Frage von KingSB, 82

Agenda 2010- wieso sozial Ungerecht?

Hey Leute, momentan beschäftige ich mit dem Thema Agenda 2010 und ich frage mich wieso den genau diese so ungerecht ist wie alle behaupten? Ich habe mich nun längere Zeit informiert und hab herausgefunden das die Agenda die Arbeitslosigkeit senken sollte und die Übersiedlung von regionalen Industrien ins Ausland zu verhindern, um eine wirtschaftliche Krise zu verhindern. Nun heißt es aber auch das genau diese Agenda das Volk gespalten hat, weil der zu niedrige Hartz 4 Satz die Arbeitslosen dazu zwingt Billigjobs auszuüben, um sie so auszubeuten. Ich habe auch was von "Reallöhnen" gelesen. Was hat es damit auf sich? Ich glaube nicht das ich das mit der sozialen Ungerechtigkeit so richtig verstanden habe. Ist die Sache mit den Billiglöhnen der einzige Grund, oder gibt es da wie ich vermute noch mehr? Ich würde mich freuen, wenn mir das jemand genauer erklären kann wieso den die Agenda für soziale Ungerechtigkeit im Volke gesorgt hat. MfG SBG PS:Gute Antworten werden ausgezeichnet;)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Unsinkable2, Community-Experte für Politik, 33

Ich habe auch was von "Reallöhnen" gelesen. Was hat es damit auf sich?

Machen wir das an einem Beispiel fest: Du bekommst monatlich 1000 Euro ausgezahlt. Und du kaufst davon nur Brötchen zum Preis von, sagen wir, 50 Cent. Dann kannst du dir 2000 Brötchen leisten, richtig?

Außerdem ist dein Chef großzügig und spendiert dir eine Lohnerhöhung von, sagen wir, 200 Euro. Damit bekommst du dann ab heute 1.200 statt 1.000 Euro.

Durch verschiedene Einflüsse (etwa Inflation) wird das Geld aber "weniger wert"; also beispielsweise dadurch, dass zwar die Preise steigen, aber dein Lohn nicht im gleichen Maße. 

In unserem Beispiel kosten die Brötchen ab morgen nicht mehr 50 Cent, sondern, sagen wir, 1 Euro. Also kannst du dir noch ... Wie viele? ... Brötchen leisten? Richtig! 1.200 Stück. Die Hälfte der Brötchen von gestern. Aber dank der Lohnerhöhung von 200 Euro eben 200 Brötchen mehr

Dein "Reallohn" ist also heute Nacht um 50% gesunken. Nicht dein "echter Lohn", denn der ist dank der Lohnerhöhung auf 1.200 Euro gestiegen. Nur dein "Reallohn", also der Wert des Geldes, das du bekommen hast.

Natürlich findet das in der realen Welt nicht so krass statt. Vielmehr ist es ein schleichender Vorgang, der dir jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr ein winziges Stückchen, das du allein gar nicht merken würdest, abknappst. Hier wird eine Gebühr erhöht, dort eine Steuer und an anderer Stelle der Preis für Brötchen, Butter oder den Friseur. ... und du stellst nur fest: "Möööööööööööönsch, ich habe das Gefühl, dass ich mir immer weniger leisten kann."

... Und so kommt es, dass heute die Reallöhne bei den gleichen Werten wie 1992 liegen. Mit anderen Worten: Die Leute haben sich seit 1992 "umsonst" um Lohnerhöhungen bemüht. Jede Lohnerhöhung wurde von anderen Dingen (Preissteigerungen, Steuern, Abgaben, etc.) sofort wieder aufgefressen. Die Leute konnten sich also im Jahr 1992, also vor gut 25 Jahren, genauso viel leisten, wie die Leute heute. Obwohl Deutschland immer reicher wird. Obwohl die Produktivität seitdem gestiegen ist.

Das ist es, was der Begriff "Reallohn" dir zeigen und sagen will.

Ist die Sache mit den Billiglöhnen der einzige Grund, oder gibt es da wie ich vermute noch mehr?

"Die Sache mit den Billiglöhnen" ist nicht der einzige, aber ein ganz wichtiger Punkt. Denn er hat massive - wirklich super-massive - Auswirkungen auf den gesamten Arbeitsmarkt und wirkt bis hinein in den Staatshaushalt, den Sozialstaat und die gesamte Gesellschaft.

So hat Deutschland (als einstiges Hochlohn-Land vor der Agenda) heute den größten Billiglohn-Sektor in ganz Europa. Also nach Litauen. Fast jeder vierte Arbeitnehmer arbeitet heute für einen Billiglohn. Und mehr als 1,3 Millionen Arbeitnehmer beziehen noch Hartz IV, weil der Lohn nicht einmal zum Leben reicht.

Tatsächlich sind wir heute so weit, dass die Arbeitnehmer dafür bezahlen, arbeiten gehen zu dürfen. Und normalerweise sollte es doch umgekehrt sein, nicht wahr?! Trotzdem gibt es für Unternehmen die Möglichkeit, beispielsweise subventionierte Stellen zu erzeugen, deren Finanzierung dann - ganz oder teilweise - der Steuerzahler übernimmt. 

Und das nur, weil der mit der Agenda 2010 durchaus beabsichtigte "umgekehrte Sozialneid", also der Neid auf die unteren Schichten, so groß ist, dass man sogar bereit ist, vom eigenen Lohn etwas abzugeben, nur damit andere Leute auch morgens aufstehen müssen...

(Nicht, dass ich das schlecht finden würde; ganz im Gegenteil: Ich habe davon massiv profitiert. Vielen Dank nochmals an die dämlichen Arbeitnehmer, die offenbar so viel Kohle verdienen, dass sie mir die unbedingt in die Taschen stopfen mussten. Aber von "Verstand" ist das nicht getragen...)

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Ein weiteres wesentliches Problem ist die Wirksamkeit dieser Agenda.

Während man vor der Agenda noch halbwegs entspannt in die Welt schauen konnte, wenn man mal seinen Job für eine Weile verloren hatte und nach einem besseren Job suchte, rutscht man heute binnen eines Jahres in das soziale Abseits.

Früher betraf das vor allem die "besonders Austauschbaren", also Leute mit eher einfachen Berufen, wie Verkäufer oder Maurer. Heute betrifft es, dank der Agenda, auch Akadamiker und andere hochqualifizierte Leute. Jeder Zehnte Hartz-IV-Empfänger hat heute schon Abitur...

