Frage von xXKonckreterxX, 68

Wie erlangt man erleuchtung im budhismus?

Wie erlangt man erleuchtung? Was muss man dafür tun?

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 34

Ich bin Buddhist und gebe mal meinen Senf ab.

Ich versuche dabei auf möglichst unnötiges blabla zu verzichten, es kann aber leider dennoch sein, dass das ganze etwas seltsam klingt.

Buddhistische Praxis

Im Buddhismus übt man sich in Meditation und Achtsamkeit.

Stell dir einen staubigen Spiegel vor. Jemand beginnt ihn zu polieren, damit er sauber wird. Das ist die Technik der Meditation.

Während der Meditation wird der Geist von Anhaftungen befreit und diese größere Klarheit durch anhaltende Achtsamkeit im Alltag weiter gefördert.

Jetzt denkt man sich also "aha, ich muß meditieren, um das Erwachen zu erfahren" und von einem bestimmten Standpunkt aus, ist das auch richtig.

Allerdings ist dieser Standpunkt sehr begrenzt, denn er trennt zwischen Person, Technik und Ziel. 

Erwachen

Das Erwachen ist nämlich kein Ziel, auf das man mit Meditation hinarbeiten kann. So wird man das Erwachen niemals erreichen, da es nichts zu erreichen gibt.

Es ist nicht wie ein Lernprozess, bei dem man durch ständiges meditieren immer besser wird, bis man das Ziel erreicht.

Das liegt daran, dass Erwachen und Praxis eins sind.

Meditation ist nämlich eigentlich keine Technik des Polierens eines geistigen Spiegels, sondern ein Zustand völliger Präsenz im Augenblick.

Das Erwachen ist die Erfahrung der völligen Präsenz im Augenblick.

"Nanu", denkt man, "Meditation und Erwachen haben die gleichen Eigenschaften?"

Ja, denn die Praxis der Meditation und der Zustand des Erwachens sind also ein und dasselbe - nur der Blickwinkel ist ein anderer.

  • Für die "nicht-erwachte" Person ist die Meditation eine Technik um etwas zu erreichen und in der Tat hat die Meditation den positiven Effekt, Anhaftungen und Identifikationen mit geistigen Mustern aufzulösen.

und

  • Für die "erwachte" Person ist Meditation der Zustand der achtsamen Gegenwart, also bereits das Erwachen an sich, nachdem die Anhaftungen so weit gelöst wurden, so das man sich nicht mehr für das Spiegelbild hält.

Von diesem Standpunkt aus gibt es keine Trennung zwischen Person, Technik und Ziel, denn die Technik ist die Praxis des Ziels

Perfektion

Ein Erwachter ist weder ein Übermensch, noch magisch begabt, oder charakterlich willkommen. Er lebt einfach den Zustand der Meditation.

Deshalb können Erwachte auch fehlbar sein, da sie immer noch Anhaftungen haben und es gibt Berichte über buddhistische Lehrer, die sich sittlich falsch verhalten und Straftaten begangen haben.

Der Zustand des Erwachens allein garantiert kein moralisch richtiges Verhalten und eine "erwachte" Person ist keineswegs "besser" als eine nicht erwachte Person - sie lediglich aber über einen Zustand, der über die meisten Anhaftungen hinaus geht.

Manche Menschen behaupten, auch Erwachte "brauchen" Anhaftungen, weil sie sonst gar nicht eine irdische Existenz annehmen könnten. Das kann man glauben oder nicht, für mich ist das esoterischer mumbo-schwumbo.

Das ist natürlich nur meine persönliche Sicht, die auch durch die Lehren einer bestimmten buddhistischen Tradition geprägt sind.

Kommentar von Enzylexikon ,

Etwas verständlicher ist es vielleicht, wenn wir stattdessen von "Glücklich werden" und "Glücklich sein" sprechen.

Viele Menschen fragen sich, wie sie "glücklich werden", aber "glücklich" ist ein Zustand und nichts, was man trainieren kann.

