Frage von Referendarwin, 136

Ähnelt die heutige Zeit einer anderen Epoche, die in der Geschichtsschreibung schon einmal aufgetaucht ist?

Können wir aus der Geschichte lernen, was unsere Situation betrifft?

Expertenantwort
von ArnoldBentheim, Community-Experte für Geschichte & Politik, 31

Um aus der Geschichte für die Gegenwart zu lernen, braucht man nicht nach einer bestimmten "Epoche" zu suchen. Denn es können durchaus mehrere Epochen infrage kommen.

Nehmen wir mal ein paar Vorkommnisse und Probleme der Gegenwart:
Terroranschläge - sie erinnern ans Mittelalter; der umstrittene Islam -
dieses Problem erinnert an die konfessionellen Gegensätze in der Frühen
Neuzeit; der in Europa aufkeimende Nationalismus - diese Erscheinung
erinnert an das 19. und frühe 20. Jahrhundert; die Vorgänge in der
Türkei - sie erinnern fatal an den Aufbau der nationalsozialistischen
Diktatur.  

Was können wir lernen?

    Terroranschläge:
    Im Mittelalter wurden bei Fehden zwischen Adligen fast immer die Bauern
    und ihre Dörfer drangsaliert, geplündert, verbrannt, die Bauern als
    Geiseln verschleppt oder getötet. Mit solchen Gewaltakten sollte der
    Fehdegegner
    in die Knie gezwungen werden. Wurde der Fehdegegner selbst gefangen,
    dann kam er nur gegen Lösegeld frei, das nicht selten, ebenso wie die
    Überfälle auf seine Bauerndörfer, zu seinem wirtschaftlichen Ruin
    führte. Kurz: das Ziel der Fehden war die Ausübung psychischen Drucks
    auf den Fehdegegner, um ihn zum Nachgeben und zur Unterwerfung zu
    zwingen. Nichts anderes wollen im Prinzip die Terroristen erreichen. Das
    Mittelalter sah bei Fehden vor, Vermittler - meist unbeteiligte
    Verwandte oder andere Persönlichkeiten, die für beide Fehdeparteien
    angenehm waren - auf die Fehdegegner einwirken zu lassen, um
    kompromissfähige
    Lösungen zu suchen, die den Konflikt unter Wahrung des Gesichts beider
    Fehdegegner beilegen konnten. Die Kirche predigte den Frieden und
    verurteilte die Gewalt. Zusammen mit der weltlichen
    Obrigkeit gelang es gegen Ende des Mittelalters, das Verbot der Fehde
    ins weltliche Recht aufzunehmen, Fortan waren Streitigkeiten vor
    Gerichten auszutragen, terroristische, den Landfrieden bedohende Gewalt
    war verboten und wurde von der Obrigkeit verurteilt, verfolgt und
    bestraft. Heute werden alle Möglichkeiten abgewandt: zwischen
    Streitparteien vermitteln, Gewalt national und international ächten,
    ggf. mit UNO-Mandat gewaltsam bekämpfen und die Schuldigen vor
    nationalen und internationalen Gerichtshöfen strengstens aburteilen.

