Frage von Happiness88, 49

An was haben die griechisch-römischen Heiden geglaubt? Stimmt es, dass sie das Jenseits ausgestrichen haben und die Erlösung für unnötig hielten?

Auf dem Bild "Der Tod des Sokrates" von Jacques Louis-David zeigt Sokrates mit dem Finger nach oben. Hat er tatsächlich für die griechisch-römischen Heiden votiert? Ist das denn nicht widersprüchlich, wenn er doch mit dem Zeigefinger nach oben deutet, aber gleichzeitig fur die Heidenlehre plädiert?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 12

Die Bezeichnung «Heiden» ist in diesem Zusammenhang wenig passend. Sokrates (469 – 399 v. Chr.) hat mehrere Jahrhunderte vor Beginn eines Christentums gelebt.

«Heiden» ist eine abgrenzende Bezeichnung von einer bestimmten Religion her und kann (auch wenn dies nicht zwangsläufig der Fall ist und die Bezeichnung einfach nur geschichtlich eine Beschreibung darstellen kann, die in aus einer bestimmten Perspektive stammende Kategorien einordnet) leicht zu einer Abwertung weitergehen.

Aus christlicher Sicht (zeitlich mit einer Einordnung zur Zeit des Sokrates zurückgehend) ist er zumindest, was sein religiöses Bekenntnis betrifft, ein Nichtchrist. Aber ein Votieren/Plädieren des Sokrates für eine griechisch-römische «Heidenlehre» in Gegensatz zu einer christlichen Lehre ist eine anchronistische Auffassung von möglichen Alternativen in seiner Lebenssituation.

Ein nach oben deutender Zeigefinger kann nicht als vorwegnehmendes Bekenntnis des geschichtlichen Sokrates zum viel später entstandenen Christentum und eventuell widersprüchlich zu sonst von Sokrates vertretenen Überzeugungen gelten.

Der antike Text, auf dem das Bild am meisten beruht (wenn auch mit mehreren Abweichungen in Einzelheiten), ist Platon, Phaidon. Darin wird geschildert, wie Sokrates seine letzte Lebenszeit im Gefängnis verbringt und mit Freunden das Thema «Unsterblichkeit der Seele» erörtert. Der Dialog ist keine Aufzeichnung, die ganz genau die Ereignisse und Äußerungen festhält, sondern eine auf Informationen beruhende, aber vor allem in den philosophischen Aussagen selbst Gedanken einbringende Gestaltung Platons. Bei den philosophischen Aussagen ist dieser Sokrates eine Dialogfigur Platons, nicht unbedingt auf authentische Weise der geschichtliche Sokrates.

Die Dialogfigur Sokrates will keine Gewißheit für die Aussagen zur «Unsterblichkeit der Seele» beanspruchen. Die von ihm vertretene Überzeugung ist die einer vorhandenen Unsterblichkeit der Seele. Sokrates meint, ordentliche/anständige und besonnene/vernünftige Seelen, Menschen, die ihr Leben rein und maßvoll verbracht haben, bekämen auf dem Weg in den Hades (in die Unterwelt) Gottheiten als Begleiter und Wegführer und würden den ihnen jeweils zukommenden Ort bewohnen, während andere Seelen, die unrein sind und Verbrechen begangen haben, umherirrten und dann von der Notwendigkeit in die für sie passende Wohnung gebracht würden (Platon, Phaidon 107 c- 108 c). In diesem Zusammenhang kommt das Wort σωτηρία (soteria; Rettung, Erlösung, Wohlergehen, Heil) vor (Platon, Phaidon 107 d). Als schöne Erzählung, die in ihren Einzelheiten nicht genau wahr zu sein beansprucht, schildert Sokrates eine sehr schöne Erde, mit Pflanzen, Tieren, Gold, Silber, Edelsteinen, ohne Krankheiten, die Menschen in einem guten Leben/Glückseligkeit (εὐδαιμονία [eudaimonia]) bewohnen können (Platon, Phaidon 110 b- 11 1c). Wer seine Seele mit Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Edelmut und Wahrheit geschmückt habe, könne die Fahrt in den Hades zuversichtlich abwarten (Platon, Phaidon 114 d - 115 a). Sokrates nimmt an, er werde in irgendwelche gute Leben/Glückszustände der Seligen (εἰς μακάρων τινας εὐδαιμονίας) fortgehen (Platon, Phaidon 115 d). Als ihm der Becher mit einem Gifttrank gereicht wird, meint Sokrates, es sei erlaubt und schicklich, zu den Gottheiten zu beten, die Wanderung/Übersiedlung von hier dorthin möge glücklich/günstig geschehen, und betet so (Platon, Phaidon 117 c). Dann trinkt er den Becher aus. Seine letzte Äußerung, an Kriton gerichtet, ist, sie seien Asklepios [griechischer Heilgott; römische Entsprechung: Aesculapius] einen Hahn schuldig, diesen sollten sie hingeben und es nicht vergessen/vernachlässigen (Platon, Phaidon 118 a).

