Frage von Wallumbo, 145

Asperger-Syndrom; Nachteile?

Hallo,

ich habe oft gehört, dass es Menschen mit Asperger-Syndrom schwerfällt, Dinge in einen Gesamtzusammenhang zu setzen.

Nun frage ich mich, wie ich das zu verstehen habe und inwiefern sich das auf das Leben dieser Menschen auswirkt.

Vielen Dank

Antwort
von Pramidenzelle, 89

Ich bin selbst Aspie und kann aus meiner Sichtweise etwas dazu sagen, aber wirklich nur aus meiner Sicht - andere Autisten können das durchaus ganz anders wahrnehmen, denn alle Autisten sind verschieden, genau wie alle Menschen eben unterschiedlich sind. Aber damit genug der Vorrede.

Kennst du diese Rätsel, wo zwei ähnliche Bilder zu sehen sind, und man soll die Unterschiede erkennen? In denen bin ich echt gut - und wenn ich die Aufgabe bekomme, die Unterschiede so schnell wie möglich zu finden, dann schaffe ich das meist in ein paar Sekunden - und kann dir hinterher nicht sagen, ob auf dem Gesamtbild eigentlich ein Wohnzimmer oder ein Wald zu sehen war - außer es lässt sich aus den Details ableiten. Natürlich könnte ich durchaus erkennen, worum es sich handelt, aber wenn ich eine ganz andere Aufgabe habe, dann tue ich es nicht.
Außerdem gibt es beim Lernen diese Idee, erstmal sowas wie ein Gesamtbild zu vermitteln, und dann nach und nach ins Detail zu gehen - ich denke, das hat zumindest in der Schule jeder erlebt. In der Schule war der Stoff für mich noch so einfach, dass das kein Problem dargestellt hat, auch wenn ich mich manchmal schon gefragt habe, warum die Lehrer es so umständlich machen. Doch jetzt in der Uni muss ich Sachen manchmal wirklich völlig anders recherchieren. Denn ich brauche erst die Details, um sie dann zu einem Gesamtbild zusammen zu setzen.
Das heiß nicht, dass ich ein Problem damit habe, logische Zusammenhänge zu verstehen, ich gehe es nur von der anderen Seite aus an. Wenn man mich allerdings nicht auf das Gesamtbild anspricht, dann tendiere ich dazu, mich eher in Details zu verlieren, weil das meiner Art zu denken einfach eher entspricht.
Nun habe ich den Vorteil eines recht hohen IQs, sodass es mir in der Schule keine Probleme machte und in der Uni bin ich jetzt schon reif genug, damit klarzukommen und die Inhalte so aufzubereiten, dass ich sie verstehen.
Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein System wie das umstrittene "Schreiben nach Gehör" dafür gesorgt hätte, dass ich doppeltsolange gebraucht hätte, um lesen und schreiben zu lernen. Denn es wird ja gerade damit angepriesen, dass die Kinder nicht Buchstabe für Buchstabe lernen, sondern das Gesamtbild bekommen - und das ist meiner Empfindung nach eine ziemlich neurotypische Art zu lernen.
Naja, und dann gibt es da noch die Klassenarbeiten, Test, Klausuren und dergleichen. Mir sind ja schon Leute über den Weg gelaufen, die der Ansicht waren, es wäre unfair, wenn Autisten für die gleichen Aufgaben mehr Zeit bekommen - als Nachteilsausgleich. In meinem Fall war das Problem aber zum Beispiel so:
Es gibt drei Aufgaben, 15 Minuten Zeit. Nun weiß ich aber allein zum Thema der ersten Frage schon so viel, dass ich eine halbe Stunde darüber schreiben könnte. Und genausoviel hätte ich auch noch zu 2 und 3 zu sagen. Für mich sind all die Details, die ich weiß aber irgendwie gleichwertige Informationen und mich auf das "wichtigste" zu beschränken ist extrem schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Einschätzen, was der Lehrer hören will, kann ich wegen der sozialen Komponente des Autismus nicht.  Für Tests habe ich also damals nicht Fakten gelernt, sondern welche der Fakten, die erwähnt wurden tatsächlich die relevanten sind. Und trotzdem bekamen die Lehrer auf eine Frage, die in der Musterlösung mit drei Stichpunkten beantwortet war dann 10 oder mehr Stichpunkte. Die waren nicht einmal falsch, nicht einmal wirklich am Thema vorbei, sondern einfach nur Dinge, die zwar Mal im Kontext erwähnt wurden, aber eben nicht wirklich wichtig waren.

