Frage von grubenhirn, 114

Auf welche Art und Weise muss man (Anno 2016) komponieren, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen, im Bereich ernster Musik?

Hat jemand vielleicht Hör - und Notenbeispiele sehr neuer, ernster Musik, an der man sich orientieren könnte?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von PurpurSound, 79

Bin selbst klassisch studierter komponist und kenne diese frage sehr gut!

Die spannbreite zwischen blosser pause (cage) und lärm (bruitismus) ist ebenso ausgereizt wie zwischen zufall und völliger regelung, und auch die themen besetzung, interaktion mit dem publikum, kombination mit visuellen medien etc.

Hinzu kommt ein publikum, das medial übersättigt ist, und eine zeit, welche den wert von "kunst" immer weniger schätzt.

Und dann sind da noch verlage, die eher auf den bekanntheitsgrad von namen setzen als neue werke neutral beurteilen zu können.

Kurz: etwas wirklich "neues", was dieses publikum neu fesseln oder faszinieren würde, ist sehr unwahrscheinlich! Einmal weil es das publikum kaum erreichen würde, und dann weil das allgemeine publikum schon zu weit von ernster musik entfernt ist.

Diese ernüchternde bilanz ist leider alles was ich hier beitragen kann. Nein ausweg war die filmmusik. Lg max

Kommentar von grubenhirn ,

Schade. Das ist wohl das Schicksal der Spätgeborenen.

Kommentar von PurpurSound ,

Wie alles so hat auch die dur-moll-tonalität ihre zeit. Danach wurde alles mögliche probiert, aber auffallen um jeden preis hat sich als maxime (auch etwa in der opernregie) nicht bewährt.

In der popularmusik lebt die funktionalität bis heute fort, aber es ist wie ein ständiges kreisen um sich selbst. Was dort noch kommt wäre auch spannend, aber vermutlich ebenso ernüchternd...

Kommentar von grubenhirn ,

Vielleicht war dann die Entwicklung der "Elektronischen Tanz(Musik)" genau der richtige, logische Schritt.

Leider ist es mehr Sounddesign, Tontechnik als Musik, obwohl ich es auch ganz gut finde. Zählt natürlich "nur" zur Unterhaltungsmusik.

Warum hat überhaupt Phillip Glass so großen Erfolg, obwohl seine Harmonik so überaus simpel ist? Das einzige "neue" ist das repetitive seiner Musik.

Kommentar von PurpurSound ,

Das war auch nichts neues in dem sinn, findet sich in afrikanischer xylophonmusik schon mind. ebenso komplex wie bei der gamelanmusik oder bei ligeti. Apropos: hört geute noch jemand glass? :-)

Kommentar von Tokij ,

Die elektronische Tanzmusik war kein neuer Aspekt. Durch Sounddesign haben sich höchstens im Klang neue Dimensionen eröffnet.

Das damals "neue" (wobei das auch relativ ist) in der Minimal Music bei Glass und Co war weder die Harmonik noch die Repetition. Es sind die minimalen Veränderungen, die ein besonderes Gewicht grade wegen der Wiederholungen bekommen. Musiktheoretisch auch kein aufregender Gedanke, trotzdem ein neuer Aspekt im Musikerleben.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Glass' Oper Einstein on the beach, die komplett auf eine narrative Handlung verzichtet. Sie unterstützt damit vollkommen die Wirkung der Musik.

Hätte die Oper eine Handlung wäre es dem Zuhörer nicht so leicht möglich, sich auf genannte Veränderungen zu konzentrieren. Der Rezipient soll sich meditativ der Musik hingeben. Dadurch dass die Musik keine Spannungskurve besitzt, ist es möglich, eine Epiphanie an jeder Stelle der Stücks zu empfinden, je nach Vorerfahrung, Gemütslage, Konzentrationsfähigkeit etc des Zuhörers. Ich bezweifle auch, dass es das Konzept bewusst so vorher noch nicht gab. Aber historisch lässt sich die Minimal Music als Gegenbewegung der seriellen Musik verstehen. Im Grunde gab es zu fast jeder Strömung auch eine Gegenbewegung, besonders wenn sie so drastisch ist wie die der seriellen Musik. Die Menschen sehnen sich dann vermehrt nach der harmonischen Stütze, wenn so viele sie in der Zeit schon dekonstruiert haben.

Die Einteilung in Unterhaltungs- und Kunstmusik ist mMn auch nicht immer zwangsläufig sinnvoll. So wirst du ja wahrscheinlich nachvollziehen können, dass kunstvolles in Unterhaltungsmusik und banales in der E-Musik gefunden werden kann.