Die Agenda 2010 ist also ein "gesellschaftlicher Angst-Macher". 

Sie sorgt dafür, dass JEDER - wirklich JEDER - Arbeitnehmer, Selbständige oder kleine Unternehmer binnen kürzester Zeit im gesellschaftlichen Abseits stehen kann. Selbst kleinste Gründe können ganze Leben umkrempeln.

Die Agenda 2010 ist also ein "Armuts-Beschleuniger und -Festhalter".

Wegen ihrer Ausgestaltung lohnt es sich für die unteren Schichten und jene, die sich in "riskanten Jobs" befinden oder "wenig aussichtsreiche Berufe" gewählt haben, auch nicht mehr, zu sparen. Früher konnte man sich nach und nach ein Polster aufbauen. Wenn man arbeitslos wurde, hat das den Aufbau des Polsters nur verlangsamt.

Wer aber in die Mühlen der Agenda gerät, sieht sich binnen kürzester Zeit auch finanziell am Ende. Das gesamte Vermögen (unter Umständen sogar das eigene Haus) wird herangezogen. Und schon nach wenigen Jahren können ganze Lebenswerke der Sparsamkeit spurlos verschwunden sein...

Da zugleich aber der "Ausstieg aus der Agenda" für Arbeitslose immer schwieriger wird, weil unter anderem dieser enorme Druck einer "Arbeitsaufnahme um jeden Preis" besteht; und weil - Keiner weiß, wie sie das geschafft haben! - die Arbeitgeber auch davon gehört haben und das selbstverständlich (sie wären dumm, würden sie dieses Geschenk ignorieren) auch zu ihrem Vorteil nutzen, gibt es einen massiven Druck auf die Löhne, der sich unter anderem in eben dem oben dargestellten "Reallohn-Problem" auswirkt.

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Insgesamt gibt es eine Vielzahl an Problemen, die durch die Agenda 2010 verstärkt oder erst verursacht wurden. Und es gibt nur ziemlich wenige Dinge, die für die gesamte Gesellschaft - und insbesondere für die unteren Schichten - wirklich nützlich waren oder sind. 

Jene Probleme an der Agenda, die ich hier nannte, sind also bei Weitem nicht die einzigen; und sie lassen sich schier endlos fortsetzen. Aber ich habe mich bemüht, sie auf möglichst abstrakter Ebene zusammenzufassen, um dir einen Einblick in die sozialen Probleme und die damit einher gehende soziale Ungerechtigkeit zu geben... 

Kommentar von KingSB ,

Hey, eine sehr gute und ausführliche Antwort die du da geschrieben hast:). Auch hast du alles gut erklärt. Ein paar Fragen hätte ich da aber, wenn es dir den keine Umstände bereitet diese zu beantworten. Wenn der Reallohn durch die verschiedensten Einflüsse geprägt, wie kann es dann sein das die Agenda an der Senkung des Reallohnes Schuld ist? Würde der Reallohn nicht auch weiter sinken, auch ohne die Agenda? Und du sagtest heute bezahlen Leute um arbeiten zu gehen aber mir fällt dazu leider kein Beispiel ein oder ein Grund wieso das so sein sollte.

"Und das nur, weil der mit der Agenda 2010 durchaus beabsichtigte "umgekehrte Sozialneid", also der Neid auf die unteren Schichten, so groß ist, dass man sogar bereit ist, vom eigenen Lohn etwas abzugeben, nur damit andere Leute auch morgens aufstehen müssen..." Diesen Abschnitt habe ich zudem überhaupt nicht verstanden wäre nett, wenn du mir das kurz erklären könntest.

Und noch eine wichtige Frage die mich plagt. Sie schrieben ja folgendes: 

"Wer aber in die Mühlen der Agenda gerät, sieht sich binnen kürzester Zeit auch finanziell am Ende. Das gesamte Vermögen (unter Umständen sogar das eigene Haus) wird herangezogen. Und schon nach wenigen Jahren können ganze Lebenswerke der Sparsamkeit spurlos verschwunden sein..."

Der Teil ist mir schon geläufig auch habe ich Teilweise von Artikeln gelesen in denen berichtet wird das Leute aufgrund des hohe Druckes von Hartz 4 in die Insolvenz geraten sind, so wie du das erwähnt hast. "Das gesamte Vermögen...." gilt das also auch für die Ersparnisse eines jeden und nicht bloß die eigene Wohnung/ das eigene Haus?

Zudem gibt es noch die Frage, ob die Agenda bloß eine Reaktion auf den Globalisierungsdruck sei? Ich währe dir wirklich dankbar, wenn du zu dieser Fragestellung Stellung beziehen könntest. Aus eigener Recherche heraus weiß ich ja das man mit der Agenda auch verhindern wollte das die eigenen Industrien ins Ausland reisen, um so einen wirtschaftlichen Zusammenbruch entgegen zu wirken. Und ich komme zu dem Entschluss diese Frage auch mit Ja zu beantworten, da durch die allgemeine Globalisierung das Ausland immer mehr attraktiver für deutsche Industrien wurde und somit einen Druck auf Deutschland ausübte, weswegen man diese Frage mit Ja beantworten kann. Mich würde deine Meinung hierzu sehr interessieren, da du dich ja sehr gut auskennst und ich finde das meine Begründung etwas zu kurz kommt.

PS: Ich währe dir echt Dankbar, wenn du auch diese Fragen auch noch beantworten würdest, da ich dann das Thema meines Erachtens nach verstanden hätte.( Der Stern währe dir dann auch sicher :D )

Kommentar von Unsinkable2 ,

Komplexe Fragen, die du da hast...

wie kann es dann sein das die Agenda an der Senkung des Reallohnes Schuld ist?

Sie ist nicht allein schuldig, sondern mitschuldig. Durch den Druck auf die Arbeitslosen, "jeden Job" annehmen zu müssen, sind die Arbeitgeber in die komfortable Situation gelangt, die Löhne drücken zu können bzw. sehr viel langsamer erhöhen zu müssen. Und wie ich im Beispiel oben schon schrieb: Wenn die Preise schneller als dein Lohn steigen, dann sinkt dein Reallohn.

Würde der Reallohn nicht auch weiter sinken, auch ohne die Agenda?

