Frage von Betriebsleiter,

Ausbildung mit Autismus

Mahlzeit zusammen,

ich soll jetzt nach Möglichkeit einen Auszubildenden einstellen, der autistisch veranlagt ist. Nachdem ich einen Mitarbeiter mit Sozial-Phobie und einen mit ausgeprägter Lernschwäche ganz gut auf Bahn gebracht habe, bin ich anscheinend sowas wie ein Ausbilder für Problemfälle bei einigen Institutionen geworden. Ich hab im Internet schon mal etwas gestöbert, weil ich mich natürlich auf die Krankheit einstellen muß. Hat vielleicht hier irgendjemand schon Erfahrung mit diesem Thema oder evtl. einige weiterführende Weblinks für mich?

LG

Antwort von Entdeckung,
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Schau dir den Menschen zuerst einmal an ... beobachte ihn ... mache ein paar Schnuppertage aus ...

Autistisch sein kann ein Mensch in ganz verschieden starken Ausformungen ... da gibt es keine allgemeingültige Regel.

Und was noch ganz, ganz wichtig ist.

Die "Chemie" zwischen euch beiden, die muss stimmen, tut sie das nicht, dann ist alles weitere verlorene Liebesmüh.

Antwort von Rechercheur,
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Pauschal ist das nicht zu beantworten. Jeder Autist ist anders.

Als erstes solltest du es nicht Krankheit nennen, bitte.

Natürlich musst du individuell ein wenig schauen, welche Bedürfnisse und Schwierigkeiten der Autist hat, den du einstellst.

Wichtig finde ich direkte Kommunikation, nichts zwischen den Zeilen und eins nach dem anderen.

Also sag nicht "kannst du dies und das erledigen", sondern "dies und das erledigst du heute bitte". Denn können könnte der Autist Vieles und wird möglicherweise mit "Ja" antworten, die Arbeit dann aber nicht erledigen. Autisten nehmen gesagte Dinge oft wörtlich.

Zwischen den Zeilen können sie oft nicht lesen. Er wird also evtl. nicht verstehen, wenn du etwas sagst und unterschwellig etwas anderes sagen wolltest. Also sag nicht "so einen chaotischen Schreibtisch habe ich noch nie gesehen", wenn du eigentlich sagen willst "halte bitte mehr Ordnung auf deinem Schreibtisch".

Verbale Anweisungen können eine Schwierigkeit sein. Gib ihm eine Aufgabe, nicht gleich zwei oder mehr auf einmal. Er könnte evtl. dann die Priorität nicht korrekt einschätzen und kümmert sich z. B. zuerst ausgiebig um eine Nebensächlichkeit. Also entweder nur eine Aufgabe geben, und die zweite erst, wenn er die erste erledigt hat, oder mit ihm zusammen die Aufgaben notieren und Prioritäten festlegen.

Dann achte darauf, ob und wenn in welchen Situationen er Overloads bekommt. Es kann sein, dass eine flackernde Neonröhre einen auslöst, eine emotionale Überforderung oder die Geräuschkulisse. Da kann es viele Ursachen geben. Dann schau, ob du eine Lösung finden kannst, die Quelle des Overloads zu beseitigen.

Sicher ist es gut, wenn du mit dem Autisten selbst solche Dinge besprichst. Das macht es wahrscheinlich beiden Seiten leichter.

Das waren jetzt Beispiele, die nicht auf jeden Autisten gleich zutreffen müssen.


Gut wäre es, wenn du dich nicht nur auf Webseiten informierst, sondern direkt in Kontakt mit Autisten trittst. Es gibt einige Boards und Chats im Internet, in denen du dich mit Autisten unterhalten kannst.

Als Beispiel sei http://www.aspies.de genannt.

Antwort von IndiaSpirit,

Hallo ich selber bin auch autistisch und in der Ausbildung und schildere mal, wie der Arbeitsalltag für mich leichter ist (ist natürlich nicht auf jeden Autisten übertragbar, da jeder anders ist ;)

  1. Wenn ich möglichst alleine arbeiten kann.
  2. Wenn ich nicht durch Lärm, vorallem durch lautes Reden abgelenkt werde.
  3. Wenn ich meine Aufgaben einfach auf einem Zettel stehen habe, zum abarbeiten. Am besten schon einen Tag vorher, damit ich weiß, welche Arbeit am nächsten Tag auf mich zu kommt.
  4. Einen ruhigen Rückzugsort in der Pause, z.B. ein Raum wo ich die ganze Pause ungestört in Ruhe sein kann.
  5. Die Pause gegebenfalls der Arbeit flexibel anpassen. Ich finde es schrecklich, wenn ich gerade in die Arbeit vertieft bin und dann unterbrechen muss.
  6. Keiner Kritik für nicht verstandene Körpersprache. Z.B. hat ein Lehrer immer zu mir gesagt, ich würde ihn böse angucken. Ich verstehe es irgendwie nicht, weil doch jeder gleich guckt, da kann man doch nichts dran ändern. Naja, vielleicht verseht jemand was ich damit meine. .. Übrigens mit Pünktlichkeit habe ich gar keine Probleme, bin sogar total Überpünktlich und ndie meisten Aspies die ich kenne nehmen es mit der Pünktlichkeit auch eher genau.
Antwort von Helpy1990,

Hallo Betriebsleiter

Ich selbst bin Autist und zurZeit mache ich eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik. Du kannst mich gerne jederzeit mit allem löchern, was du wissen willst. Auf jeden Fall finde ich es sehr gut, dass du dich informierst und für solche Leute einsetzt! Respekt

Gruss Helpy

Kommentar von Betriebsleiter,

Hi, danke für deine Info und dein Angebot. Wie bist du in deine Ausbildung eingestiegen? Hattest du feste Aufgabenbereiche, die dir Sicherheit gegeben haben? Ich dachte, ich sollte vielleicht mit "leichten", festen Aufgaben anfangen, um Ihm eine Eingewöhungsphase zu erleichtern. Wenn er darin gefestigt ist, kann man Stück für Stück den Verantwortungsbereich erweitern. Wäre so ein Vorgehen für dich selbst hilfreich gewesen?

