Was sind die drei Grundsätze? Der erste ist der des verbotenen Widerspruchs, der zweite der des ausgeschlossenen Dritten und der dritte der der Identität, aber was genau bedeutet das? Vielen Dank für die Antworten.
Aristoteles - drei Grundsätze des logischen Aussagens
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Aristoteles gibt in seinem Werk Zweite Analytiken (Ἀναλυτικὰ ὕστερα; lateinisch: Analytica posteriora) A 2, 71 b – 72 b, drei Arten von Prinzipien (ἀρχαί [archai]) an, die als als Anfangsgründe weder durch eine Ableitung beweisbar sind noch eines solchen Beweises bedürfen:
1) Axiome (ἀξιώματα [axiomata])
2) Hypothesen (ὑποθέσεις [hypotheseis]), womit Existenzannahmen hinsichtlich elementarer Gegenstände gemeint sind, deren Wesen Definitionen erfassen
3) Definitionen (ὁρισμοί [horismoi])
Hypothesen und Definitionen werden auch als „Thesen“ zusammengefaßt.
Mit dem Ausdruck „Axiome“ werden Sätze bezeichnet, die von sich selbst her einleuchtend (evident) sind und an denen kein sinnvoller Zweifel aufrechterhalten werden kann. Sie sind Voraussetzungen jeden Denkens (insofern Denkgesetze bzw. Denknotwendigkeiten) und Handelns. Ihre Gültigkeit als Bedingungen der Möglichkeit von Wissen/Erkennen und Kommunikation kann nachgewissen werden, indem gezeigt wird, daß ihre Bestreitung nicht gedacht oder ausgesagt werden kann, ohne tatsächlich das in Abrede gestellt Axiom in Anspruch nehmen zu müssen.
Axiome sind Ausgangssätze der beweisenden Wissenschaft (vgl. dazu: Hellmut Flashar, Aristoteles. In: Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 3). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2004, S. 292).
a) Satz vom (ausgeschlossenen bzw. verbotenen) Widerspruch
Das sicherste Prinzip, das nicht täuschen kann, ist der Satz vom Widerspruch: Dasselbe kommt demselben unmöglich in derselben Beziehung zugleich zu und nicht zu (τὸ γὰρ αὐτὸ ἅμα ὑπάρχειν τε καὶ μὴ ὑπάρχειν ἀδύνατον τῷ αὐτῷ καὶ κατὰ τὸ αὐτό [Aristoteles, Metaphysik Γ 3, 1005 b]).
b) Satz vom ausgeschlossenen Dritten
Es kann nur entweder eine Aussage oder eine ihr widersprechende Aussage (kontradiktorisches Gegenteil) gelten/richtig sein, nicht etwas dazwischenliegendes Drittes. Von den Entgegensetzungen eines Widerspruches gibt es kein dazwischen (τῶν δ᾽ ἀντικειμένων ἀντιφάσεως μὲν οὐκ ἔστι μεταξύ [Aristoteles, Metaphysik I 7, 1057 a]).
Aristoteles, Metaphysik Γ 7, 1011 b: ἀλλὰ μὴν οὐδὲ μεταξὺ ἀντιφάσεως ἐνδέχεται εἶναι οὐθέν, ἀλλ᾽ ἀνάγκη ἢ φάναι ἢ ἀποφάναι ἓν καθ᾽ ἑνὸς ὁτιοῦν. δῆλον δὲ πρῶτον μὲν ὁρισαμένοις τί τὸ ἀληθὲς καὶ ψεῦδος. τὸ μὲν γὰρ λέγειν τὸ ὂν μὴ εἶναι ἢ τὸ μὴ ὂν εἶναι ψεῦδος, τὸ δὲ τὸ ὂν εἶναι καὶ τὸ μὴ ὂν μὴ εἶναι ἀληθές, ὥστε καὶ ὁ λέγων εἶναι ἢ μὴ ἀληθεύσει ἢ ψεύσεται • ἀλλ᾽ οὔτε τὸ ὂν λέγεται μὴ εἶναι ἢ εἶναι οὔτε τὸ μὴ ὄν.