Sicherlich. Doch nicht so schnell und so effektiv. Die Agenda ist ein "Beschleuniger". Sie wirkt fast ausschließlich zugunsten der Arbeitgeber.

Und du sagtest heute bezahlen Leute um arbeiten zu gehen aber mir fällt dazu leider kein Beispiel ein oder ein Grund wieso das so sein sollte

Es werden staatlich (also vom Steuerzahler) subventionierte Stellen geschaffen, die (zeitweise) ganz oder teilweise vom Steuerzahler bezahlt werden. Der Arbeitgeber braucht nur einen geringen Teil dazu beitragen.

Da der Steuerzahler aber in aller Regel seine Steuern aus seinem Arbeitseinkommen bezahlt, entsteht die paradoxe Situation, dass er Geld verdient, davon Steuern zahlt, die wiederum zum Teil genutzt werden, um Arbeitgebern die Möglichkeit zu geben, Leute einzustellen, die sie nicht selbst bezahlen müssen.

Mit anderen Worten: Der Arbeitnehmer gibt einen Teil seines Geldes her, um damit Arbeitsplätze für andere Leute zu bezahlen. 

(Darauf bezieht sich auch der "umgekehrte Sozialneid": Die Leute sind neidisch auf die UNTER ihnen, also auf die Arbeitslosen, die ihr Geld "geschenkt" bekommen und den ganzen Tag in der Hängematte liegen können. Und sie sind so neidisch darauf, dass sie sogar bereit sind, von ihrem Geld Arbeitsplätze zu finanzieren, nur, damit diese "Hängematten-Arbeitslosen" aus ihrer Hängematte aufstehen müssen. Vorteile hat keiner von beiden: Weder der "normale Arbeitnehmer", noch der "Hängematten-Arbeitslose" ... Einzig die Arbeitgeber gewinnen in diesem Spiel, denn die spielen beide - Arbeitnehmer und "Hängematten-Arbeitslose" gegeneinander aus und gewinnen dabei.)

Zudem gibt es noch die Frage, ob die Agenda bloß eine Reaktion auf den Globalisierungsdruck sei?

Ja und nein. - Also: nicht "bloß", sondern "auch".

Ja, weil es tatsächlich eine typische Reaktion - besser wäre: typischer blinder Aktionismus - der Politik auf die Globalisierung ist.

Nein, weil diese Reaktion keine wirksame Ausgleichsreaktion ist.

Ein Hebel der Agenda ist der Druck auf die Löhne. Deutschland war vor der Agenda ein Hochlohnland. Dank der Agenda wurde es zum Land mit dem zweitgrößten Niedriglohnsektor in Europa. (Zumindest hat die Agenda erheblich daran mitgewirkt und viele Hebel erst ermöglicht.)

Nun ist auf den ersten Blick "Lohnangleichung nach unten" natürlich ein mögliches Mittel, auf die Globalisierung zu reagieren. Wenn die Löhne in China niedriger sind, dann zieht die Industrie eben nach China. Wenn sie aber etwa gleich sind, dann überlegt sich die Industrie das vielleicht noch einmal und bleibt doch hier.

Der Gedanke funktioniert aber nur - und wirklich NUR -, wenn es auf der ganzen Welt einen "Mindestlohn" gibt, der so hoch ist, dass man in Deutschland davon leben kann.

Doch den gibt es nicht. Vielmehr gibt es Länder, in denen studierte Ingenieure für runde 400 Euro im Monat arbeiten gehen. Das wäre hierzulande aber noch weit unter dem verfassungsrechtlichen Existenzminimum.

Und es gibt einen ganzen Haufen Länder, in denen die Leute für 2 Dollar am Tag arbeiten gehen; also ein Monatseinkommen von rund 60 Dollar haben. Davon kannst du hierzulande nicht mal die Miete für eine Woche bezahlen. Von Essen und Trinken ganz zu schweigen.

Also ist "Lohn drücken" kein probates Mittel gegen den Globalisierungsdruck. 

Da die Agenda aber im zweiten Teil - namentlich dem "Fördern" - VOLLSTÄNDIG VERSAGT hat und bis heute vollständig versagt, gibt es auch keine anderen Mittel.

Wer profitiert also hauptsächlich von der Agenda, so wie sie jetzt ist?

  • Die Arbeitnehmer, die sich massiver Lohndrückerei ausgesetzt sehen und heute die gleiche Kaufkraft haben, wie ihre Kollegen vor rund 25 Jahren? 
  • Die Mittelschicht, die sich zunehmenden Belastungen ausgesetzt sieht, weil sie immer öfter VON BEIDEN SEITEN - also von den unteren Schichten UND von den oberen Schichten - zur Kasse gebeten wird? 
  • Oder die Arbeitgeber, deren Unternehmensgewinne seit der Einführung der Agenda Jahr für Jahr neue Rekorde brechen?

(Zeichenbegrenzung - Fortsetzung im nächsten Kommentar)

Kommentar von Unsinkable2 ,

Aus eigener Recherche heraus weiß ich ja das man mit der Agenda auch verhindern wollte das die eigenen Industrien ins Ausland reisen, um so einen wirtschaftlichen Zusammenbruch entgegen zu wirken.

Das ist einer der Teufel, den die Arbeitgeber-Lobbys regelmäßig an die Wand werfen.

Dazu gab es im Manager Magazin vor einer Weile mal einen wunderbaren Artikel. (Leider ist mein Bookmark tot, sonst hätte ich ihn dir direkt verlinkt.)

Darin beschrieb der Autor anhand zahlreicher Beispiele, welch hanebüchener Schwachsinn diese "Abwanderungs-Drohung" der Unternehmen ist: Praktisch alle Unternehmen, die sich auf Anraten ihrer "Unternehmensberater" ins Ausland abgesetzt haben, fuhren massive Verluste ein. So herbe Verluste, dass sie oft schon nach kurzer Zeit wieder ihre Sachen packten und reumütig zurück nach Deutschland kamen. Auch Porsche gehörte dazu...

Industrie, die abwandern will (und kann), macht es auch. Die kannst du nicht festketten. Und je globalisierter ein Unternehmen ist, desto eher ist es bereit, abzuwandern. 

