Frage von TSanswer, 40

Askese als Lebensprinzip - Werte im Wandel - Wer kennt dies auch?

Hallo liebe Community,

ich mache mir seit einiger Zeit Gedanken, habe aber bisher kaum Gleichgesinnte gefunden, daher wollte ich euch einmal nach euren Erfahrungsberichten fragen.

Zu meinem Weg:

Ich war Zeit meines Lebens immer sehr ehrgeizig. Das resultierte zum einen in herausragenden Erfolgen bei meinen Hobbys (u.a. Weltmeister in Strategie- und Taktikspielen, mehrfacher MVP und MIP, Vereinsmeister im Tennis, erster Torwart in der Jugendmannschaft eines Handballbundesligsten, etc.), zum anderen in einem "glatten" Lebenslauf (Abitur -> Studium als Schwerpunkstbester abgeschlossen -> Festanstellung -> Promotion).

Zum Ende meines Studiums hat sich das aber irgendwie sukzessive gewandelt. Ich habe im Jahre 2010 ein Buch veröffentlicht und im Rahmen dessen viel recherchiert und meine philosophischen und theologischen Grundsätze hinterfragt. Im Ergebnis bin ich dadurch ein Stück "entweltlicht" worden. Ich möchte Dinge, die ich mache, immer noch gut machen, aber nicht aus den (in meinen Augen) falschen Motiven (Titel, Ruhm, Geld), sondern aus anderen Beweggründen (etwas Sinnvolles machen, für die Gemeinschaft agieren, etc.). Das resultiert auch darin, dass sich meine ehrenamtlichen Tätigkeiten seither deutlich erhöht haben.

Allerdings stelle ich fest, dass ich dadurch oft auf Unverständnis stoße. Theoretisch - und mir sind auch schon Jobs mit einem sechsstelligen Jahresgehalt angeboten worden - könnte ich eine hochwertige Stelle mit Führungs- und Personalverantwortung in der Privatwirtschaft bekommen. Allerdings arbeite ich momentan in einem großen Maschinenbauunternehmen auf einer "normalen" Stelle - und ich bin sehr glücklich damit. Die Tätigkeiten sind sinnvoll und machen Spaß. Nebenher forsche ich an Themenfeldern, die mir sinnvoll erscheinen.

Sagt man allerdings z.B. im Freundeskreis, dass man sich auf der Stelle wohlfühlt, dann herrscht schnell Unverständnis. Warum nicht viel verdienen? Warum nicht Zeit bei Ehrenamtlichem und der Forschung einsparen, und dafür voll im Job durchstarten und Karriere machen? Ich antworte dann immer, dass mich Karriere nur im Sinne von Kompetenz- und Tätigkeitsverbesserungen interessiert, Geld aber kein Beweggrund für mich sein kann, irgendetwas zu machen. Im Ergebnis bekommt man dann nur Kopfschütteln.

Kennt ihr das auch? Diese Oberflächlichkeit und "Gier" (Statussymbole, Geld, etc.) in der Gesellschaft? Lebt auch ihr im Hinblick auf Weltliches weitgehend asketisch? Wie reagiert euer Umfeld darauf?

Vielen Dank im Voraus.

P.S.: Das ist nicht als Kritik an Menschen zu verstehen, die Karriere machen. Ich habe davon einige im privaten Umfeld und kann es voll und ganz verstehen, wenn man sich hier selbst verwirklichen möchte. Ich gehe nur einfach einen anderen Weg.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von skyberlin, 16

Ich kann Deine Haltung sehr gut verstehen und teilen.

Nach einer sehr erfolgreichen Karriere im Sozialwesen, mit 15 Jahren Führungsverantwortung als Geschäftsführer und Manager sozialer Einrichtungen, mit Auszeichnung mit Verdienstorden des Landes etc., wurde mir mit 52 Jahren gekündigt (zu alt = zu teuer!)

Seitdem habe ich diverse andere Jobs, (u.a. auch als Tankwart) Arbeitslosigkeit etc. hinter mir.

Ich habe festgestellt, dass Erfolge sehr flüchtig sind. Sie befriedigen für eine gewisse Zeit und das lässt dann nach.

Dan ist man wieder auf sich zurückgeworfen und sucht anderweitig Sinn im Leben. Dazu gehören sicherlich Freunde, Familie, stärkende und erfüllende Aktivitäten, die Freude machen, so dass man Spaß am Leben hat.

Insofern kannn man sich entscheiden, wie man eine positive Balance aus berufllichen und privaten Anforderungen erreicht.

Wenn Dir das mit Deiner jetzigen Arbeit gelingt, und Du auch im Beruf zufrieden bist: warum auf die Karriereleiter wechseln?

Antwort
von Bodesurry, 23

Ganz einfach, Du bist bei der maslowschen Bedürfnispyramide eine Stufe höher gekommen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnishierarchie#Soziale_Bed.C3...

Ich habe mich vor Jahren bewusst gegen eine Karriere und für mehr "Sein" entschieden. Weniger Gehalt, aber dafür mehr Freiheit bei der Arbeit und mehr freie Zeit für mich und andere. Bis heute habe ich diesen Schritt nicht bereut. Ob es gleich Askese sein muss?

Statussymbole haben mir nie etwas gesagt. 

Antwort
von Giustolisi, 26

Ich lebe nicht asketisch, bin aber auch nicht nur an Besitztümern interessiert. 
Ich denke, dass keines der beiden extreme erstrebenswert ist. Ich denke, dass ein gesunder Mittelweg möglich ist. So kaufe ich was ich brauche und erlaube mir auch den ein oder anderen Luxus, habe es aber schon lange aufgegeben, irgendwelchen Trends hinterher zu rennen, denn dafür bräuchte ich Unmengen an Geld, um mir ständig den neuesten technischen Schnickschnack zuzulegen und mich vier mal im Jahr nach der neuesten Mode zu kleiden. Ich verwende meine Zeit und Energie lieber darauf, Spaß zu haben und bewerte Freizeit höher als Geld. 

Antwort
von frischling15, 19

Ich bin nicht sicher , ob ich Dich nun bewundern soll ! Ich habe eine völlig andere Einstellung  zu den hier von Dir aufgeführten Dingen !

Es gibt sicher einige Mitmenschen , die diese Deine Lebensphilosphie teilen, doch ich bezweifle , dass sie bei ihrem Niveau , den Rat- bzw die Bewunderung , von den hier bei GF agierenden Usern suchen... 

Kommentar von TSanswer ,

Warum nicht? Ich habe hier bereits einiges gelernt, vor allem zu technischen Themen. Unterschätzen Sie mal die Community nicht. ;-)

Antwort
von MrRomanticGuy, 7

Das Wichtigste ist, daß es Dir Spaß und Du darin Sinn findest. Ich bin leider Depressiv und es gibt nichts Schlimmeres als wenn das Leben keinen Spaß macht und nicht weiß was man will. Obwohl ich weiß es schon wird aber nie Realität werden. ^^

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community