Autismus Zentrale Kohärenz?

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2 Antworten

1) Bilder sehen. Autisten sehen zuerst die Details einzeln. Erst auf den zweiten Blick knüpfen sie daraus ein "großes Ganzes". Das liegt an der so genannten "Intense World": Die Sinnesreize weden nicht vorgefiltert, sondern prasseln ungebremst ins Bewusstsein. Selbiges muss dann alles bewusst durchdenken, was Nicht-Autisten bereits unterbewusst vorverarbeitet haben.

2) Soziale Situationen. Autisten sind schlecht im Lesen von Mimik und Körpersprache. Deshalb fällt ihnen in sozialen Situationen nicht schnell genug die korrekte, erwartete Reaktion ein. Die Ursache dafür ist ungeklärt. Es liegt jedoch nahe, dass es dasselbe Phänomen wie bei den Bildern ist: Alle Falten und Linien des Gesichts stürmen ungefiltert ins Bewusstsein. Man muss sofort wegschauen, um nicht von der Ausdruckskraft des Gegenübers überrannt zu werden. Deshalb vermeiden Autisten es übrigens auch, Gesprächspartnern ins Gesicht zu schauen. Die Intensität dieser Signalflut tut einfach weh.

3) Kognitive Empathie: Um die Gefühle abzulesen, muss man erstmal raten, welche Bewegungen der Person emotional bedingt und welche Zufall sind. In einer "Intense World" sind da viel zu viele Details, um daraus in Echtzeit einen klaren Eindruck zu bekommen. Bis man entschlüsselt hat, was Person X mit Gesichtsausdruck Y ausdrücken will, ist X schon eingeschnappt oder hat das Thema gewechselt.

4) Romane. Wie kommst du darauf, dass Autisten keine Romane lesen würden? Das ist Unfug. Es gibt sogar viele autistische Schriftsteller. Und Kinder mit Asperger-Syndrom flüchten regelrecht in Romane, um der komplizierten Realität zu entkommen.

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Kommentar von veritas55
29.01.2016, 18:23

Du scheinst dich sehr gut auszukennen - vielleicht hast du auch für mich einen Rat:

Bei der Arbeit (Soziale Betreuerin in einem Pflegeheim) habe ich mit einem jungen Autisten (Mitte 30) zu tun, der seit seinem 2. Lebensjahr blind ist. 

Weil wir für Alles Rituale entwickelt haben (beim Spazierengehen, Essen usw.) und ich mich immer bemühe ihn nicht zu überfordern habe ich einen sehr guten Zugang zu ihm, d.h., er vertraut mir und wir können sogar in Restaurants (bei Ausflügen wie Kohltour oder zu McDonalds) mit zig anderen Personen eng an einem Tisch sitzen obwohl ihn sonst fremde Leute und kleinste Abweichungen von seinen Gewohnheiten zum Ausflippen bringen. Sogar eine Scheibe Schinken, die sich auf seine Pizza Margharita verirrt hatte, hat bei ihm schon einen Tobsuchtsanfall ausgelöst - ohne dass er sich artikulieren konnte was ihn so aufregt.

Im Heim erkennt er die meisten PflegerInnen und viele BewohnerInnen an der Stimme - schon nach einem Wort. Berührungen wie Hand geben oder Umarmungen sind für ihn anscheinend bedrohlich - die lehnt er mit Geschrei "reicht!" ab.

Alle vertrauten Personen scheint er in Schubladen zu stecken: so darf eine Kollegin, die er aus der Pflege kennt ihn zwar duschen etc., aber wenn sie mit ihm spazierengehen will, rastet er aus, denn das ist mein Part. Seine Wäsche in den Schrank räumen darf ich aber nicht - das dürfen nur die Stationshilfen usw.. Außerdem hört er bei seiner Mutter (an Feiertagen holt sie ihn) ständig Musik - im Heim will er in seinem Zimmer dagegen nie Musik hören.

Fragen kann er nur sehr schwer ertragen, Nebensätze auch nicht - am liebsten sind ihm klare Ansagen, sonst ist er schnell überfordert, verspannt sich, brüllt "reicht!" und kriegt einen Schreikrampf wenn jemand versucht ihn weiter zu bequatschen.

Ich frage mich natürlich oft was in ihm vorgeht, wüsste gerne mehr über seine Wahrnehmung, Gefühle und wie ich ihn fordern kann ohne ihn zu überfordern.

Vielleicht kannst du mir was dazu raten !?!


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Die zentrale Kohärenz ist nicht nur Visuell. Sie hilft zum Beispiel Lückentexte ergänzen; das können Autisten auch nicht gut. Auch kognitive Empathie kann darauf basieren.

Es gibt für Autismus mehrere Theorie; auch Intensive Welt Theorie ist bedenklich.

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