Sorge/Fürsorge für die Seele/sich um die Seele zu kümmern (Platon, Apologie 29 e und 30 b ἐπιμέλεια τῆς ψυχῆς) hat der geschichtliche Sokrates offenbar für wichtig gehalten. Bei Platon, Apologie 40 c – 42 a (die Schrift ist wohl die Darstellung, mit der Platon am nähesten beim geschichtlichen Sokrates ist), ist Sokrates davon überzeugt, der Tod müsse nicht als Übel gefürchtet werden. In der Frage einer Unsterblichkeit der Seele legt er sich nicht fest. Entweder sei Totsein ohne Wahrnehmung/Empfindung, ähnlich wie ein Schlaf, oder eine Wanderung zu einem anderen Ort (wobei er im Hades mit interessanten Leuten philosophische Gespräche führen könnte und so ein glückliches Leben hätte).

Sokrates konnte mit seiner Art des Fragens, darunter auch, was Frömmigkeit sein, bei religiös traditionell/konventionell eingestellten Leuten, Abneigung hervorrufen, weil er vernünftig begründbare und nachvollziehbare Antworten gaben wollte. Auch konnte sein Verweisen auf sein Daimonion (δαιμόνιον), eine innere Stimme, die er als göttliche Eingebung verstand, bei solchen Leuten eine gewisse Beunruhigung auslösen. Aber Sokrates konnte lange Zeit prüfende Gespräche führen und niemand hat ihn angeklagt.

Zu einem Prozeß gegen ihn kam es, nachdem Athen eine Niederlage im peloponnesischen Krieg (431 – 404 n. Chr.) erlitten hatte, dann einen Umsturz der Verfassung mit einer Schreckensherrschaft radikaler Oligarchen 404 – 403 n. Chr. (die sogenannten 30 Tyrannen), und dann eine Spaltung des Staates der Athener in Athen und Eleusis (als Machtbereich der Oligarchen) mit einem damit verbundenen Gefühl des Bedrohtseins bis zum Sieg über die Oligarchen und der Wiedereingliederung im Jahr 400 v. Chr. Dies hatte bei vielen Athenern eine starke Erschütterung und tiefe Verunsicherung bewirkt.


Sokrates ist in diesem Klima in einem Gerichtsverfahren der Asebie (ἀσέβεια [asebeia] = Gottlosigkeit, Religionsfrevel, Unfrömmigkeit, Verletzung der Ehrfurcht gegenüber Gottheiten) beschuldigt worden. Die Anklagepunkte waren (vgl. zu den Anklagevorwürfen Platon, Apologie 24 b und 26 b; Platon, Eutyphron 3 b; Xenophon, Apomnemoneumata (Ἀποµνηµονεύματα; Erinnerungen an Sokrates; lateinischer Titel: Memorabilia) 1, 1, 1; Xenophon, Apologie 10; Diogenes Laertios 2, 40):

1) Sokrates glaubt nicht an die Götter, an die der Staat/die Polis (πόλις) der Athener glaubt.

2) Sokrates führt neue Gottheiten/göttliche Wesen ein.

3) Sokrates verdirbt die Jugend.

Im Gemälde von Jacques Louis-David, La mort de Socrates (1787; der Tod des Sokrates) hat Sokrates den Zeigefinger seiner linken Hand nach oben erhoben. Der Becher mit dem Gifttrank wird ihm gerade gereicht und er streckt seine andere Hand in die Richtung aus, ohne ihn (schon) zu ergreifen.
Die Geste mit dem aufwärts weisenden Finger ist nicht einfach genau zu deuten. Gedacht werden kann an Tugendideale, eine Wanderung/Übersiedlung der unsterblichen Seele und Gottheiten in der Höhe (im Himmel/auf dem Olymp).

