Frage von uniformhumor, 25

Behinderung oder einfach logisch?

Ihr kennt ja sicher diese "verrückten" Genies aus irgendwelchen Filmen, wie The Big Bang Theory oder so, die völlig normale Tätigkeiten die "man" halt tut für unnötig halten. Ich bin zwar ganz und gar kein Genie, aber wenn ich mir das so ansehe, kann ich mich durchaus in manchen Teilen selbst identifizieren. So finde ich alle Dinge, die ich nicht logisch nachvollziehen kann für unnötig und eine reine Zeitverschwendung. Darunter z.B. das Grüßen von Menschen, gemeinsame "Essrituale" daheim, oder andere Dinge die die Gesellschaft für normal hält. In meinem normalen Umfeld z.B. in der Schule, sei es mit Freunden oder Lehrern, komme ich auch eigentlich ganz gut klar. Jetzt habe ich aber vor einigen Monaten erfahren, dass ich so richtig Schiss hatte, weibliche Personen anzusprechen. Da dachte ich halt noch, das bisschen sei normal usw. und liegt einfach an meinem praktisch nicht vorhandenem Selbstbewusstsein und der Schüchternkeit, aber inzwischen bin ich mir relativ sicher, dass ich einfach generell Probleme damit habe, mit mehr oder weniger fremden Menschen zu kommunizieren. "Mehr oder weniger", weil das auch bei Personen vorkommt, mit denen ich schon geredet habe oder die mir eigentlich ganz und gar nicht fremd sind. Beispiel: Ich will mir einen Kaffee kaufen, habe aber nur einen 100€ Schein. Aufgrund der Tatsache, dass der Becher Kaffee weniger als 1€ kostet, empfinde ich die Gegebenheit als peinlich. Aber da ist die Koffeinsucht dann doch größer als die Angst. In anderen Situationen bringt mir das echte große Probleme. Ich weiß nicht so richtig wie ich es nennen soll, aber die drei Mächte "Fehlendes Selbstvewusstsein", "Schüchternheit", und "Logischer Denker" halten mich schon langsam richtig in einem Teufelskreis gefangen.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von verquert, 18

Bitte kein Autismusverdacht ohne andere Ausschlussverfahren.

Das Selbstbewusstsein kann tatsächlich eine größere Rolle spielen und fällt meines Erachtens auch sehr in das Gewicht. Zum Beispiel Kaffee und 100 Euro. Menschen mit Autismus sind hier (meistens) sehr pragmatisch und denken somit folgendes:

"ich möchte Kaffee" und "100 euro sind nur das, was ich habe, sind höher als 1 euro... passt." - sie gehen bezahlen und entweder wird ihnen der Kaffee gegeben oder die VerkäuferInnen teilen mit, dass dieser Schein nicht gewechselt wird. Fertig.

Der Gegenspieler vom "vermindertem Selbstwert" ist eine Art "Arroganz". "Überlegenheitsgefühl" oder auch "Selbstüberschätzung". Wenn die Psyche also versucht auszugleichen, dann treffen diese beiden Parteien aufeinander. So kann auch Frust entstehen und sich andere Begründungen suchen.

Daher vor möglichen tiefgreifenden Diagnosen bitte abwägen, ob Du nicht doch etwas an Deinem Selbstbewusstsein tun magst. Im übrigen: auch mit der Autismus-Diagnose wirst Du an Dir arbeiten müssen. Viel mehr, als wenn du "nur" ein geringes Selbstwertgefühl hast. Was auch bei einigen Menschen mit Autismus zutrifft.

Du schreibst, dass es eher die Problematik ist "sie's" anzusprechen. Also eventuell "flirten"? Oder ein Gespräch aufzubauen, was keinen "Themeninhalt" entspricht? - Ja, das kommt zwar bei Menschen mit Autismus vor, aber auch diese Menschen können es erlernen, wenn es ihnen wichtig ist.

Buchempfehlung: vielleicht magst Du Dich mit dem Themengebiet "Small-Talk" auseinandersetzen. Ja, es gibt mehrere davon. "Haufe" (TaschenbuchGuide) ist zum Beispiel eine Möglichkeit.

Antwort
von Tasha, 25

Einiges von dem, was Du beschreibst, könnte auf das Aspergersyndrom verweisen (eine milde Form von Autismus). Betroffene können ganz normal leben, haben aber bestimmte Einschränkungen oder müssen bestimmte Abläufe, die andere sich abschauen, bewusst lernen (etwa zu grüßen etc.).

Oft sind Betroffene auch sensibler in ihrer Wahrnehmung, können grelle Farben oder laute Geräusche nicht ertragen oder sind dadurch überfordert (etwa in Menschenmengen). Der "Geniefaktor" kommt oft in der "Besessenheit" für bestimmte eher unnormale Hobbys zum Tragen, z.B. sammeln Betroffene Schrauben oder Autokennzeichen etc. und oft müssen bestimmte Abläufe immer eingehalten werden (Spontanität ist der Feind dieser Menschen). Sehr oft ist die Essensauswahl extrem eingeschränkt und man isst nur bestimmte Sorten Fleisch oder Gemüse und meidet andere unter anderem aufgrund ihrer Konsistenz oder des Kaugeräusches.

Zwei Bücher, die Aspergerautismus beschreiben: Joan Matthews: Ich bin besonders! (kleine Episoden werden aus Sicht eines betroffenen Kindes erzählt und aus Sicht der Mutter kommentiert) und Nicole Schuster: Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing.

Außerdem sind alle Bücher von Temple Grandin interessant. Die hat auch ihre besondere Begabung - den Umgang mit Rindern - zum Beruf gemacht.

Man muss sich aber klar machen, dass die Grenzen fließend sind. Viele Menschen haben Aspkete von Asperger in ihrer Persönlichkeit, ohne dass man sie als "Aspies" diagnostizieren könnte.

Du kannst aber mal auf entsprechenden Seiten nach Tipps und Erfahrungen von Betroffenen suchen.

Kommentar von uniformhumor ,

Hm okay muss ich mir mal ansehen. Speziell das mit der eingeschränkten Essensauswahl. Meine Ernährung ist vegetarisch und besteht dazu noch zu 90% aus Kartoffeln, Wasser, und Kaffee...

Kommentar von Tasha ,

Übrigens in den Augen vieler Betroffener ist "Monk" aus der gleichnamigen Fernsehserie ein Aspie. Der besteht extrem auf seinen Ritualen und hat große Ängste etwa vor Keimen, aber auf der anderen Seite nutzt er die Vorteile eines Aspies für seinen Beruf: Ihm fallen viele Kleinigkeiten auf, die andere übersehen, er bemerkt und erinnert Details deutlich besser als seine Kollegen.

Ein paar Szenen kann man bei youtube sehen.

Für Asperger gibt es auch spezielle Foren. Vielleicht wäre das ein erster Anlaufpunkt.

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