Und ja, ich höre tatsächlich noch Glass. ;D

Es gibt tatsächlich hier und da nochmal sowas wie eine neue Idee, aber diese verlieren wie PurpurSound schon beschrieben hat heutzutage immer mehr an Relevanz und gründen sich auch auf komplett neues Gedankengut sondern auf dem Prinzip der Eklektik (wie Bernstein in seinen Harvard Lectures schon vorhergesagt hat, käme das Zeitalter der Eklektik, in seinen eigenen Kompositionen schon stark verdeutlicht). Spontan fällt mir da das Beispiel von Thomas Ades "Asyla" ein, in der neue Musik mit elektronischer Tanzmusik rein orchestral kombiniert wird (zu hören im dritten Satz "Ecstasio").

Schönen Sonntag noch.

Kommentar von PurpurSound ,

Völlig d' accord! Ein kleiner einwand nur am rande: dass es auch dumme delphine gibt würde uns nicht von der allg. erkenntnis zurückhalten diese tiere als äusserst intelligent zu bezeichnen. Ider abders: wenn jede ausnahme eine regel in frage stellen würde, hätten wir kaum regeln mehr...

Ebenso kann man e- und u-musik nach dem kriterium der vorwiegend künstlerischen intention trennen, wiewohl bei all solchen kategorisierungen immer fliessende übergänge eine deutliche trennung schwierig machen.

Kommentar von grubenhirn ,

Die Quintessenz ist also, dass man heutzutage versuchen sollte, verschiedene Stile der Vergangenheit in einem Werk zu vermischen, anstatt etwas komplett neues zu entwickeln.

Also atonaler Ragtime mit seriellen Techniken, Minimalismus mit Jazz-Harmonik (Jazzlism :D), Sonaten mit Bebop Elementen...

Danke für eure Antworten & Kommentare.

Kommentar von PurpurSound ,

viele stile sind nichts als vermischung von bereits vorhandenem. die quintessenz sehe ich ganz woanders, und zwar darin die dinge realistisch zu sehen und sich nicht zu hohe erwartungen mit dem komponieren zu machen. das verhindert eine menge enttäuschungen. schliesslich komponiert jamnd mit einer einigermassen künstlerischen einstellung zuerst einmal aus freude daran etwas ihn befriedigendes und erbauendes zu schaffen, und dann sollten erst andere überlegungen wie erfolg oder geld kommen :-)

Kommentar von Tokij ,

Ich glaube auch, dass weder die Eklektik noch das Erschaffen von etwas zwanghaft neuem ein sinnvoller Schritt in der Musik (jedenfalls heutzutage) darstellt. Und so war es nach meinem Verständnis auch nicht von Bernstein gemeint. Es ergibt sich nur ganz automatisch aus der simplen Tatsache, dass für jeden fast jede Musik zugänglich ist und die Einflüsse viel vielseitiger sind als damals für bspw Debussy, der mal ein Gamelanorchester gehört hat und das wahrscheinlich ein absolut exotisches Erlebnis für ihn war. Er hat ja auch nicht versucht, daraus etwas zu konstruieren, sondern er hat sich inspirieren lassen, Ideen kommen lassen, das ist ein wichtiger Unterschied.

Wenn man Entwicklung erzwingt, dann kommt so etwas zustande wie Schönberg. Er war davon überzeugt, dass seine musikalische Entwicklung die einzig logische Konsequenz aus einer geradlinigen Historie ist und dass seine Lehren irgendwann Aufnahmebedingung eines Konservatoriums werden. Doch da hat er sich geirrt, es gab nicht nur diesen einen Weg, es gab ganz viele. Zwölftonmusik wird allein kulturbedingten Gründen am Leben erhalten, sie wird jedoch außerhalb davon jedoch kaum tradiert (Für Musiker aber dennoch mal ganz interessant, sich das angesehen zu haben). Unter Musikern stellt sie ein ganz gutes Gehirntraining dar, aber ich persönlich finde, dass man schon sehr hört, dass die Idee hinter diesem Konzept keine urmusikalische ist.

Wenn Musik zum Selbstzweck wird, schreibt man ihr doch schon eine ganze Menge Bedeutung ab, finde ich.

Also fragt man sich doch lieber nicht was man für die Musik tun kann sondern was die Musik für dich und andere tun kann. Musik kann vieles sein.

Kommentar von PurpurSound ,

Nichts hinzuzufügen, ja!!

Antwort
von c7sus4, 16

Moritz Eggert schafft es, U und E zu verbinden, was meiner Meinung nach ein guter Ansatz ist. Allerdings gibt es kein Patentrezept, alle möglichen Richtungen werden weiterhin gleichberechtigt nebeneinander fortbestehen.

Antwort
von najadann, 63

Fazil Say

Wolfgang Mitterer

Kommentar von grubenhirn ,

Interessant.

Wolgang Mitterer kannte ich bisher noch gar nicht.

Kommentar von najadann ,

Interessant, und neue Wege gehen auch:

Univers Zero
https://www.youtube.com/watch?v=0Mi5_dCCz3k

oder
Heiner Goebbels
https://www.youtube.com/watch?v=AvF-YxoY22A

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