Frage von Annapurna02, 81

Antriebsarm. Wie kann ich mich motivieren und strukturieren, wo ich mich doch weiß, wie leicht das sein kann?

Guten Tag, Ich bin Anfang 20, arbeite Vollzeit und wohne seit einem halben Jahr in meiner ersten eigenen Wohnung und habe zuvor in WGs gelebt. Ich war nie ein strukturierter Mensch, als Kind schon chaotisch. Heute weiß ich genau, wie ich putzen sollte, alles einfach ordentlich halten könnte, aber schaffe es einfach nicht, meine Wohnung konstant so zu halten, dass ich mich wohlfühle. Sobald ich weiß, ich bekomme Besuch oder mein Freund ist bei mir (das kommt alles mehrere Tage die Woche vor), muss ich davor immer Power-Aufräumen und Putzen, was ich dann unter Druck auch gut kann und dann fühle ich mich auch echt wohl, aber in den Tagen dazwischen dauert es keine paar Stunden, und ich lasse es (manchmal auch total bewusst und absichtlich (?) als würde ich denken, dass gehört zu meinem Wesen..) komplett verwüsten. Anstatt meine Anziehsachen wenigstens abends über einen Stuhl zu hängen, lasse ich sie quer im Schlafzimmer liegen, anstatt die Kaffeetasse in die Spüle zu stellen, lass ich sie auf dem Tisch stehen, ich lasse einfach alles rumstehen und liegen und meine Wäsche liegt tagelang in der Waschmaschine, wenn etwas hinfällt, lass ich es liegen. Wieso ist das so? Anstatt jetzt eben schnell aufzuräumen - und ich weiß ja, wie schnell das gemacht ist - schreibe ich hier. Andere kennen meine Scheinwelt, ich sei ordentlich und habe endlich alles im Griff. Das klingt weniger dramatisch, aber ich glaube, ich lebe wie immer eine Lüge, die ich mich selbst einrede. Wie soll das denn mal werden, wenn ich mit meinem Freund zusammenziehe? Es ist, als könnte ich nicht anders. Kennt das jemand und hat es irgendwie in den Griff bekommen? "Sich selbst überwinden" klingt so leicht, für mich ist es das aber nicht. Und ich bin nicht unbedingt faul, funktioniere aber offenbar nur unter Druck.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Tasha, 40

Ich selbst hatte lange große Probleme mit dem Aufräumen. Wenn zu viel auf dem Boden oder Tisch lag, hatte ich das Gefühl, jetzt wochenlang aufräumen zu müssen, auch wenn ich aus Erfahrung wusste, dass es nur ein paar Minuten oder eine halbe Stunde gedauert hätte. Besonders krass war und ist teilweise noch das Gefühl, keine Platz mehr für die Sachen zu haben. Optisch sind Schränke und Regale voll, also bleibt alles auf dem Boden oder dem Tisch. Etwas über den Stuhl zu hängen, war auch "gefährlich", weil dann etwas anderes dazu kam und irgendwann der Stuhl nicht mehr benutzbar war, also kam erst mal alles auf den Boden oder die Couch...

Ich habe dann einen großen Kasten von Ikea gekauft (hatte anfangs kleine Plastikkästen) und erst mal ALLES, was rumlag, dort rein "geworfen". Damit war optisch alles ordentlich. Aus dem Kasten konnte ich dann schnell aufräumen. Lag etwas auf dem Boden, war das nicht der Fall, weil es nach mehrstündiger Arbeit aussah, teilweise Wege zum Schrank etc. versperrt waren und ich nicht wusste, wohin damit.

Meine Lösung war dann, in jedem Regal, Schrank etc. ein Fach komplett freizulassen, und wenn ich nicht wusste, was wohin kam, wurde das erst mal dort rein gelegt. Das Fach räume ich einmal die Woche aus. Den Kasten abends. Damit geht es eigentlich ganz gut. Für Bad und Küche etc. habe ich immer noch einen kleinen Plastikkasten, in den erst mal alles aus den Regalen oder von der Arbeitsfläche kommt, wenn die sauber gemacht wird, damit es nicht auf dem Boden oder sonstwo im Weg steht und aus "Verzweifelung" stehen bleibt.

Es gab mal einen Blog "Die Ordnungshüterin" - der jetzt leider geschlossen ist - auf dem ein Aufräumkonzept mit Küchenuhr propagiert wurde: Man nimmt sich eine ganz kleine Aufgabe - Geschirr in die Spülmaschine, Badezimmerschrank aufräumen, Boden leeren - und zerlegt sie in kleine Teilschritte. Z.B. Badezimmerschrank aufräumen: Schrank leeren (in Kasten), Schrank reinigen, Kasten sortieren nach Müll (leere Tuben etc.) und noch Benötigtem, dann noch mal nach Kategorien (Kosmetik, Seife und Shampoo, Handtücher etc.), dann Schrank wieder einräumen. Für jede Aufgabe stellt man sich die Küchenuhr (oder für die ganze Aktion), z.B. Schrank leeren - 2 min, Schrank säubern - 5 min - Sachen ordnen - 5 min - Sachen wieder einräumen - 5 min - Rest wegwerfen - 2 min. So weiß man, wann man fertig ist, arbeitet mit der Küchenuhr unter Zeitdruck und ist schneller und effizienter, als wenn man sich nur locker vornimmt, irgendwann den Badezimmerschrank zu ordnen. Am besten nimmt man sich immer nur kleine Aufgaben mit kurzen Zeiten vor (5 bis 20 min), so dass man motiviert ist, sie sofort zu erledigen. Danach hat man oft mehr Motivation, weiterzumachen, also wenn man irgendwie loslegt. Außerdem hat man durch die Teilaufgaben einen genauen Überblick, wie man vorgehen soll. Aufräumen scheitert sonst oft an der Idee "hier Ordnung zu machen" und dem Problem, nicht genau zu wissen, wie.

Auf dem Blog wurden sehr viele kleine Aufgaben erdacht, die man in 5 bis 10 min hinbekommt. Man macht eine Liste aller nötigen Aufgaben, überlegt sich Teilschritte dazu und erledigt dann auch zwischendurch mal etwas. Z.B- 5 min Küchenschublade ordnen - Besteck raus, Schublade auswischen, allen Kleinkram in Schraubgläser (Gummibänder, Einkaufszettelchen, Schere etc.). Gleiches fasst man möglichst in Kästen zusammen oder Körben. So kann man z.B. schnell einen Küchen- oder Badschrank säubern, weil nur der Kasten raus muss und der Schrank ausgewischt werden muss, statt dass man alles einzeln rausnehmen und zurückstellen muss. 

Für unangenehme Aufgaben hatte sie auch Zeitvorgaben, z.B. 5 min Küchenspüle putzen. Das 5 min am Stück zu machen ist schon sehr lange, so dass man - mit Küchenuhr - sehr gründlich vorgeht. Viel gründlicher, als wenn man die Aufgabe oberflächlich erledigt, weil man keine Lust und eigentlich auch "keine Zeit" hat.

Wichtig war auch immer, regelmäßig Fächer durchzusehen und alles auszusortieren, das man nicht mehr benutzt, das kaputt ist oder das in dieser Jahreszeit etc. nicht verwendet wird (das kam dann an einen weniger gut zugänglichen Ort).


Was auch helfen kann, ist ein Termin im Kalender und eine Strichliste, wann man den eingehalten hat. Also Freitag, 20-20:15 - Badezimmer- und Küchenboden wischen, Geschirr in die Maschine etc.

Kommentar von Annapurna02 ,

Oh herzlichen Dank für die ausführliche Antwort :) Interessantes System, werde ich ausprobieren. Habe leider auch einen offenen Schrank, da sieht man auch jede Unordnung, allerdings würde alles andere auch dazu verleiten, einfach zu stopfen und die Tür zu schließen. 

Ich versuche jetzt einfach, mit ein paar Tricks mal konstant Ordnung zu halten. Jetzt ist alles blitzeblank, hoffentlich hält es mal an. 

Antwort
von Draicwing, 31

Betreffend Aufräumen und mehr Ordnung ins Leben bringen kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen: Magic Cleaning - Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert (http://www.amazon.de/gp/product/3499624818?ie=UTF8&camp=3206&creative=21...)

Hätte ich nicht gedacht, aber es funktioniert. Das Buch stammt von einer Japanerin und manchmal wundert man sich über die beschriebenen Ansichten und Rollenbilder. Lässt man das aber mal außer Acht, so sind die Tipps super zu gebrauchen. Außerdem findet man auf Youtube auch Videos für alles, was das Buch so nicht veranschaulichen kann. Es gibt mittlerweile bereits eine richtige Magic Cleaning Fangemeinde.

Inzwischen gibt es vom Buch auch eine Neuauflage. Die darin ergänzten Teile und Tipps sollen allerdings eher irritieren, als helfen. Somit habe ich mich für die erste Version des Buchs entschieden.

Antwort
von Stachelkaktus, 28

Dass du dein Problem erkannt hast und nach einer Lösung suchst, ist schon mal der erste Schritt!

Versuch für so Sachen wie herumstehende Tassen mal die 60-Sekunden-Regel: was sich innerhalb von dieser Minute erledigen lässt, wird sofort erledigt. Dann hast du was weg, ohne dass die Arbeit gleich deinen halben Tag beansprucht hat. Probiers mal aus! 😉

Übrigens, die gewaschene Wäsche sofort auf einem Tisch glattzustreichen und aufzuhängen spart immens Bügelarbeit! 

Alles Gute, du kriegst das in den Griff! Der Anfang ist halt immer am schwersten, aber dann läufts!

Antwort
von matzerEssen, 17

Ich empfehle das Buch "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" von Sascha Lobo .... das hilft beim aufräumen und gelassen bleiben :)))

Antwort
von LeonLional, 43

Das kenne ich. Bin 21 und hab trotzdem mein Abitur gerade erst geschafft. I.d.R. ändert sich das, wenn du älter wirst. Es ist denk ich ein Stück weit normal, wenn man in diesem Alter noch unstrukturiert und chaotisch ist.

Antwort
von Marieke2712, 27

Liste machen mit Dingen, die Du Dir angewöhnen möchtest. Liste sichtbar aufhängen. Pro Woche einen Punkt antrainieren, irgendwann gehört es zu Deinem Leben und Tagesablauf dazu. Kleine Ziele setzen und belohnen. Viel Erfolg!

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