Jacques Louis-David setzt Sokrates vielleicht in eine Paraellle zu Platon bei Raffaello Sanzio (Raffael), La scuola di Atene (1510/1511; Die Schule von Athen), und Christus bei Michelangelo Buonarotti, Giudizio universale (1535 - 1541; Darstellung des Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan), die jeweils den Finger ihrer rechten Hand so emporhalten.

Eine Anregung für Jacques Louis-David ist Denis Diderot, D’une sorte de drame philosophique (1758) gewesen, worin dieser (mit Bezug auf Platon, Phaidon) die letzten Stunden des Sokrates beschrieben hatte, die in einem Drama dargestellt werden sollten. Seine Beschreibung der letzten Szene ist: Den Becher in die Hand nehmend, wendete er seine Augen zum Himmel und sagte: „O Götter, die ihr mich ruft, gewährt mir eine friedvolle Fahrt." Jacques Louis-David ist 1786 vom Auftraggeber des Gemäldes, Charles-Marie Trudaine de la Sablière, auf Jean Adry (der einer katholischen Kongregation angehörte) verwiesen worden, den er traf und der für ihn ein Memorandum schrieb (vgl. insgesamt Wolfgang von Löhneysen, Die Wirklichkeit im Bild : von der Antike zur Gegenwart. Würzburg : Königshausen & Neumann, 2004, S. 126 – 134).

Die Griechen und Römer der Antike hatten keine grundsätzliche einheitliche «Heidenlehre» als religiösen Glauben. Es gab viele religiöse und philosophische Richtungen.

Die gängige Religion war eine, die als Polytheismus bezeichnet werden kann. Dabei war der Götterkult von größerer praktischer Bedeutung als eine ausgiebige Theologie und religiöse Glaubenslehre.

Insbesondere von philosophischen Gedanken getragen gab es auch einen Pantheismus und eine Tendenz, in der Göttervielfalt letzlich eine einzige Gottheit bzw. das Göttliche als wirkend aufzufassen (wobei dann ein Plural „Götter/Gottheiten“ in Äußerungen nur noch ein Überrest gebräuchlicher Redeweisen ist).

Es hat Agnostiker, religiös ziemlich gleichgültige Leute und Atheisten (allerdings nicht häufig belegbar) geben.

Bei den antiken Griechen und Römern gab es Jenseitsvorstellungen. Geläufig waren Vorstellungen von einer Unterwelt (Hades) als Totenreich. Wohnsitze für eine kleine Anzahl Auserwählter waren nach einer Vorstellung das Elysion (Ἠλύσιον) bzw. die Inseln der Seligen (μακάρων νῆσοι [makaron nesoi]). Ein vorgestellter Ort einer Bestrafung für einige wenige war der Tartaros. Glück (ein gutes Leben, mit Wohlbefnden und Wohlergehen, bis hin zu Seligkeit) war ein Ziel. Es gab Menschen, die Erlösung anstrebten (wobei dies nicht einfach mit Erlösung von Sünde in einem christlichen Sinn gleichgesetzt werden kann).

Erlösung war ein Gedanke mehrerer Mysterienkulte (die in Mysterien Eingeweihten versprachen sich daneben allgemein einen Gewinn im Diesseits. Nachweisbar ist dies für die Mysterien von Eleusis, die Mysterien des Dionysos (in die Vorstellungen der Orphiker und Pythagoreer vom Seelenwanderung und Reinigung der Seele aufgenommen wurden) und die Mysterien der Isis (Göttin der ägyptischen Religion, deren Kult auch bei manchen Griechen und Römern aufgenommen wurde). Umstritten ist, ob die kaiserzeitlichen Mysterien der Kybele (Römisch: Magna Mater [Große Muttre]) und des Mithras auf Erlösung in einem Jenseits ausgerichtet waren.

Literatutv zum Thema:

Walter Burkert, Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart : Kohlhammer, 2011 (Die Religionen der Menschheit ; Band 15). ISBN 978-3-17-021312-8 (vor allem S. 298 – 304 und S. 413 - 454)

Fritz Graf, Mysterien. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 8: Mer – Op. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000, Spalte 615 – 626

Peter Habermehl, Jenseits (Jenseitsvorstellungen) B. Nichtchristlich IV. Griechenland. In: Reallexikon für Antike und Christentum : Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Band 18: Iao – Indicatio feriarum. Herausgegeben von Ernst Dassmann, Heinzgerd Brakman, Carsten Colpe, Albrecht Dihle, Josef Engemann, Karl Hoheisel, Wolfgang Speyer, Klaus Thraede. Stuttgart : Hiersemann, 1996, Spalte 257 – 289

