und schließlich gibt es noch einen Punkt, der die Staatsverschuldung relativ unkritisch macht: Der Staatsbankrott.

Das ist nichts Schlimmes. Auch Deutschland hat es schon 7 Mal (und damit öfter als Griechenland) gemacht. Der Staat erklärt einfach, dass er ab sofort weder Schulden zurückzahlen noch Zinsen auf die Schulden zahlen wird. Er annulliert einfach die Schulden und fängt von vorn an.

Auch das ist nicht schlimm. Frühestens wird es problematisch, wenn das Land sich die ersten Kredite besorgen muss. Aber selbst das passiert im Regelfall nicht, denn die Gläubiger haben gezockt und sich verzockt. Das macht sie zwar sauer. Aber sie bleiben Spieler. Und sie werden wieder zocken.

So wie nach jeder Staatspleite auf diesem Planeten. Etwa Spanien (8 Mal), Portugal (6 Mal), Frankreich (1 Mal), Deutschland (7 Mal), Österreich (7 Mal), Griechenland (6 Mal), ...

Antwort
von schelm1, 9

Dank niedriger Zinsen bleibt so mancher Staatsbakrott z.Z. verborgen!

Ein Staat gilt dann als überschuldet/bankrott, wenn er seine Gläubiger nicht mehr bezahlen kann.

Antwort
von bronkhorst, 11

Wenn der Staat weder durch Steuern noch durch neue Kreditaufnahme Geld auftreiben kann, um seinen laufenden Verpflichtungen nachzukommen.

Das lässt sich nicht in absoluten Zahlen ausdrücken, sondern hängt davon ab, wie vertrauensselig Investoren sind, wie brutal ein Staat plötzlich Steuern erheben kann, ob er sich seinen Verpflichtungen irgendwie erziehen kann... es gibt zahlreiche Faktoren.

In Europa werden Werte über 100% des Bruttoinlandsprodukts bislang als kritisch empfunden - allerdings von Griechenland und Italien durchaus übertroffen.

In Japan liegt die Staatsverschuldung bei über 200% des Inlandsprodukts - größtenteils gegenüber japanischen Gläubigern. Selbst wenn Japaner traditionell sehr staatsgläubig wird, kann das eklig werden, wenn die zahlreichen älteren Japaner ihre Ersparnisse aufbrauchen müssen und auslaufende Anleihen nicht mehr durch den Kauf neuer ersetzen können.

Bislang gilt das aber vielen noch als fein und harmlos...

In Anbetracht der von Unsinkable2 aufgeführten Häufigkeit von Staatspleiten würde ich nicht daran denken, mir schwach, gar nicht oder sogar negativ verzinste Staatsanleihen ans Bein zu hängen - auch keine deutschen!

Aber nicht jeder ist halt so streng wie ich....



Antwort
von soissesPDF, 16

Gar nicht.
Siehe Japan (212%), Euroland (91% , Griechenland 170%, Italien 134% usw.).
Daran ändert auch der Vertrag von Maastricht nichts, das ist nur eine Vereinbarung.

Ökonomisch ist nur von Interesse ob das Wachstum höher liegt als die Inflation. Theoretisch erledigt die Inflation die Schuldenlast eben durch Geldentwertung.

Aktuell, bei Null- und Negativzinsen sparte allein Deutschland 122 Milliarden € seit dem Jahr 2008, ohne auch nur 1 Cent Schulden zu tilgen.
Nicht wg. Merkels "Sparpolitik", sondern wg. der Geldpolitik der EZB.

Antwort
von Skinman, 11

Staatsschulden haben nichts mit Krisen zu tun. Ist ein reiner Mythos von Leuten, die nichts von Wirtschaft verstehen.

Antwort
von Zeitmeister57, 9

Darüber sind sich selbst die besten Analysten nicht einig.

Eine Zahl zwischen 90-110% taucht bei den meisten auf. Dann stagniert das Wirtschaftswachstum.

Ausnahmen bestätigen die Regel:

Siehe Japan mit 10.000.000.000.000 Dollar Staatsschulden!!

Antwort
von JNHLRT, 9

Max. 60% Prozent des BIP sind nach dem Maastrichter Vertrag erlaubt

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