„Es kann wahrlich nichts zwischen einem Widerspruch [den Gliedern eines Widerspruches; sich widersprechenden Entgegensetzungen] geben, sondern es ist notwendig, jeweils Eines von Einem entweder zu bejahen oder zu verneinen. Denn zu sagen, das Seiende sei nicht oder das Nichtseiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nichtseiende sei nicht, wahr, so daß auch, wer sagt, es sei oder es sei nicht [wer ein Sein oder Nichtsein aussagt/prädiziert] , wahr oder falsch reden wird. Aber es wird weder vom Sein ausgesagt, es sei nicht, noch vom Nichtseienden, es sei.“
Vgl. auch Aristoteles, Lehre vom Satz/Urteil (Περὶ ἑρμηνείας lateinisch: De interpretatione) 17, a 31 - 19 a 6
Der Satz von ausgeschlossenen Dritten (principium exclusi tertii, kurz: tertium non datur [„ein Drittes ist nicht gegeben"]) bezieht sich auf kontradiktorische Aussagenpaare, bei denen Unbestimmtheit ausgeschlossen ist. Aussagen über Zukünftiges, das möglich, aber nicht notwendig ist, sind in der augenblicklichen Gegenwart noch weder wahr noch falsch.
Wenn etwas bejaht oder verneint ist und damit eine (schon bedeutungsvolle) Frage der Art beantwortet wird, ob etwa so … oder so … ist, ist die Aussage, der λόγος ἀποφαντικός, als eine Seite eines Widerspruchs (bzw. als bloß mögliche Entscheidungen für eine solche) entweder richtig (wahr) oder falsch (Pirmin Stekeler-Weithofer, Satz vom ausgeschlossenen Dritten. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel : Schwabe, 1992, Spalte 1198)
c) Satz der Identität
Ein Satz der Identität wird von Aristoteles nicht stark als ein Grundsatz von drei Grundsätzen herausgestellt (dies könnte eher auf spätere Darstellungen zur Geschichte der Logik zurückgehen, die etwas wie A = A schreiben, als grundlegendes Denkgesetz), aber inhaltlich kann dazu angegeben werden, worum es geht: Etwas Bestimmtes ist es selbst, alles Wahre steht notwendig mit sich selbst in Übereinstimmung und darf sich nicht begrifflich oder tatsächlich widersprechen.
Aristoteles, Erste Analytiken (Ἀναλυτικὰ πρότερα; lateinisch: Analytica priora) A 32, 47 a: δεῖ γὰρ πᾶν τὸ ἀληθὲς αὐτὸ ἑαυτῷ ὁμολογούμενον εἶναι πάντῃ.
„Denn es ist nötig/notwendig, daß alles Wahre selbst mit sich in jeder Hinsicht übereinstimmt.“
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OberfroschOberfrosch
Die drei Grundsätze gibt es nicht bei Aristoteles. Aristoteles war der erste, der formal gültige Schlüsse beschrieben hat und meinte, jeder wahre Schluss lässt sich in seinem System herleiten und nur wahre Schlüsse (-->Vollständigkeit). Ein Schluss ist allerdings keine Aussage. Voraussetzung ist nur, dass die Aussagen, aus denen die Schlüsse gezogen werden, wahr sind. Mit dem Schluss-System können wir sagen, ob das Hergeleitete ebenfalls wahr ist. Sein formales Schluss-System ist aber erst einmal abstrakt und setzt nicht voraus, dass die Aussagen (empirisch) wahr sind, sondern nur dass sie korrekt formuliert sind ("formale Logik"). In wuhaben hem bamm ist keine Aussage, Apfel mich Küche vorher ebenfalls nicht. "Das Nichts nichtet" ist zwar sinn- und bedeutungslos (Heidegger war allerdings anderer Meinung ...), aber korrekt formuliert, so dass sich formale Schlüsse ziehen lassen. Deswegen behauptet Aristoteles, wer in seiner Logik trainiert ist, kann auch Sachen als gültig bewerten, von denen er eigentlich eine Ahnung hat. Ich beschränke mich mal aufs Formale, obgleich Aristoteles seine Logik mit Semantik (Bedeutungslehre) und Epistemologie (Erkenntnistheorie) flankiert und solche sinnlosen Beispiele wie bei mir bei ihm nicht auftauchen.