Man macht etwas und ist dabei glücklich

Es gibt keine Trennung zwischen "jetzt etwas machen, das glücklich macht" und "jetzt glücklich sein".

Handlung und Effekt sind eins.

Jener der glücklich ist, ist einfach glücklich, bei all seinen Handlungen. Für ihn gibt es nicht das Ziel des Glücks, denn er handelt einfach im Zustand des Glücks.

Der Vergleich hinkt etwas - aber das ist vermutlich immer der Fall, wenn man eine "Ist-Erfahrung" in Sprache ausdrücken will.

Kommentar von xXKonckreterxX ,

Was meinst du mit anhaftungen

Kommentar von Enzylexikon ,

Was meinst du mit anhaftungen

Das sind zum einen geistige Projektionen, die mit der Vorstellung eines "Ich" zusammen hängen und an denen wir festhalten.

Man sagt zB ganz selbstverständlich "Diese Person ist schön" oder "dieses Essen ist lecker".

Jemand anderes findet die gleiche Person dagegen extrem unattraktiv und das Essen wiederlich.

In Wirklichkeit sind aber diese Person bzw. das Essen  weder hübsch noch hässlich, weder wohlschmeckend noch widerlich

Das sind nur Bewertungen, die wir aufgrund unserer Erziehung, Vorurteile. persönlichen Erfahrungen usw. abgeben.

Wir sehen eigentlich nie die Realität, sondern immer nur unsere, durch Projektionen veränderte Weltsicht - und haften daran, halten sie für die einzige Wahrheit.

Mit regelmäßiger Meditationspraxis beginnt dieses festgefügte Weltbild gewissermaßen zu bröckeln. Man sieht die Dinge weniger durch diese Bewertungen verzerrt.

Trotzdem kann es dennoch sein, dass man bestimmte Verhaltensweisen, oder schlechte Angewohnheiten nicht ohne Hilfe ablegen kann, etwa Suchtprobleme.


Was meinst du mit anhaftungen

Damit meine ich aber auch ganz konkret die Anhaftungen an äußere Umstände oder Dinge.

Die meisten Menschen glauben, ohne bestimmte Dinge im Leben nicht glücklich sein zu können - Anerkennung, Geld, Macht, einen Partner, Zerstreuung...

Aber all diese Dinge sind vergänglich - es gibt immer jemanden, der erfolgreicher ist, oder mehr Macht hat. Junge, attraktive und treue Partner, werden alt, hässlich und untreu. Auch die beste Party ist irgendwann vorbei.

Wegen der Vergänglichkeit entwickeln die Menschen Ängste und klammern sich an diese Dinge, entwickeln Neid, Missgunst usw.

Manche sind auch süchtig nach immer neuen Erfahrungen. Sie machen jeden Eso-Unfug mit und rennen zu jedem neuen Guru, folgen allen Wellness-Trends - Hauptsache Ablenkung von der Vergänglichkeit.

Letztlich betreibt man permanent Realitätsflucht - entweder in den Materialismus, oder in die Spiritualität.

Bei regelmäßiger Meditationspraxis relativieren sich diese Anhaftungen und man bekommt eine entspanntere Einstellung zur Vergänglichkeit. Man misst vielen Dingen nicht mehr übertriebene Bedeutung bei.

Das bewahrt einen aber nicht automatisch davor, nicht vielleicht andere Anhaftungen zu entwickeln, die dann vielleicht subtiler sind.

Wie schon gesagt, halte ich die Vorstellung eines Erwachten ohne jede Anhaftungen für illusorisch und idealisiert.

Antwort
von Balurot, 38

Du hast schon eine sehr gute Antwort von Enzylexikon. Es gibt aber auch eine andere Herangehensweise, als nur zu sitzen und achtsam zu sein. Ich werde meine Herangehensweise einmal beschreiben, obwohl es mir etwas peinlich ist, weil ich nicht weiß, ob es verstanden werde.