Schaue dir doch nur NOKIA in Bochum an. Viele Jahre lang in Bochum ansässig. Qualitativ höchste Leistungen der Arbeitnehmer. Lohnzurückhaltung bis die Schwarte knackte. Und trotzdem zog NOKIA weiter, als der Staat ankündigte, dass es fortan keine Subventionen mehr für diesen Milliarden-Gewinne machenden Konzern geben würde. ... Solche Unternehmen KANNST DU NICHT FESTHALTEN. Und wenn, dann nur, solange du gut dafür bezahlst.

Wenn die Agenda also wirklich DEUTSCHLAND hätte nutzen sollen, dann hätte sie sich auf den heimischen Mittelstand stürzen und nicht gegen seine Interessen ausgerichtet werden müssen. Sie hätte ihn fördern müssen. Die Arbeitnehmer/Arbeitslosen gezielt dorthin orientieren müssen. Denn der Mittelstand ist es, der in Deutschland rund 70% aller Arbeitsplätze stellt. Und er ist es, der nicht abwandern KANN, selbst wenn er wollte.

Oder wie soll der Friseur abwandern? Die Kfz-Werkstatt? Der Bäcker? Oder Software-Butzen? (Letztere versuchen es immer wieder, und sie scheitern immer wieder an zahllosen Hemmnissen.) All die großen und kleinen KMU, die hier in Deutschland "eingeboren" sind? All die Unternehmer, die hier ihre Wurzeln haben?

... Sie alle KÖNNEN nicht, selbst wenn sie wollten.

Und es gibt noch einen Hinderungsgrund: Die meisten mittelständischen Unternehmen sind Familienbetriebe. Der Alte plant für das Unternehmen. Für die Mitarbeiter, denen er sich wirklich verantwortlich fühlt. Und für die eigene Familie, die das Geschäft irgendwann mal übernehmen und noch an ihre Kinder und Enkel vererben soll. 

Die meisten von ihnen - und ich habe im Laufe der Jahre so einige kennengelernt - sind sowas von treue Seelen, die HIERBLEIBEN WOLLEN. Sie sehen ein, dass sie Steuern zahlen müssen, damit der Staat funktioniert. Sie sind bereit dazu. Sie würden sogar noch mehr Steuern zahlen, wenn das verlangt würde. Und so mancher sitzt kopfschüttelnd da, weil er mitansehen muss, wie die Politik und die Konzern-Lobbys den Staat systematisch zerstören und ausrauben. 

DAS macht sie fuchtig. Denn so müssen sie die Konzerne auch noch dafür bezahlen, dass sie ihnen das Leben noch schwerer machen. Selbst Mafia-Schutzgeld wäre im Vergleich zur aktuellen Steuer- und Subventionspolitik eine Erleichterung für den Mittelstand...

Doch die Politik sche¡ßt ihnen regelmäßig vor den Koffer und macht ihnen das Leben schwer, wo sie nur kann. Denn "Konzern-Aufsichtsrats-Posten" sind nun einmal lukrativer als "Geschäftsführungs- oder Prokuristen-Posten bei Eisen-Karl oder Schrauben-Ede". 

Um es abzukürzen: Nein, die Agenda wirkt NICHT "als Verteidigung gegen die Globalisierung und/oder gegen die Abwanderung". Das ist nur eine Propaganda-Lüge, damit es den Arbeitnehmern leichter fällt, diese bittere Pille zu schlucken.

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Und das ironischste Argument zum Schluss: Weißt du, warum die Agenda 2010 so heißt, wie sie heißt?

Die SPD hat sie so genannt, weil sie "nur bis zum Jahr 2010" gebraucht würde. Als sie eingeführt wurde, hieß es: "Bis zum Jahr 2010 müssen wir die Gürtel enger schnallen. Aber danach ... danach gibt's das Paradies auf Erden. Versprochen! Ehrlich! Wir sind die SPD. Würden wir lügen?"

Und? Was ist daraus geworden? Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2016. Wie gut geht's heute, dank der Agenda 2010? ... Wie? ... Schlechter als vorher? ... Ja, das trifft es ziemlich gut. 

  • Die Konzerne schrauben - auch dank der Agenda - ihre Gewinne in ungeahnte Höhen; 
  • Die Arbeitnehmer sind schon froh, wenn sie heute wieder auf dem Niveau von 1992 angekommen sind (Ja, das war schon schlimmer. "Nur noch 25 Jahre" hinter der Zeit ist da geradezu ein gewaltiger Fortschritt.);
  • Und die Arbeitslosen? Die vererben mittlerweile ihre Armut samt Hartz IV in die nächsten Generationen. Und immer öfter sind Abiturienten, Akademiker und andere (potenzielle) Mittelschichtler darunter...
Antwort
von Interesierter, 46

Die Agenda 2010 war ein groß angelegtes Maßnahmenpaket, welches in seiner Gesamtheit nur selten diskutiert wird. Heute wird die Agenda 2010 eigentlich nur noch mit der Einführung von ALG II, also der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe auf dem Niveau der Sozialhilfe debattiert.

Genauer kannst du das hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_2010

Der Kerngedanke des ALG II war das Prinzip Fördern und Fordern. Sprich, es sollte auf der einen Seite der Erhalt des Existenzminimums sichergestellt werden und auf der anderen Seite ein möglichst großer Druck auf die Arbeitslosen ausgeübt werden, schnell wieder eine Arbeit zu finden.

Im Grundprinzip halte ich das zugrundeliegende System für richtig und auch gerecht, wobei es doch einige handwerkliche Fehler gibt, die beseitigt werden sollten. Das System eines Regelsatzes zuzüglich Wohnung und Krankenversicherung verbunden mit einer Bedürftigkeitsprüfung und der Verpflichtung zur Arbeitsaufnahme halte ich grundsätzlich für richtig.

Für problematisch halte ich jedoch 3 andere Dinge. Zum Ersten ist entscheidend für die beruflichen Chancen die Bildung des Arbeitslosen. Hier wird nach meiner Meinung viel zu wenig getan. Ein Arbeitsloser, der heute nichts kann, wird auch in 2 Jahren nichts können und auch keinen Job haben. Da nutzen alle Drangsalierungen nichts. Der einzige Weg aus dieser Misere ist fundierte Bildung und die gibt es nur sporadisch.

Zum Zweiten halte ich die Möglichkeit, gegen jede Anweisung des JC gerichtlich vorgehen zu können, für falsch. Die Einrichtung von Schiedsstellen, die zeitnah und kostengünstig Entscheidungen überprüfen können, wäre sehr viel sinnvoller und effizienter.