So, ich hoffe, meine Weltsicht konnte dir bei deiner Frage ein wenig weiterhelfen, und wie gesagt, das gilt für mich, nicht für jeden Autisten dieser Welt.
Vielleicht interessiert dich aber noch dieser Artikel?
https://echtanders.wordpress.com/2014/07/16/ein-gesamtbild-besteht-immer-aus-det...

Nicht alles nehme ich genauso war, aber ich finde, es trifft irgendwie schon zu.

Viele Grüße
Die Pramidenzelle

Kommentar von kiniro ,

Das mit den Rechtschreibfehlern kommt mir so bekannt vor.

Antwort
von anniegirl80, 93

Das "Problem" bei Asperger ist, dass du fünf Menschen kennen kannst, die diese Diagnose haben - aber jeder Mensch ist wieder anders und man kann sie nicht " vergleichen". Es gibt zwar typische Anzeichen für Asperger, aber diese sind bei jedem Betroffenen unterschiedlich ausgeprägt.

Dass aber Asperger-Autisten Dinge nicht im Zusammenhang gesehen werden können, ist mir neu. Vielleicht rührt diese Einschätzung von einem anderem Sypmptom her.

Kommentar von Annisoli ,

Nein, Autisten "verrennen" sich tatsächlich oft gerne in Details und es fällt eher schwer, den Gesamtzusammenhang zu sehen. Was wirklich wichtig ist und was nicht ist schwierig. Aber wie du schon sagtest, das ist bei allen Autist*innen anders.

Kommentar von anniegirl80 ,

Danke für die Information! Ich hab da wohl doch zuwenig Erfahrung.

Antwort
von kiniro, 51

Ich behaupte mal, dass es auf die Dinge ankommt.

Bei den Sachen, die mich interessieren, versuche ich zumindest ein Gesamtbild zu bekommen.
Manchmal gelingt es mir und manchmal eben nicht.

Ob das zwingend ein Nachteil ist - keine Ahnung.

Ich empfinde es eher als Nachteil, wenn ich in der Bahn mehrere Leute reden höre - sei es miteinander oder am Handy - dann kann ich mich selbst nicht mehr auf meinen Gesprächspartner in meiner unmittelbaren Nähe konzentrieren.

Antwort
von halbsowichtig, 53

Die Herangehensweise ist etwas anders, aber im Endeffekt bekommen Autisten natürlich den gleichen Gesamtzusammenhang heraus wieder jeder andere.

Die meisten Nicht-Autisten sehen, wenn sie z.B. einen Raum betreten, zuerst den groben Umriss. Sie denken sofort "das ist eine Küche". Erst auf den zweiten Blick erkennen sie, dass da ein Herd und ein Kühlschrank stehen. Bei genauem hinsehen ist der Kühlschrank dreckig und der Herd von Siemens.

Ich sehe in genau umgekehrter Reihenfolge: Im Raum steht eine dreckig-weiße Kiste, das ist ein Kühlschrank. Daneben ein Gerät mit Siemens-Logo, vier Platten darauf, es muss ein Herd sein. Dazwischen Schränke ... es ist eine Küche."

Für fremde Beobachter sieht es manchmal aus, als würde ich den Raum mit leichter Verzögerung erkennen. Das stimmt jedoch nicht: Um alle Details zu erfassen und zu verketten, brauchen Autist und Nicht-Autisten genau gleich lange. Nur die Reihenfolge ist eine andere.

Antwort
von Ostsee1982, 46

"Dinge in einen Gesamtzusammenhang setzen" Könntest du das konkretisieren?

Antwort
von Intoccabile, 94

Ich habe einen guten Freund, der am Asperger-Syndrom leidet. Also ich kann nicht behaupten, dass dieser keine Zusammenhänge erfassen kann, im Gegenteil, er ist ungeheuer intelligent. Er kann halt keine mehrschichtigen Gefühle wahrnehmen und versteht diese auch nicht. Er weiß also nicht, was Liebe ist und wie sich das anfühlt. Er zieht sich oft zurück und will einfach nur in Ruhe gelassen werden, weil er halt nicht damit klarkommt.

Kommentar von Annisoli ,

Das liegt daran, dass alle Autist*innen unterschiedlich sind. Intelligenz hat nicht zwingend mit Autismus zu tun, man kann Zusammenhänge eventuell erfassen, aber manchen fällt es vielleicht schwerer, das Gesamtbild zu sehen.

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