Peter Habermehl, Jenseits (Jenseitsvorstellungen) B. Nichtchristlich V. Rom. In: Reallexikon für Antike und Christentum : Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Band 18: Iao – Indicatio feriarum. Herausgegeben von Ernst Dassmann, Heinzgerd Brakman, Carsten Colpe, Albrecht Dihle, Josef Engemann, Karl Hoheisel, Wolfgang Speyer, Klaus Thraede. Stuttgart : Hiersemann, 1996, Spalte 289 – 301

Peter Habermehl, Jenseits (Jenseitsvorstellungen) B. Nichtchristlich VI. Der Synkretismus der Kaiserzeit. In: Reallexikon für Antike und Christentum : Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Band 18: Iao – Indicatio feriarum. Herausgegeben von Ernst Dassmann, Heinzgerd Brakman, Carsten Colpe, Albrecht Dihle, Josef Engemann, Karl Hoheisel, Wolfgang Speyer, Klaus Thraede. Stuttgart : Hiersemann, 1996, Spalte 301 - 329

Dorothea Sigel, Eschatologie. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 4: Epo – Gro. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1998, Spalte 123 - 128

Christine Sourvinou Inwood, Elysion. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 3: Cl - Epi. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1997, Spalte 1004 – 1005

Antwort
von berkersheim, 25

Sorry, wenn ich Dich belehre: Aber den Begriff "Heiden" würde ich nicht verwenden. Heiden ist ein abwertender Begriff für alle Nichtchristen, die Juden ausgenommen. Außerdem konnte Sokrates noch kein Nichtchrist sein, da er weit vor Christus gelebt hat. An was die einzelnen Griechen, Römer usw. in der Antike geglaubt haben, ist regional sehr verschieden. Es gab nicht nur unterschiedliche Philosophenschulen, es gab auch unterschiedliche Konfessionen und Mysterienkulte. Das ist ein Studium für sich.

Vor allem die Mysterienkulte kannten auch Vorstellungen von "Erlösung" und nicht wenige behaupten, dass die christliche Erlösungsvorstellung eine Kopie verschiedener Mysterienkulte sei. Wenn Du z.B. nach Ägypten fährst und die Tempel und Museen besuchst, wirst Du einer Darstellung "Maria mit dem Jesuskind" begegnen. Aber es ist nicht Maria mit dem Jesuskind sondern Isis mit dem Horusknaben! Dass einer Mutter das Kind geopfert wird und später wieder aufersteht, ist eine uralte naturreligiöse Aussage, die in unterschiedlichen Bildern zum Ausdruck bringt, dass im Herbst die Natur abstirbt und im Frühling wieder zu neuem Leben erwacht.

Sokrates war ein eigenwilliger Mensch und hatte nicht nur Freunde. Die Priesterschaft der athenischen Staatsreligion mit Athene als oberste Göttin der Stadt hatten Macht und ihr Auskommen war geknüpft an die Riten und Feste mit Opferungen, wovon sie immer einen Teil für sich bekamen. Wenn Sokrates mehrfach davon sprach, dass sein Daimonion (sein innerer Geist, christlich würde man Gewissen sagen) ihm dies oder jenes gebot, waren die Priester hellwach und aufgeschreckt, dass da sich einer an ihnen vorbei seine religiöse Orientierung sucht und lehrt. Darum war er der Gottlosigkeit angeklagt und Gottlosigkeit bedeutete damals in Athen, sich nicht dem athenischen Stadtkult zu unterwerfen.

Der Maler Jacques Louis- David ist Christ und gleichzeitig Verehrer des klassischen Griechentums, wie man es sich in Zeiten der Klassik idealerweise ausgemalt hat. Da war ja Sokrates ein erster Märtyrer der Weisheit. Er zeigt nach oben, evtl., weil dort der Philosophengott wohnt, der aber erst von Aristoteles eingeführt wird (der musste am Ende seines Lebens auch aus Athen fliehen, weil er der Gottlosigkeit angeklagt werden sollte). Historisch korrekt müsste Sokrates auf sein Herz zeigen, denn damals war man noch der Meinung, dass der Kern des Bewusstseins eher im Herzen sitzt.

Kommentar von FragenderA113 ,

Eine gute Antwort, der nichts mehr hinzuzufügen ist.

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