Die Möglichkeit, auf Dauer jeder Beschäftigung aus dem Weg zu gehen ist in diesem System grundsätzlich möglich. Hier sollten Möglichkeiten geprüft werden, ob es nicht möglich wäre, Stellen im öffentlichen Dienst vorzugsweise durch Langzeitarbeitslose zu besetzen.

Kommentar von KingSB ,

Danke auch für deine Antwort. Könntest du mir vielleicht die Sache mit den sinkenden "Reallöhnen" erklären? auch nur, wenn es dir den keine Umstände bereitet.

MfG SBG

Kommentar von Interesierter ,

Nein, das ist kein Problem.

Man unterscheidet Nominal- und Reallöhne. Der Nominallohn ist der Lohn, den man in Euro und Cent erhält.

Der Reallohn gibt an, was man sich dafür tatsächlich kaufen kann.

So haben wir eine laufende, immer etwas unterschiedlich ausfallende Verteuerung der Waren und Dienstleistungen. Du kennst es, alles wird im Laufe der Zeit teurer. Gleichzeitig sollten die nominalen Löhne ebenfalls steigen.

Steigen nun die nominalen Löhne langsamer als die Teuerung voranschreitet, kann sich der Bürger für die gleiche Arbeitsleistung letztlich weniger kaufen.

Ebenso verhält es sich mit Abgaben und Steuern, die vom Bruttolohn abgezogen werden bzw. die auf Waren und Dienstleistungen erhoben werden (z.B. Mehrwertsteuer). Werden diese erhöht, bleibt dem Arbeiter weniger Netto übrig und er kann sich folglich vom selben Bruttolohn weniger kaufen.

Der Reallohn gibt das Verhältnis der geleisteten Arbeit zu den Waren und Dienstleistungen an, die der Bürger dafür kaufen kann.

Kommentar von Unsinkable2 ,

Für problematisch halte ich jedoch 3 andere Dinge. Zum Ersten ist entscheidend für die beruflichen Chancen die Bildung des Arbeitslosen.

Es sind unzählige Milliarden Euronen in Weiterbildungs-Angebote der freien Wirtschaft gesteckt worden. Dort konnten sich die Teilnehmer dann weiterbilden, wie man beispielsweise an Spielzeug-Kassen mit Spielgeld einen Spielzeug-Supermarkt führt. Oder sie konnten Frösche aus Spanplatten ausschneiden und diese dann wochenlang erst grün, dann rot und dann wieder grün und danach von vorn anmalen. Oder sie konnten Kinderkleidung stricken und diese anschließend wegwerfen. Oder sie konnten sich in irgendwelche Räume hocken und Bewerbungstrainings in Form von Kreuzworträtseln machen.

Umschulungs-Angebote des Staates wurden auf Druck der Wirtschafts-Lobbys massiv zurückgefahren. Und Weiterbildungs-Angebote fehlen seit eh und je in der vollen Breite auf dem gesamten Markt; sowohl dem "öffentlichen", als auch dem "privaten". Keine Partei, weder Politik noch Wirtschaft, ist daran interessiert. 

Und bei Hartz IV sind beispielsweise bis heute insgesamt 1,54 Euro pro Monat für "Weiterbildung" vorgesehen. Wie weit man damit kommt, kannst du dir sicherlich selbst ausmalen...

Es ist also WEDER POLITISCH NOCH WIRTSCHAFTLICH gewollt, dass diese Menschen "weitergebildet" werden oder sich weiterbilden können. Tatsächlich werden sie hauptsächlich als Verhandlungs- und Druckmasse für Lohnverhandlungen mit dem Staat (Gesetzgebung, etc.) und den Arbeitnehmern ("moderate" Lohnsteigerungen, etc.) benötigt und benutzt.

Zum Zweiten halte ich die Möglichkeit, gegen jede Anweisung des JC gerichtlich vorgehen zu können, für ...

... grundgesetzkonform. Auch Arbeitslose haben in einem Rechtsstaat die gleichen Rechte, rechtsstaatliche Mittel zu nutzen.

Und wenn man sieht, dass mehr als 50% der Klagen gegen HIV-Entscheide vor einschlägigen Gerichten bestätigt werden, ist wohl eher das "JC" - und damit dessen vorgesetztes Ministerium - in der Pflicht...

Hier sollten Möglichkeiten geprüft werden, ob es nicht möglich wäre, Stellen im öffentlichen Dienst vorzugsweise durch Langzeitarbeitslose zu besetzen.

Das scheitert nicht an den Parteien oder Kommunen, sondern an den Wirtschafts-Lobbys, die ihrerseits befürchten, Konkurrenz zu erhalten, wenn die Kommunen beispielsweise selbst den Park fegen.

Und der Einsatz von Arbeitslosen in Aufgabenbereichen der reinen Verwaltung dürfte ziemlich begrenzt sein. Ganz besonders, wenn man bedenkt, dass gerade der ÖD nicht gerade im Geld schwimmt...

Kommentar von Interesierter ,

Und was willst du mir damit sagen?

Du haust zwar mächtig auf den Putz aber im Prinzip bestätigst du meine Aussagen. Gerade den zweiten Punkt, die Einrichtung von Schiedsstellen hielte ich für sinnvoll. Zum Einen würden hier die Entscheidungen ebenfalls auf juristischer Ebene geprüft. Zum Anderen aber könnten derartige Schiedsstellen sehr viel schneller und sehr viel effizienter arbeiten, als die heillos überforderten Sozialgerichte. Dies würde vor allem den betroffenen Arbeitslosen zugutekommen, da diese ja eine möglichst schnelle Entscheidung brauchen.

Kommentar von Unsinkable2 ,

Mea culpa, vielleicht drücke ich es wirklich zu schwierig für dich aus...

Gerade den zweiten Punkt, die Einrichtung von Schiedsstellen hielte ich für sinnvoll.

Lasse es mich so schlicht wie möglich formulieren: 

Deutschland hat ein Grundgesetz. Daran müssen sich alle halten; nicht nur die Rechtsradikalen.

Und in diesem Grundgesetz steht, dass alle - auch Arbeitslose - das Recht auf rechtsstaatliche Mittel, wie etwa Klagen vor rechtsstaatlich legitimierten Gerichten, haben. Schiedsstellen sind aus gutem Grund nicht rechtsstaatlich legitimierten Gerichten gleichgesetzt.

