In seinem Werk Topik (τοπική lateinisch: Topica) unterscheidet Aristoteles 4 Prädikabilien (κατηγορόυμενα), 4 Prädikatsklassen/Prädikatstypen, auf die sich alle möglichen Prädikate zurückführen lassen, die allen Topoi zugrundeliegen und nach der die Behandlung der Topoi in Buch II (B) – VII (Ή) gegliedert ist (A 4 – 6):
1) Definition (ὄρος, lateinisch: definitio)
2) Proprium/Eigentümlichkeit/eigentümliche Eigenschaft (ἴδιον; lateinisch: proprium)
3) Gattung (γένος; lateinisch genus)
4) Akzidens (συμβεβεκός; lateinisch: accidens)
Beim Proprium nennt Aristoteles (Ε 1) 4 Arten des Merkmals:
a) an sich (καθ᾽ αὑτὸ): gattungsbildende Unterschiede
b) immer (ἀεί): immer vorhandenes Proprium
c) in Bezug auf anderes (πρὸς ἕτερον): Relationsattribute
d) irgendwann einmal, manchmal (ποτέ): zeitweilig vorhandenes//zu einem bestimmten Zeitpunkt geltendes Proprium
Beim Proprium und beim Akzidens ist zu unterscheiden zwischen einer engen Bestimmung des Begriffsumfangs (exklusive Auffassung) und einer weiten Bestimmung des Begriffsumfangs (inklusive Auffassung).
Bei der inklusiven Auffassung des Proprium (nicht das Wesen/das, was es eigentlich ist/das, was es heißt, dies zu sein (τὸ τί ἦν εἶναι) des Dinges (πρᾶγμα) ist die Definition eingeschlossen, bei der exklusiven nicht.
Bei der ist exklusiven Auffassung ist wechselseitige Prädizierbarkeit notwendige Bedingung für ein Proprium, bei der inklusiven notwenige und hinreichende Bedingung.
Zum (exklusiven) Proprium gibt es eine Definition (A 5, 102 a):
„Proprium/Eigentümlichkeit/eigentümliche Eigenschaft (ἴδιον) aber ist, was nicht das Wesen/das, was es eigentlich ist/das, was es heißt, dies zu sein (τὸ τί ἦν εἶναι) des Dinges angibt, jedoch ihm allein zukommt und vom ihm wechselseitig ausgesagt wird/wechselseitig prädizierbar ist, wie es Eigentümlichkeit des Menschen ist, der Grammatik (Schriftkunst) fähig zu sein.“
Das Prädikat kommt dem Ding (der Sache/dem Gegenstandes/dem Subjekts des in Frage stehenden Satzes) ausschließlich zu. Das Prädikat ist mit seinem Subjekt wechselseitig prädizierbar, koextensiv/coextensiv (bedeutungsgleich; deckt sich im Inhalt im Sinne gleicher Wahrheitsbedingungen). Es ergibt sich also eine Umkehrbarkeit (Austauschbarkeit in der Aussage).
Eine Aussage, die eigentümlichen Prädikate kämen dem Subjekt nicht notwendig zu, steht in dem Abschnitt nicht. Es kommt nur ein Hinweis vor, wenn etwas auch anderem zukommt (also nicht dem fraglichen Ding allein), sei keine Umkehrbarkeit gegeben. Denn ein Schlafendes sei nicht notwendig ein Mensch.
Aristoteles unterscheidet auch noch zwischen verschieden Arten der Notwendigkeit.
Bei Aussagen über Gottheiten gibt es inhaltliche Abhängigkeiten von Gottesvorstellungen.
In der griechischen Mythologie gibt es eine Erzählung, wie Eos, die Göttin der Morgenröte, für ihren menschlichen Geliebten Tithonos von Zeus ewiges Leben (Unsterblichkeit) erbittet, allerdings vergessen hat, auch um ewige Jugend für ihn zu bitten.
Aristoteles versteht bei dem Beispiel offenbar Unsterblichkeit als unter den Lebewesen nur (allein) Gottheiten zukommende Eigenschaft.
Nach Aristoteles (z. B: Περὶ ψυχῆς [Über die Seele; lateinisch: De anima] 3, 5, 430 a) ist etwas am Geist, abgetrennt vom Individuum, unsterblich und ewig, der spontane/aktive/wirkende/tätige Geist (νοῦς ποιῶν). Unsterblichkeit ist deshalb für eine genaue Definition von Gottheit nicht geeignet, auch wenn es ein Merkmal ist und unsterbliches Lebewesen bei ihm ein Proprium darstellt.
Unsterblichkeit ist keine Definition, mit der das Wesen/das, was es eigentlich ist/das, was es heißt, dies zu sein (τὸ τί ἦν εἶναι) von Gottheit (θεός) vollständig erfaßt ist. Es kann nur ein Teilbestandteil sein.
Bei Aristoteles (vgl. als Überblick Hellmut Flashar, Aristoteles. In: Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 3). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2004, S. 335 – 338 [Theologie]) ist das Göttliche das Erste und Höchste (τὸ πρῶτον καὶ ἀκρότατον), das Erste Unbewegte Bewegende (τὸ πρῶτον κινοῦν ἀκίνητον).
Prädikate des Göttlichen sind:
reine Wirksamkeit (ἐνέργεια)
reine Betrachtung/Schau (θεωρία)
Denken (νόησις) des Höchsten und Besten, Denken des Denkens (νόησις νοήσεως)
höchste und dauerhafte Lust (ἡδονή)
bestes (dazu gehört Glückseligkeit) und ewiges Leben
Kommentare und Untersuchungen zu Aristoteles, Topik können nützlich sein, z. B.:
Tobias Reinhardt, Das Buch E der aristotelischen Topik : Untersuchungen zur Echtheitsfrage. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2000 (Hypomnemata : Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben ; Band 131), S. 25 – 46
S. 29: „Für das ἴδιον bedeutet die Unterscheidung der beiden Auffassungen, daß die Coextensivität mit dem betreffenden Subjekt, die für exklusive I¹-idia notwendige Bedingung ist, für inklusive I²-idia hinreichende und notwendige Bedingung ist:
I²(A, B) = df C(A, B)
So kann ein Frager gemäß τόπος 15 des fünften Buches einen von ihm selbst vertretenen Zielsatz I(A, B) allein durch den Nachweis etablieren, daß A und B coextensiv sind, d. h. er hat nicht zusätzlich zu zeigen, daß das als ἴδιον angegebene Prädikat nicht das Wesen des Subjekts angibt. Ein ἴδιον nach inklusiver Auffassung ist damit hinsichtlich der Frage, ob es das Wesen seines Subjektes angibt, nicht determiniert.“
Oliver Primavesi, Die Aristotelische Topik : ein Interpretationsmodell und seine Erprobung am Beispiel von Topik B. München : Beck, 1996 (Zetemata : Monographien zur Klassischen Altertumswissenschaft; Heft 94), S. 83 – 97
Aristoteles. Übersetzt und kommentiert von Tim Wagner und Christof Rapp. Stuttgart : Reclam, 2004 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 18337). ISBN 3-15-018337-5