Widerspruch: Deine Prämissse ist "Alle Drogulusse sind babig.". Im weiteren Verlauf stellst Du fest, dass es einen nicht-babigen Drogulus gibt, sei es, dass Du ihn entdeckst, sei es, dass Du die Aussage herleitest. Du musst also den Satz formulieren "Es gibt einen Drogulus für den gilt: Er ist nicht babig." und daraus folgt "Es ist nicht der Fall, dass alle Drogulusse babig sind." (Vorsicht: Die Verneinung von "Alle Drogulusse sind babig." ist nicht "Kein Drogulus ist babig." und auch nicht "Alle Drogulusse sind nicht-babig.", sondern nur "Es ist nicht der Fall, dass alle Drogulusse babig sind.") Das ist ein Widerspruch zu Deiner Prämisse, Du kannst also Deine Forschung in den Müll werfen. Oder "Alle Drogulusse sind babig und stonzig. Was stonzig ist, ist wuffig. Was wuffig ist, ist nicht-babig. ==> Es gibt nichts, was babig und stonzig ist." Daraus folgt, dass mit den Drogulussen was nicht stimmt, denn die Schlussfolgerungen sind alle formal korrekt.
Ausgeschlossenes Drittes (bei wikipedia unter Satzvomausgeschlossenen_Dritten, meist tertium non datur): "Dieser Drogulus babt." oder "Es ist nicht der Fall, dass dieser Drogulus babt." ist wahr. Eine von beiden Aussagen muss wahr sein, es gibt aber keine dritte Möglichkeit. Einfacher: Es regnet jetzt oder es ist nicht der Fall, dass es jetzt regnet. Wie man Nieselregen einordnet, ist eine Frage der Bedeutung, aber nicht der korrekten Aussage. Für Alles gilt: Entweder ist die positive oder die verneinte Aussage wahr. Und was machen wir mit "Caesar ist eine Primzahl." oder "Grüne Dreiecke schlafen schlaflos."? Daran stören sich manche und meinen, es müsse mindestens drei Möglichkeiten der Bewertung von Sätzen geben: wahr, falsch und sinnlos (oder so ähnlich). Das hängt bisschen an der Verneinung: "Caesar ist keine Primzahl." wäre vielleicht ebenfalls sinnlos, aber "Es ist nicht der Fall, dass Caesar eine Primzahl ist." erscheint mir unproblematisch.
Identität: Der Schluss A=A ist aus jeder korrekten Aussage möglich, was immer von A sonst noch gesagt wird. Denken wir an den babenden Drogulus: Was auch immer wir über ihn wissen oder nicht wissen: Dieser Drogulus ist gleich diesem Drogulus, also mit sich selbst identisch. Das können wir immer daraus folgern. Erweitert: Wenn zwei Objekte die genau gleichen Eigenschaften besitzen, sind sie identisch. Ob das auch für Objekte gilt, die zeitlich (minimal) getrennt sind, ist eine andere Frage (schönes Beispiel von Davidson, bei wikipedia: Sumpfmann).
Bei wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Denkgesetze
Kommentar von
OberfroschOberfrosch Speziell für Aristoteles: http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-logic/
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Suchst Du das?
"Die Definition der Deduktion (syllogismos) ist also weiter als die der (unten behandelten) – traditionell Syllogismus genannten – Deduktion, die aus zwei Prämissen und drei Termen besteht. Aristoteles unterscheidet dialektische, eristische, rhetorische und demonstrative Deduktionen. Diese Formen unterscheiden sich vor allem nach der Art ihrer Prämissen."
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mutzziemutzzie
Steht das nicht bei Aristoteles in Wikipedia ?
