Atmosphäre in Sonnenaufgang in Venedig (Gedicht)?

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1 Antwort

In dem Gedicht „Sonnenaufgang in Venedig“ von Stefan Zweig wächst dem
Leser die Zeit in Form einer einzigartigen Dynamik des Lichtes
entgegen. Dass dieses Wachsen zum sichtbaren Ereignis wird, verdankt
sich allerdings nicht der reinen Bildlichkeit, wenn das Gedicht auch mit
der Überschrift die Kulisse vorgibt, in die sich Kanäle, Lagunen und
Dachansichten der ewigen Stadt widerstandslos fügen. Es ist
also nicht allein oder zuerst das Auge, das diesen Triumph des Lichtes
wahrnimmt. Noch bevor der Blick sich auf das erste Flackern richtet, hören wir: erwachende Glocken.
Es ist der Klang, der den Raum öffnet und das Tableau einer Stadt aus
der Vogelperspektive ins Dreidimensionale öffnet: Das Glockengeläut
dringt ins Ohr durch einen dem metrischen Empfinden nach forteilenden
Rhythmus, dessen Doppelsenkungen stellenweise auf einfache verkürzt
erscheinen; ein Kunstgriff, der jenen charakteristischen Zusammenklang
von Glocken abbildet, deren Läutefrequenzen sich zu einem Rhythmus mit
ständig wechselndem Schwerpunkt überlagern.  

Das Erwachen der Stadt ist in Wirklichkeit das Erwachen des Lichts,
lediglich die Glöckner bevölkern die Szene, aber unsichtbar, hier leben
nur Klang und Licht.

Das Zusammenspiel dieser beiden Sinneseindrücke setzt im piano ein,
um sich über ein allmähliches crescendo bis hin zur Hymne der letzten
Strophe zu steigern. Da diese Steigerung sowohl auf semantischer als
auch auf lautlicher Ebene durchgeführt wird – vom matten Flackern über das flutende Dämmern bis hin zur berstenden, stürzenden, fressenden
Eigenschaft des Lichts – gibt es nahezu keinen Ansatzpunkt, von dem aus
die perfekte Harmonie von Form und Inhalt in diesem Gedicht zu
widerlegen wäre.

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Kommentar von DilHowlter
02.11.2016, 14:08

Danke! :)

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