Frage von SiloMatix, 34

Arbeit über Wirtschaftsethik (Niveau Gymnasium Abitur)?

Hallo, ich muss eine Arbeit über Wirtschaftsethik machen (Niveau Gymnasium Abitur). Dazu verschiedene Positionen über ein Dilemma ausarbeiten und analysieren. Der Wikipedia Artikel über Wirtschaftsethik trifft die Beschreibung ganz gut, aber da ist das Thema noch ein riesiges Konstrukt welches ich nicht begreifen kann.

Kennt jemand eine besser verständliche Quelle? Oder vielleicht ein passendes Dilemma zur Wirtschaftsethik? ;)

(NICHT: "ist es ok aus China zu bestellen")

mfg Silas

Antwort
von berkersheim, 19

Wenn man Professorenstühle vermehren will, erfindet man Fächer wie Wirtschaftsethik. Fangen wir mal anders an: Was will Ethik. Wenn wir Ethik und Moral nicht gleichsetzen wollen, dann ist Ethik ein Teilgebiet der Philosophie, das sich in Erkenntnisvertiefung argumentativ mit den Fragen der Moral auseinandersetzt. Woher kommen die Sitten? Was bilden sie ab? Haben sie heute noch eine Berechtigung? Ethik geht zunächst einmal davon aus, dass der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist und Orientierungen zu geben sind für das möglichst konfliktfreie Miteinander von Individuen und Gruppen und den Machtstrukturen in ihnen. Gesellschaften sind gegründet worden und gewachsen, um den Individuen in einer konfliktreichen Umwelt einen Raum zur Entfaltung zu bieten, was aber mit notwendigen Regeln des Miteinanders abzustimmen ist. Wenn man nun Wirtschaft als die Gesamtheit der Lebensvorsorge betrachtet, dann ist der größte Teil des gesellschaftlichen Miteinanders der wirtschaftlichen Überlebensversorgung gewidmet. Da ist es eigentlich kein Wunder, wieso nicht alle Grundorientierungen der allgemeinen Ethik auch in den wechselseitigen Verhältnissen der Wirtschaft Anwendung finden sollten.Wir alle miteinander wirtschaften, damit jeder einzelne eine möglichst gute individuelle Lebensgrundlage erhält. Fairness im Umgang miteinander ist daher das oberste Gebot (in hochgestochener Form Kants kategorischer Imperativ).

Den Wikipedia-Beitrag finde ich nicht sehr gelungen. Ein Sammelsurium unterschiedlicher Positionen. Das ökonomische Miteinander in unseren Gesellschaften ist historisch gewachsen über unterschiedliche Stufen der Produktaufbereitung von der einfachen Landwirtschaft bis zur modernen Lebensmittelindustrie. Es gibt niemanden, der das zentral gesteuert hätte. Wir haben vieles als Entwicklung zugelassen, weil uns oft die Folgen mancher Entwicklung noch vollkommen unbekannt waren. Je größer die Gesellschaften wurden, desto deutlicher ist auch der Profilierungswille eigener Vorteile als Teilgruppe gegen einen Willen zum Gesamtwohl aufgetreten. Unter den Interessen von Teilgruppen kommt in einer Gesellschaft immer die Fairness als erstes unter die Räder. Hier liegt meiner Meinung nach der Kern von Widerspüchlichkeiten. Die Solidarität zum Wohl des Ganzen wird proklamiert und dahinter geschickt der Eigennutzen versteckt. Der größte Feind einer gesamtgesellschaftlich wirkungsvollen Ethik zum Wohle aller ist die Einstellung: Solange es irgendwie läuft, die Sache laufen lassen. Der Preis dieser bequemen Haltung kann hoch werden und großspurige ethische Forderungen gehen dann ins Leere.

Bei GABLER, Wirtschaftsethik heißt es z.B.:

"Wirtschaftsethik beschäftigt sich mit der moralischen Bewertung von
wirtschaftlichen Systemen und sucht nach Möglichkeiten für
gesellschaftliche Kooprationspotenziale. Angesichts zunehmender Kritik
an dem marktwirtschaftlichen System sowie Unternehmen gewinnt die
Vermittlung von normativen Orientierungswissen im Hinblick auf
wirtschaftliche Zusammenhänge zunehmend an Bedeutung."

Da wird meiner Meinung nach Wirtschaftstheorie mit Ethik verwechselt. Ethik gibt Orientierung für alle Menschen, nicht nur für "Systeme", die es nur in Lehrbüchern gibt (manchmal würde man besser Leerbücher schreiben). Systeme, auch Märkte handeln nicht. Es sind die Menschen, die darin handeln nach Regeln, die sie sich selbst gegeben haben. Statt über Systeme und Märkte zu jammern wäre es ehrlicher, mal zu schauen, welche rechtlichen Regeln des Umgangs man sich gegeben hat, in deren Rahmen wir handeln. Da wird das Wirtschaften aller auf wenige Organisationen und rechtliche Einrichtungen verkürzt. Richtig ist zu fragen, welche ethischen Handlungen provozieren oder torpedieren bestimmte rechtliche Ordnungen. Weiterzufragen wäre, wie müssen wir das ändern. Wenn rechtliche Regelungen zulassen, dass Risikospieler bei hochriskanten Geschäften den Gewinn einstreichen (bzw. evtl. mit dem Staat teilen) dürfen, die Schäden der Risiken aber von der Allgemeinheit getragen werden, dann kann man in Zeitungen landauf und landab mit noch so großen Überschriften über die mangelnde Moral im Spielcasino lamentieren, die rechtlich eingeräumten Möglichkeiten setzen sich durch. Wenn eine Mehrheit ausschließlich "billig" goutiert, hilft kein moralisches Aufregen über Kinderarbeit in Bangladesch. Es ist unehrlich und das schon die ethische Grund-Fehlleistung. Zum Erhalt unserer Bequemlichkeit haben wir die Taschen voller Lügen und Notlügen. Wie schön, wenn wir uns dann einig sind, dass an allem nur der Kapitalismus schuld ist. Der ist wie Gott oder Teufel, von allen beschworen, von keinem gesehen.

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