Vorab: Grundsätzlich ist Akteneinsicht wohl durchsetzbar - ABER: Nicht ratsam!!
Warum?:
Krankenakten werden grundsätzlich nicht für Patienten sondern zur Dokumentation und für weiterbehandelnde Ärzte geschrieben - und in welcher Form dies geschieht - darin liegt das Problem der Weitergabe dieser Akten direkt an den Patienten.
Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Man stelle sich vor man hatte in einer Klinik ein sehr gutes und vertrauenvolles Verhältnis zu seinem Therapeut. Dieser schreibt dann einen - wie üblich - descriptiven, also beschreibenden, rein sachlichen und mit Fachwörtern übersähten Bericht über meine Behandlung, der mir dann in die Hände fällt.
Da lese ich dann: Herr X zeigte bei Aufnahme ein sehr introvertiertes, und der Einrichtung gegenüber feindseelig bis paranoides Verhalten, mit deutlicher Abspaltung seiner eigenen autoaggressiven Haltung ... ... so konnte nach 2 Wochen eine deutliche Verbesserung der affektiven Schwingungsfähigkeit und der selbstkritischen Introspektionsfähigkeit konstatiert werden ... ... Wurde anfangs von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit Anteilen der dependanten Persönlichkeitsstörung ausgegangen, kann abschliessend wohl von einer kombinierten Persönlichkeitsstörung nach Verlust einer sehr nahestehenden Person gesprochen werden.
Wenn man diesen Bericht jetzt aber nicht selbst liest, sondern - wie dringend empfohlen, mit einem Arzt/Therapeuten seines Vertrauen durchsprecht, hört sich das Ganze schon wieder völlig anders an - obwohl es im Ergebnis dasselbe ist. Beispiel:
" Also Herr X, ich lese hier, dass sie bei ihrer Aufnahme sehr ängstlich waren, und auch nicht wussten was mit Ihnen in so einer Psychiatrie geschieht, was bei Ihnen vielleicht auch Anlass zu Katastrophenphantasien gegeben hat - dies ist aber bei erstmaligem Kontakt mit so einer Einrichtung, und bei all den herrschenden Vorurteilen völlig normal. ... ... bereits nach 14 Tagen konnten sie ja dann gut verstehen, wie ihnen die Einrichtung und die Mitarbeiter dort auch nutzen, konnten ausführlich über ihre Gefühle und die Beweggründe für ihr Handeln und Denken reden - also von der Behandlung profitieren. ... ... Ich lese hier auch, dass man bei Ihnen anfangs (aufgrund dessen, wie sie den Tod ihrer Partnerin verarbeitet haben) eine Form von Borderline in Kombination mit einer abhängigen Persönlichkeit (evtl. auch Suchtproblem) vermutete, abschliessend aber zu dem Ergebnis kam, dass Sie keinem Schema der einzelnen Persönlichkeitsstörungen zuzuordenen waren - sondern wie man früher sagte "von jeder Neurose ein bisschen" haben - also eine "gesunde" Mischung, wie wir Therapeuten sagen.
So, diese zweite Darstelleung desselben Sachverhaltes liest sich doch gleich ganz anders, und birgt nicht die Gefahr, dass die eigenliche gute Erfahrung mit dem behandelnden Therapeuten, im Nachhinein durch das Selbstlesen des Berichtes wieder zerstört wird!!
Ich hoffe damit vermitteln zu können, worin ein Sinn liegen kann, derlei Akten nicht unüberlegt und ungefiltert direkt dem Patienten zum Lesen zu geben!
PS: Der oben zitierte Krankenbericht wurde von mir soeben frei konstruiert, und ist auf keine realexistierende Person bezogen!
Noch eine Anekdote zum Lesen von Berichten/Akten: Eine Patientin war zu einer ambulanten Untersuchung bei einem Hautarzt und hat unerlaubterweise den Bericht geöffnet und gelesen. (unerlaubt, da an den weiterbehandelnden Arzt adressiert nicht an sie - somit Verletzung des Postgeheimnisses = Straftat!!) Nach dem Lesen des Berichtes war sie nur duch Zufall und in letztem Moment von einem Selbstmordversuch abzuhalten. WARUM? Sie las etwas von einem großen, deutlich tastbaren, und scharf abgegrenztem Tumor!
(Tumor = Geschwulst, Schwellung, oder allg. jede Zunahme von Gewebe. Selbst ein Pickel ist streng genommen auch ein Tumor!)
Es war eine völlig harmlose Geschwulst einer Talgdrüse - sie aber las aus dem Bericht einen schweren Krebsbefall und das nahe Ende ihres Lebens! Beinahe ein verhängnisvoller Irrtum!