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MerlinaS Nein, da habe ich es nicht gefunden, deshalb frage ich ja... ):
Pirmin Stekeler-Weithofer, Satz vom (ausgeschlossenen) Widerspruch. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel : Schwabe, 1992, Spalte 1202:
„Unter S.[atz] v. [om] W.[iderspruch] oder dem »principium contradictionis« versteht man den Teil eines (starken) Satzes vom ausgeschlossenen Dritten (im folgenden; S. v. a. D.; s.[iehe] d.[ort), der besagt, daß ein sinnvolles Urteil, das bei ARISTOTELES als »eine Seite des Widerspruchs« bestimmt ist, nicht zugleich als wahr und als falsch beantwortet werden kann, so daß man die Satznegation so definieren kann: Wenn S wahr ist, dann ist nicht-S (in Zeichen ¬ S) falsch, und wenn S falsch ist, ist ¬S wahr. Dabei spricht man (Z. B. Aristoteles= der Einfachheit halber vielfach von den Sätzen S, obwohl die im allgemeinen auch generisch verstanden Äußerungen A (in typischen Kontexten und Situationen) artikuliert sind. Die Geltung des S.[atzes] v.[om] W.[iderspruch] ist Voraussetzung dafür, daß eine mögliche Äußerung als eine Differenzierung und damit eine (a fortiori als bedeutungsvoll unterstellte) Aussage etwas ausdrückt, und nimmt, wenn man die Satzverweisung und die Konjunktion ‘und’ (∧) berücksichtigt, folgende Form an: Es kann nicht S und ¬S, also nicht (S ∧ ¬S) unter gleichen kontextuellen und situationellen Bedingungen ‘gültig’ (z. B. ‘wahr’) sein, da sonst ihre Äußerung (in doppeltem Sinn des Wortes) wertlos wäre. Daher ist ¬ (S ∧ ¬ S) (in gewissem Sinn) ‘immer wahr’. Die traditionelle Logik formulierte dieses Prinzip üblicherweise in der Form ‘A ist nicht Nicht-A’ und stellte es dem »principium identitatis« ‘A ist A’ gegenüber. Die letztere Formel ist freilich nicht einfach als variabler Ausdruck für Sätze der Form ‘Ein Mensch ist ein Mensch’ zu lesen, sondern steht stellvertretend für alle analytisch wahren Aussagen. Die Formel ‘A ist Non-A’ steht also eigentlich für alle begrifflich inkonsistenten Sätze, nicht nur für solche, in denen das Prädikat dem Subjekt entgegengesetzt ist.“
Christof Rapp, Aristoteles zur Einführung. Hamburg : Junius, 2001 (Zur Einführung ; 246), S. 87 – 88:
„Schließlich besteht das Verhältnis der Kontradiktion zwischen »Mensch« und »Nicht-Mensch«, im Unterschied zu den konträren Entgegensetzungen kann es bei der Kontradiktion kein Mittleres geben, weil die Negation eine Komplementärklasse definiert: Unter »Nicht-Mensch« fällt alles, was nicht Mensch ist, sodass es daneben keine dritte Klasse geben kann. Wenn dagegen »weiß« und »schwarz« konträre Gegensätze sind, dann können dazwischen alle möglichen Grautöne liegen.
Für den Logiker interessanter wird es, wenn man von der Ebene einzelner Begriffe zur Ebene der Aussagen übergeht. Eines der Kernanliegen der Schrift De Interpretatione besteht darin, zu zeigen, dass es zu jeder zusprechenden oder affirmativen Aussage (kataphasis) eine und nur eine absprechende oder negative Aussage (apophasis) gibt, die genau das bestreitet, was die zusprechende Aussage behauptet. (Int. 17 a 31 ff.) Ein solches Aussagenpaar steht zueinander im Verhältnis der Kontradiktion.“
Otfried Höffe, Aristoteles. 3., überarbeitete Auflage, Originalausgabe. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 535), S. 83 – 89
S. 86: „Das sachlich erste Axiom, der Satz vom Widerspruch, sagt, daß etwas (z. B. die Bezeichnung »Mensch«) unmöglich zugleich (im logischen, nicht temporalen Sinn) und in derselben Beziehung derselben Sache zukommt und nicht zukommt. Nach dem zweiten Axiom, dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten, gibt es bei widersprechenden Behauptungen kein Mittleres, vielmehr ist eines von einem entweder zu behaupten oder aber zu bestreiten. In beiden Fällen würde man heute von logischen Theoremen sprechen.“