Kommentar von Rechercheur,

Feste Aufgabenbereiche klingt gut.

Ich habe das gerade heute selbst wieder mal gemerkt, wie schnell mich schwammige Aussagen irritieren. Ich bekam gerade zwei Aufgaben mündlich direkt hintereinander gesagt, hektisch irgendwie und unkonkret - und keine davon so, dass ich auf Anhieb verstehen konnte, was genau gefordert ist. In dem Moment habe ich nachgefragt, bis es mir klarer wurde.

Aber am liebsten wäre ich rausgerannt.

Kommentar von Helpy1990,

Nun ja in die Ausbildung bin ich eingestiegen von heuteauf morgen. In den Sommerferien hab ich die Stelle bekommen, innerhalb von etwa einer Woche. Da ich ursprünglich davon ausgegangen bin, erst im nächsten Jahr eine Ausbildung anzufangen, war das eih harter Schlag für mich und hat alle meine Rythmen total durcheinandergebracht. Deshalb war das alles anfangs für mich sehr schwer, da ich im Oktober des selben Jares auch gleich ausgezogen bin. Ich musste mich von Grund auf neu Orientieren und organisieren und das war sehr heftig. Der Ausbildungsmeister wusste bescheid, hat mir deshalb ein wenig mehr Zeit gegönnt als den anderen und wenn ich Fragen hatte, hat er sie gut beantwortet. Wir haben im ersten Hlabjahr gefeilt in verschiedenen Werkstoffen. Da gab es eine feste Aufgabenstellung und eine einfache Tagesstruktur, damit bin ich dann recht gut zurechtgekommen. Daher würde ich es empfehlen. Was auf jeden Fall wichtig sein könnte ist genügend Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit ihm und evtl eine Möglichkeit dass er zwischendurch Pausen machen kann wenn es ihm zu viel wird (z.B. am Kaffeeautomat o.Ä.). Er wird vermutlich eine Weile brauchen um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Feste Tagesabläufe sind ja durch die Pausenzeiten ohnehin gegeben. Evtl. hat er ein Problem mit der Pünktlichkeit am Anfang. Ich bin im ersten Lehrjahr etwa 40 Mal zu spät gekommen. Darüber sollte man ein wenig hinwegsehen, allerdings nicht zu viel. Und wie du schon sagtest Sicherheit ist immer wichtig. Aufgaben klar und deutlichstellen und nichts schwammiges,wie Rechercheur schon geschrieben hat. Wenn nötig auch mehrmals wiederholen oder darauf hinweisen. Ein Gespräch mit seine(m/r) Therapeut(in) währe auch sinnvoll da sie noch viele weitere Tipps geben kann. Allerdings muss er sie erst von der Schweigepflicht entbinden.

Weitere Fragen beantworte ich gerne als PN.

Gruss Helpy

Antwort von Schlauerfuchs,

Vieleicht ist es sinnvoll den Menschen eine Chance zu geben. Jedoch ist es schwieriger diesen Menschen auszubilden und langwiriger. Aber es gibt fuer sowas spezielle finazielle Fordermittel von der ARGE.

Kommentar von Rechercheur,

Viele Autisten, vor allem Asperger-Autisten, haben eine Ausbildung oder ein Studium hinter sich gebracht, ohne überhaupt zu wissen, dass sie Autist sind. Das klappt schon. Mit dem Wissen und dadurch mit Rücksichtnahme auf die Besonderheiten sicher noch viel besser.

Kommentar von Betriebsleiter,

Der Mann soll recht begabt sein im EDV-Bereich (Programmierung etc.) und von daher schätze ich ihn vom Start weg, schon mal nicht als dumm oder begriffstutzig ein. Sowas erfordert schon Köpfchen. Um Fördermittel gehts mir dabei eigentlich nicht, wenn es die Sache auch wesentlich erleichtert, aber wir sind in der beneidenswerten Situation auch aus sozialen Gesichtspunkten entscheiden zu können und Leuten eine Chance zu geben, die vielleicht auf dem ersten Arbeitsmarkt sonst keine Chance bekämen. Mir gehts wirklich darum, den Mann nicht zu überfordern und mich bereits VOR dem ersten Treffen über Besonderheiten zu informieren.

Kommentar von Schlauerfuchs,

Vileicht solltet Du dich, dann mal mit ein einem Therapeuten unterhalten, welcher diese Personen betreut. Vielicht kann der Dir weiterhelfen. Normalerweise sind Personen welche an Authismuss leiden sensibler als andere Menschen. Ferner koennen dies auf gewissen Gebieten durchaus intelegiender sein als anderere. Einseitige Begabung...

Antwort von fromhell,

Ich kann Dir zwar leider nicht weiterhelfen, aber ich muss mein Lob aussprechen! Ich finde es richtig toll dass auch ein Authist die Möglichkeit zur Ausbildung bekommt :)

Kommentar von Rechercheur,

Das Lob gebe ich ebenso.

Autist bitte ohne h. ;-)

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