Wenn - wie aktuell - eine seit vielen Jahren anhaltende Klagewelle die Sozialgerichte lähmt, dann gibt es genau zwei Stellschrauben, an denen gedreht werden MUSS:

  1. Die Handlungsanweisungen für die "JC" sind zu korrigieren. Der sogenannte "Ermessensspielraum" hat sich als nicht praxistauglich erwiesen, weil er regelmäßig in der Mehrzahl der Fälle missbraucht wird. (Nicht nur, aber auch die zahlreichen Fälle von Korruption, die seit dem Beginn der Agenda 2010 in den "JC" auftraten, sprechen eine beredete Sprache. Und die versuchte Erhöhung des Drucks von oben durch schnellere Rotation der "JC"-Mitarbeiter sowie durch befristete Arbeitsverträge für die "JC"-Mitarbeiter, war nicht sinnvoll, sondern offensichtlich doppelt kontraproduktiv.)
  2. Die Agenda 2010 ist - mal wieder - in den betreffenden Bereichen zu korrigieren und nachzuschärfen. Das haben übrigens Gerichte aller Instanzen wiederholt festgestellt. Eine Vielzahl der Klagen wird vor Gericht schon "pauschal" bestätigt, weil sie sich auf unzweideutige Fehlkonstrukte der Agenda 2010 beziehen; die auch nach gut 10 Jahren noch nicht korrigiert wurden.

Die Unfähigkeit der Politik und die Unwilligkeit der Wirtschaft auf die Schultern der Arbeitslosen abzuwälzen, ist eines "Sozialstaats" unwürdig ... womit wir wieder beim Grundgesetz angekommen wären...

Antwort
von voayager, 24

Die Agenda 2010 ist aus 3 Gründen ungerecht:

1. sie stürzt deren Empfänger in große Armut und damit in ein Elend

2. durch H-4 werden sämtliche Lohnabhängige in Angst und Schrecken gehalten, denn bei einem Rauswurf aus der Firma, weil z.B. der Mitarbeiter unbequem ist, droht dieses Schreckgespenst.

3. der Niedriglohnsektor wird so vom Staat geschützt. Lohndumping kommt noch so hinzu.

Das Kapital und deren Eigner sind nun mal des Staates Schatzis.

Kommentar von KingSB ,

Hey, könntest du vielleicht die erste Aussage etwas genauer begründen? 

MfG SBG

Kommentar von voayager ,

nun, der H-4 Betrag ist entschieden zu gering, denn wer kann schon mit 400 € nach Abzug der Warmmiete leben! Da ist nur ein Überleben möglich. Daher gibt es auch die zahlreichen Tafeln und die vielen Flaschensammler.

Kommentar von KingSB ,

Ja, aber, wenn es den diesen Hart 4 Beitrag nicht gegeben hätte, dann würde es Ja auch gar kein Geld zur Verfügung stehen. Inwiefern stürzt dann die Agenda jemanden in finanzielle Armut, wenn der/die auch so in Bedrängnis währe. (Entschuldigen Sie mich falls ich da falsch liege, da es nur mein Gedanke ist der dazu aufkommt).

Kommentar von voayager ,

Vor H-4 gab es Arbeitslosenhilfe und die war bedeutend höher - im Allgemeinen.

Kommentar von KingSB ,

Dankeschön für die Antwort!!!

Antwort
von Juli277di, 31

Schröder hatte damals die Sozialsysteme reformiert und gleichzeitig milliardenschwere Konjunkturpakete aufgelegt. Man kann zu jener Agenda 2010 stehen, wie man möchte. Sie ist zweifellos streitbar und war ein Kotau vor der Industrie, wie wir später noch sehen werden. Sie hat viel Negatives, aber eben auch viel Positives bewirkt. In jedem Fall hat Schröder für sich erkannt, dass blindes Sparen der falsche Weg war. Dazu wollte er die Sozialsysteme modernisieren (Hartz IV etc.) und die Arbeitsmärkte liberalisieren.Ihm war vollkommen klar, dass diese Reformen nur funktionieren, wenn er sie mit Konjunkturpaketen unterstützen wird. Folglich unterstützte er die Reformen mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen. Spezielle Ausbildungsangebote für Jugendliche, Erhöhung der Bildungsausgaben um 25 Prozent innerhalb von fünf Jahren, mehr BAföG für Studenten, vier Milliarden Euro Investitionen im Bildungssystem, Einführung von Steuervergünstigungen für Haushaltshilfen und Kinderbetreuung. Dazu kamen Ausgaben für die Infrastruktur und Straßenbau. Die Folge war ein wirtschaftlich erstarkendes Deutschland, das die damalige Krise immer besser hinter sich ließ. Die Arbeitslosenzahlen gingen deutlich zurück. Aber auch wurde eine Politik der Kürzungen, Teilprivatisierung der Renten, Schaffung eines Niedriglohnsektors und Leiharbeit eingeführt, der dazu geführt hatte, dass Reallöhne gesunken sind. Die Folge: Es mussten immer mehr Leute mit Hartz 4 aufstocken.

Schröder verlor später die Wahl und in der Folge auch sein Amt. Angela Merkel übernahm das Ruder. Sie wiederum hatte unverschämtes Glück. Die schmerzhaften Reformen wurden ihrem Vorgänger Schröder angelastet, aber der unmittelbar nach der Wahl einsetzende Aufschwung wurde in der Wahrnehmung der Menschen nicht als Folge der von Schröder umgesetzten Konjunkturpakete gesehen, sondern der wundertätigen Hand der neuen Kanzlerin zugeschrieben.

Als Deutschland 2009 im Strudel der Krise zu versinken drohte, beschloss die Regierung Merkel die Abwrackprämie. Das Prinzip: Solange Geld in die Wirtschaft fließt, arbeitet sie und bleibt am Leben.

Kommentar von eccojohn ,

Klare Worte, die von persönlichem Interesse - Überblick und Durchblick zeugen. SUPER - Dafür meinen Respekt !

Hätte Schröder nicht das selbe Pech wie viele vor ihm - das Pech der vielen Idioten und Quertreiber in der eigenen Partei - hätte er die Wahl verdient gewonnen, und Deutschland stünde heute ganz anders da, wie mit der gesamten Po(e)/(li)tik danach.

Schade, das die SPD bis heute in etlichen Punkten nicht seine Hausaufgaben machen möchte, und noch immer die Zügel schleifen läßt. Blindes Mittelalter wird zurecht bestraft !