Die Bücher des Rinzai Zen beschreiben ein plötzliches Erwachen, eine Erleuchtung. Das ist möglich. Ich habe es selber erlebt. Man kann es aber nicht erzwingen, sondern es wird einem zuteil, wenn der richtige Moment gekommen ist.

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Menschen in sich selbst ruhen, und daher gar keinen Buddhismus oder Meditation brauchen. Ich war damals auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und nach mir selbst. Ich machte regelmäßig Yoga und saß jeden Tag mit gekreuzten Beinen und dachte über den Sinn des Lebens nach. Eines Tages dachte ich, wenn ich folgenden Satz gelöst habe, habe ich alles verstanden. Mein Satz war: Der Ellbogen lässt sich nicht nach außen verbiegen.

Schließlich machte ich eine befreiende Erfahrung. Seither gehe ich sehr entspannt und beruhigt durch das Leben.

Der Satz, den ich genannt habe, wird Dir aber vielleicht gar nicht helfen, weil jeder einen anderen Satz braucht, einen eigenen Zugang zu seiner eigentlichen Natur und zu seiner Umgebung hat.

Es gibt das Buch Mumonkan (Die torlose Schranke). Es ist eine Sammlung von Koans im Zen Buddhismus. Dieses Buch wird Dir vielleicht weiter helfen. Ich empfehle eine kommentierte Ausgabe auf Deutsch zu kaufen.

Eine Erklärung möchte ich noch geben: Meine Herangehensweise, um zu mir selbst zu finden, passt in die Rinzai Tradition des Zen Buddhismus. Enzylexikon gehört wahrscheinlich zur Soto Tradition.

Kommentar von Enzylexikon ,

Vielen Dank für die sehr sinnvolle Ergänzung um das "Kensho" Konzept des plötzlichen Erwachens.

Eine Erklärung möchte ich noch geben: Meine Herangehensweise, um zu  mir selbst zu finden, passt in die Rinzai Tradition des Zen Buddhismus. Enzylexikon gehört wahrscheinlich zur Soto Tradition.

Ja, das ist richtig, ich gehöre zur Soto-Tradition des Zen.

Kommentar von Balurot ,

Danke an Enzylexikon für die Bestätigung. :-)

Antwort
von NichtZwei, 7

Du kannst nichts dafuer tun, die meisten Erleuchteten hatten vorher aufgegeben, weil sie nichts erreicht haben. Der, der Erleuchtung erlangen will, steht sich dabei quasi selbst im Wege. Im Grunde ist Erleuchtung deine wahre Natur. Aber alles in unser Gesellschaft fuehrt uns weg von unser wahren Natur, wir muessen uns praktisch selbst befreien von Konditonierung, Anhaftung und unausgelebten Gefuehlen. Dabei spielt Angst eine grosse Rolle. Meditation ist eine gute Methode sich selbst kennenzulernen bzw. das falsche Selbst abzulegen. Viel Erfolg!

Antwort
von 2012infrage, 33

Entgegen der Meinung vieler Gurus kann man "Erleuchtung" nicht erlangen, sie passiert. Ob was dafür getan wurde oder nicht. Das Ego strebt nach etwas, Erleuchtung genannt, weil es sich davon etwas erhofft. Das ist sein Job, doch selber abschaffen kann es sich nicht, deshalb ist es schon per se nicht möglich, etwas für Erleuchtung zu tun.

Gleichwohl gibt es Erleuchtung als solche nicht, denn wo niemand ist, kann niemand erleuchtet werden. 

Es ist "nur" ein extrem anderer Blickwinkel, so könnte man sagen, wobei das "nur" gewaltig ist.

Liebe Grüße

Kommentar von xXKonckreterxX ,

Wie hat denn dann buddha erleuchtung geschafft

Kommentar von 2012infrage ,

Geschichten sind geduldig und es gibt sie, damit Du Dich auf den Weg machst..... 

Kommentar von Inmetsu ,

Gar nicht, er ist nur mitten in der Meditation gestorben

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten