Organschäden
Nicht nur die Haut, sondern auch jedes Organ, das von einer zu hohen Strahlendosis betroffen wurde, kann mit Gewebsveränderungen reagieren. Dazu gehören narbige Umbildungen, bei denen das gesunde Gewebe durch weniger elastisches Bindegewebe ersetzt wird (Atrophie, Sklerosierung), und die eigentliche Gewebe- oder Organfunktion verloren geht.
Auch die Blutversorgung ist betroffen: Entweder ist sie mangelhaft, weil das narbige Bindegewebe schlechter mit Adern versorgt wird, oder es bilden sich viele kleine und erweiterte Äderchen (Teleangiektasien). Drüsen und Schleimhautgewebe werden nach Bestrahlung sehr empfindlich und reagieren mit narbiger Umbildung und auf kleinste Verletzungen mit Verklebung. Dies kann bei den Speicheldrüsen, im Mund und im weiteren Verdauungstrakt, in der Scheide oder im Harntrakt zu Funktionsverlust oder behindenden Verengungen führen.
Gehirn und Nerven können durch hohe Strahlendosen ebenfalls geschädigt werden. Waren Gebärmutter, Eierstöcke, Hoden oder Prostata im Strahlengang gelegen, kann die Fähigkeit verloren gehen, ein Kind zu bekommen.
Die gewebsspezifische Strahlendosis, von der an solche und andere schwere Schäden zu erwarten sind, kennen Radiologen aus klinischen und vorklinischen Studien. Sie versuchen daher, solche Belastungen wenn irgend möglich zu vermeiden. Die neuen Techniken der zielgerichteten Bestrahlung haben dies einfacher gemacht.
Ist die Mitbestrahlung eines empfindlichen Organs unvermeidlich, um einen Tumor überhaupt erreichen zu können, müssen Patienten mit ihren Ärzten gemeinsam eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung treffen.
Was tun bei Strahlenschäden?
Betroffene brauchen individuelle Beratung: Da schwere Strahlenschäden insgesamt selten geworden sind, haben spezialisierte Zentren und Radiologen mit dem Schwerpunkt Onkologie heute meist die größte Erfahrung. Fachleute erfassen Früh- und Spätschäden in vier Schweregraden nach den so genannten LENT-SOMA-Kriterien (LENT steht für englisch: Late Effects on Normal Tissues; deutsch: Späteffekte am Normalgewebe; SOMA für Subjective Objective Management Analysis, zu deutsch: subjektive, objektive, therapiebedingte Kriterien, Analyseverfahren zur Beschreibung von Nebenwirkungen).
In der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie ist die Arbeitsgemeinschaft Nebenwirkungen/Supportivtherapie für dieses Thema zuständig und erarbeitet Leitlinien für Fachleute. Für Betroffene bietet die AG unter www.nw-suppo.de, Stichwort "Patienteninformation" (obere Laufleiste zu Tumorarten) umfangreiche Hintergründe.
Zweitkrebserkrankungen
Im ungünstigsten Fall führen Spätschäden an gesunden Zellen auch zu strahlenbedingten Zweittumoren: Sie gehen auf dauerhafte Veränderungen an der Erbsubstanz zurück. Bis zu einem gewissen Grad kann eine gesunde Zelle solche Schäden reparieren. Unter Umständen werden sie jedoch noch an Tochterzellen weitergegeben; das Risiko steigt, dass bei weiteren Zellteilungen noch mehr Schäden auftreten und schließlich ein Tumor entsteht.
Insgesamt ist das Risiko nach Bestrahlungen und nuklearmedizinischen Anwendungen aber gering. Auch dauert es oft Jahrzehnte, bis sich ein solcher "Fehler" tatsächlich auswirkt. Die Mehrzahl aller bestrahlten Krebspatienten ist zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung aber bereits in der zweiten Lebenshälfte. Dies muss beim Vergleich möglicher Risiken mit dem Nutzen einer Behandlung berücksichtigt werden.
Neue Bestrahlungsverfahren sind außerdem weit weniger belastend als die Methoden, die noch vor wenigen Jahrzehnten eingesetzt wurden. Junge Frauen, die wegen eines Lymphoms eine umfangreiche Bestrahlung des Brustkorbs erhalten hatten, eine so genannte Mantelfeldbestrahlung, tragen zum Beispiel ein etwas höheres Brustkrebsrisiko. Heute versucht man in der Lymphomtherapie daher, umfangreiche Bestrahlungen so selten wie möglich einzusetzen. Von Prostatakrebspatienten, die bis Ende der 80er Jahre mit den damals üblichen Methoden bestrahlt wurden, kennt man ein gegenüber gesunden Männern gesteigertes Darmkrebsrisiko. Eine aktuelle Studie U.S.-amerikanischer Wissenschaftler zeigt, dass das Risiko seit etwa 1990 deutlich gesunken ist - neuere und viel zielgenauere Techniken führen heute dazu, dass bei den meisten Männern der Darm gar nicht mehr im Strahlengang liegt.
Genau, gerade bei lebenswichtigen Themen vertraue ich doch nicht einem anonymen Haufen aus dem Internet mit Internet-Halbwissen :) Da ist ein Spezialist gefragt. Alles gute, Fragesteller