Die Wählergunst der SPD ist mittlerweile eine voll gerechtfertigte Verachtung einer Partei, die sich jedesmal selber ins Jenseits schießt - obwohl die größten Größen deutscher Nachkriegspolitik eindeutig der SPD zuzuordnen waren.  

Die Dinosaurier der Politik liegen leider heute alle auf dem Friedhof, Charakter, Charisma und berechenbare Ehrlichkeit sind damit wohl leider gänzlich ausgestorben. Was übrig bleibt sind smarte Typen, TV-Stars oder Möchtegern-Promis und profilierungssüchtige Karrierebastler um jeden Preis.

Kommentar von KingSB ,

Hey, also erstmal Danke für die Antwort hat auf jeden Fall weitergeholfen. Aber es gibt da ein paar Dinge die ich trotz des Lesens aller Kommentare nicht verstanden habe. Inwiefern führt die Leih-Arbeit dazu das die Reallöhne sanken? Und wenn dann immer mehr Leute mit Hartz 4 aufstocken mussten ist das dann auch nicht in gewisser Weise gut das sie diese Möglichkeit haben? Ich habe deine Aussage in zweierlei Richtungen gedeutet, nämlich zum einem das es gerade schlecht ist das die Leute aufstocken müssen genau, weil sie eben immer weniger verdienen und das du das eben anprangerst. Und zum anderen sehe ich das so das du das zu negativ dargestellt hast, weil den Leuten ja geholfen wird.

PS: Könntest du in einem Satz erklären was genau mit der "Teilprivatisierung der Rente" gemeint ist?

MfG SBG

Antwort
von soissesPDF, 40

Hier eine gute Analyse http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/spd-deutschland-ohne-agenda-2010-so-sa...

Schröder (SPD) wollte sparen und das zu Lasten der sozial Schwachen.
Prompt wurde das Ding verfassungswidrig.
Im Februar 2010 urteilte das BverfG "der Staat hat das Existenzminimum jederzeit zu sichern und Teilhabe zu ermöglichen".

Altkanzler Schröder (SPD) verdückte sich in den Aufsichtsrat der russischen Gazprom.

Kommentar von eccojohn ,

Das könnte doch glatt ein Zitat aus der öffentlich rechtlichen Volksverdummungs-Szene direkt aus der ersten Reihe sein.

Spiegel und gute Analyse - wie Teufel und Weihwasser ? Fehlt nur noch die Bild, die zuerst mit dem Toten sprach - ach ja, die stirbt ja neuerlichen Meldungen zufolge wohl langsam aus - und über Tote oder wohl auch Beinahe-Tote soll man ja .... Sorry

Kommentar von soissesPDF ,

Nicht schwurbeln, lies das Urteil das BverfG Bundesverfassungsgericht vom Februar 2010.

Kommentar von KingSB ,

Dankeschön, habe mir den Artikel durchgelesen und in der Kommentar-Funktion schrieb jemand das die Agenda nur den reichen diene aber wie kann das sein? Sind die reichen nicht genauso von der Agenda betroffen wie die ärmeren?

MfG SBG

Kommentar von voayager ,

natürlich profitieren die Reichen davon, denn welche Arbeiter wagen es schon noch aufzumucken!

hier mal ein Beispiel aus dem tgl. Leben, was ich persönlich beobavhten konnte: in einem Lebensmittelladen ließ ein Kunde eine Glasflasche fallen. Chef zu sienem Mitarbeiter: "sofort aufwischen und zusammenkehren." Verkäufer: "ich räume gerade ein Regal ein, nachher mach ich das." Chef: "Entweder sie machen das jetzt sofort, oder ich laß Sie abhartzen. Dasnn isses aus mit Freundin, Urlaub und Auto, das können Sie sich dann abschmatzen." 

Kommentar von KingSB ,

Also können die Arbeitgeber immer wieder Druck ausüben und so eine Existenzangst erzeugen so hab ich das vorher noch nicht betrachtet. Danke für deine Hilfe!!

Antwort
von Philippus1990, 44

Teil der Agenda 2010 war etwa die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre. Das war angesichts der demografischen Entwicklung durch die immer weniger Junge für immer mehr Alte die Rente zahlen müssen längst überfällig.

Aber nicht jeder will das sehen. Wer nur an sich denkt und daran, dass er jetzt länger arbeiten muss, empfindet solche Maßnahmen eventuell als "sozial ungerecht". Darunter und unter "soziale Gerechtigkeit" versteht aber jeder etwas anderes.

Für viele Menschen ist "soziale Gerechtigkeit", wenn es ihnen persönlich gut geht und Politik nach ihren Ansichten gemacht wird. Aber um das nicht so ausdrücken zu müssen, sprechen sie lieber von "sozialer Gerechtigkeit". Das hört sich moralischer an.

Kommentar von KingSB ,

Danke für die Antwort aber was sagst du dazu das die Agenda den größten Niedriglohn Europas schafft? Es gab ja sehr viele Arbeiter die trotz ihrer Arbeit Arbeitslosengeld II beziehen mussten. Und außerdem wird immer wieder behauptet das die Agenda den deutschen Arbeitsmarkt amerikanisiert hat. Wie stehst du zu dieser Aussage? MfG SBG

Kommentar von Philippus1990 ,

Die meisten "Aufstocker" arbeiten bloß Teilzeit: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/armut-und-reichtum/stud...

Dass die Agenda 2010 den "den größten Niedriglohnsektor Europas schafft" ist erst mal nur eine Behauptung. Derjenige, der das behauptet, müsste das erst einmal belegen. Nicht ich.

Um Wähler oder Mitglieder zu fangen arbeiten Parteien aber gerne mit solchen Übertreibungen. Nach Quellen dafür fragen die wenigsten, da läuft viel über Gefühl.

Eine "Amerikanisierung" des deutschen Arbeitsmarktes im Sinne einer starken Liberalisierung kann ich nicht erkennen. Deutschland hat nach wie vor einen extrem ausgebauten Kündigungsschutz, der aus meiner Sicht durchaus "amerikanisiert", d. h. gelockert werden sollte.

Denn wenn Unternehmen Mitarbeiter durch den Kündigungsschutz nicht zeitnah entlassen können, trauen sie sich gar keine neuen Mitarbeiter einzustellen, was zu Lasten von Arbeitslosen und Wirtschaftswachstum geht.

Eine m. E. gute Zusammenfassung zur Agenda 2010 gibt es hier: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/10-jahre-danach-die-age...

Kommentar von soissesPDF ,

Hartnäckiger Unfug, den Du da verbreitest.
Die Ergebnisse der Agenda 2010 sind:
- zunehmende Armut, durch Niedriglöhne und Rentnerarmut
- nicht zu vergessen die Finanzkrise, die gerade auf der Deregulie-
  rung der Banken beruht

Die Ergebnisse leugnen hat wenig Sinn.
Wenn man denn schon glaubt "alles richtig gemacht zu haben" wie die SPD, dann sollte man das begründen können.

Kommentar von Unsinkable2 ,

Die meisten "Aufstocker" arbeiten bloß Teilzeit

Das ist richtig, greift aber zu kurz: Bis in die 80er Jahre hinein reichte das Gehalt EINES Gehaltsempfängers, um eine ganze (Durchschnitts-)Familie zu ernähren. Das waren damals 2,3 Personen.

Wenn "Teilzeit" (47% der Teilzeitler arbeiten "halbtags") heute nicht einmal mehr reicht, um EINE Person zu ernähren, dann fehlen schon an dieser Stelle über den Daumen gepeilt runde 20+ Prozent. Und da sie nicht "fehlen" können, wurden sie weggekürzt; vulgo: zu "Billiglöhnen" gemacht...

Dass die Agenda 2010 den "den größten Niedriglohnsektor Europas schafft" ist erst mal nur eine Behauptung. Derjenige, der das behauptet, müsste das erst einmal belegen. Nicht ich. 

Das ist sogar doppelt unwahr.

Erstens: JEDER, der eine Behauptung aufstellt, und auch die Behauptung, die Agenda habe nicht dazu beigetragen, ist eine Behauptung, muss diese belegen. Also auch du.

Zweitens: Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist seit der Einführung der Agenda 2010 nochmals signifikant gewachsen, wie du jederzeit bei der Bundesagentur für Arbeit nachschlagen kannst. Er lag im Jahr 1995 bei 18,2 Prozent und beträgt heute 24,8 Prozent. Ohne Inflationsbereinigung. Und mit dem statistischen Trick, dass vor der Agenda 2010 bezahlte ABM als Niedriglohn-Einkommen galt, heute 1-Euro-Jobs aber nicht mehr mitgezählt werden.

Denn wenn Unternehmen Mitarbeiter durch den Kündigungsschutz nicht zeitnah entlassen können, trauen sie sich gar keine neuen Mitarbeiter einzustellen, was zu Lasten von Arbeitslosen und Wirtschaftswachstum geht.

Das ist naiver Unfug. 

Erstens: Die deutsche Wirtschaft ist kein Wunder, das über Nacht auftauchte. Sie existiert schon ein paar Jahre. Und jene Unternehmen, die auf eine längere Existenz zurückblicken können, tendieren auch zu langfristiger Vorschau.

Zweitens: "Der Markt" ist kein Gott, der sich über Nacht neue Dinge ausdenkt. Er bewegt sich. Aber träge wie Sirup. Jeder halbwegs erfahrene Unternehmer kann da ziemlich weit blicken. Und die erforderlichen 4 - 12 Wochen sind da IMMER drin.

Drittens: Es gibt abrupte Marktbewegungen. Aufträge brechen unerwartet weg. Andere Aufträge kommen nicht, obwohl sie schon fest eingeplant waren. Doch dazu gibt es zahllose nützliche Instrumente; von Leiharbeit bis zu Zeitkonten. Sie alle haben sich glänzend bewährt (auch in den USA). Tatsächlich wird in den USA genau dieser Weg auch zunehmend gegangen: Immer mehr Unternehmen setzen auf "langfristigen Kündigungsschutz"; und die Arbeitnehmer in den USA würden lt. einer Studie, die übrigens von Facebook finanziert wurde, sogar bis zu 25 Prozent ihres Gehalts aufgeben, wenn sie dafür einen "mindestens 2-wöchigen Kündigungsschutz" garantiert bekämen.

Viertens: Wer sein Unternehmen "auf Kante" führt, ist im Regelfall nicht Mittelständler, sondern Konzern. Und er ist im Regelfall glücklicher Emittent von Aktien. Und wie das mit den Aktien so ist, sagte mal ein bekannter Unternehmer:

"Früher haben wir unser Wochenmeeting mit 2 Stunden Management und dann 10 Minuten Aktienkursen gefüllt. Heute reden wir 2 Stunden über die Aktien unseres Unternehmens und dann noch 10 Minuten über das Management."

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Ein "gelockerter Kündigungsschutz" dient also nicht der Wirtschaft - weder der amerikanischen, noch der deutschen -, sondern einfach nur den Aktien-Bewegungen, auf die es schnell und sicher zu reagieren gilt. ... Das ist übrigens keine neue Erkenntnis, sondern entstammt einer Studie des MIT aus dem Jahr 2002.

Teil der Agenda 2010 war etwa die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre. Das war angesichts der demografischen Entwicklung durch die immer weniger Junge für immer mehr Alte die Rente zahlen müssen längst überfällig.

Auch hier macht Wiederholung es nicht wahrer: 

Die Erwerbsquote der Ü60-Gruppe liegt bei rund 45%. Damit ist JEDE Heraufsetzung des Rentenalters nichts anderes als eine Rentenkürzung für 55% der Erwerbsfähigen

Im langjährigen Mittel lag die Erwerbsquote der Ü60 übrigens bei knapp 30%. Sollte es sich bei der Steigerung um 15% in den letzten Jahren um einen Armuts-Faktor handeln, ist das gesellschaftliche Sozialstaats-Risiko kaum zu überblicken; denn dann beträfe es insgesamt mindestens 70% der Erwerbsfähigen.

Abgesehen davon ist die Produktivität nach wie vor stetig gestiegen. Im Jahr 1950 ernährte ein Bauer noch 10 Menschen. Heute sind es 145 Menschen. Mit erheblich weniger Mitarbeitern. In der gleichen Zeit.

Diese Produktivitätssteigerungen, die es auch im Rest der Wirtschaft in vergleichbaren Ausmaßen gibt, müssten sich logischerweise ebenfalls irgendwo niederschlagen, nicht wahr?! Wo geschieht das, wenn nicht bei den Arbeitslosen und Rentnern?

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