    Der Islam:
    Diese Religion wird heftig kritisiert, weil viele ihrer Anhänger zum
    Fanatismus und zur (gewaltbereiten) Unduldsamkeit neigen. Der Islam
    besteht aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen, die sich verachten und
    bekämpfen. Andere Religionen werden ebenfalls feindlich angesehen.
    teils verfolgt. Nach der Reformation gab es in Europa ähnliche
    Verhältnisse, als sich Katholiken, Lutheraner, Reformierte bzw.
    Calvinisten und weitere sektiererische Gruppierungen mehr oder weniger
    unversöhnlich gegenüberstanden. Die Folge war ein dreißigjähriger
    Religions-
    und Machtkampf, der Deutschland und andere Länder an den Randder
    menschlichen und finanziellen Erschöpfung brachte. Das Ergebnis wareine
    Anerkennung der verschiedenen Glaubensrichtungen, eine
    gegenseitige Duldung, die durch die Aufklärung zu einer wirklichen
    Toleranz wurde und im Umgang der Menschen miteinander die Erkenntnis
    endgültig durchsetzte, dass der Glaube ein persönliches Recht der
    Menschen sei, der auf die Politik möglichst keinen Einfluss mehr nehmen
    dürfe. Heute könnte die muslimische Welt aus der europäischen Erfahrung
    seine
    Lehren ziehen. Der gegenwärtige Krieg sollte den Anstoß dazu geben
    können, dessen Auswirkungen so furchtbar sind, dass er kaum dreißig
    Jahre so weitergehen wird. Gerade den Muslimen, die nach Europa fliehen,
    sollte die europäische Erfahrung vermittelt werden, damit sie sie
    später in ihre Heimatländer übermitteln können. Nicht die Ausgrenzung
    der vielen Flüchtlinge und besonders der Muslime, also Intoleranz,
    dürfen die europäische Völker ihnen entgegenbringen, weil das die
    vollkommen falsche, eine im Hinblick auf Europas Geschichte widersinnige
    "Lehre" wäre! Intoleranz würde weitere Konflikte schüren.                                            

    Nationalismus
    :
    Der im 19. Jh. entstandene Nationalismus verführte die europäischen
    Völker dazu, ihre jeweilige Nation als die bedeutendste und wichtigste,
    als allen anderen Nationen überlegene anzusehen. Damit wurde eine
    äußerst egoistische Politik gerechtfertigt, die keine Rücksicht auf
    andere Nationen nahm. Der Gedanke einer Gemeinschaft europäischer
    Völker, die im Interesse ganz Europas zusammenarbeiten, konnte damals
    nicht aufkommen. Das Ergebnis, der zwei furchtbare Weltkriege, kennen
    wir. Danach hatten die europäischen Völker erkannt, dass die
    kooperierende Gemeinschaft der europäischen Völker Zukunft hat, aber
    kein überheblicher Nationalismus mehr. Die spätestens 1957 begonnene
    institutionelle Organisation dessen, was heute als EU bekannt ist, hat
    sich durchaus erfolgreich entwickelt. Heute lernen wir, dass die EU und
    ihre freiheitlich-demokratischen Werte durch Neonationalismus und
    autoritäre Staats- und Gesellschaftsvorstellungen bedroht wird. Wir
    müssen darauf achten, dass diese Entwicklung überwunden wird und
    extremistische Gruppierungen und ihre Führerriegen keine Chance mehr
    erhalten, Politik in Europa dauerhaft zu bestimmen.     -     Und
    schließlich:                                                                                                                                                                                                                               Die Türkei:
    Wer sich mit der Geschichte der
    nationalsozialistischen Diktatur beschäftigt hat, kann überhaupt nicht
    anders, als die Übertragung diktatorischer Gewalt an Erdogan und seine
    Schergen, die in Gang gesetzten "Säuberungen", die alle wirklichen und
    vermeintlichen politischen Gegner ausschaltet, die Verletzungen der
    türkischen Verfassungen, die Beseitigung des Rechtsstaates, die
    Unterdrückung der Meinungsfreiheit zugunsten der Staatspropaganda, die
    Aussetzung der internationalen Menschenrechte, die Diskriminierung
    und/oder Verfolgung unliebsamer Bevölkerungsgruppen wie Aleviten und
    Kurden, um es bei diesen Beispielen zu belassen, mit der sog.
    "Machtergreifung" Hitlers und seiner Nazibande zu vergleichen. Wir
    müssen daraus lernen, dass die Vorgänge in der Türkei genau beobachtet
    werden müssen, um je nach Fortgang der innertürkischen Regimepolitik
    angemessen zu reagieren. Den Diktator Erdogan einfach machen zu lassen
    und sich nicht darum zu kümmern, wäre fatal, nicht zuletzt für das
    türkische Volk selbst!

Ja, man kann aus der Geschichte lernen - wenn man will!  :-)

MfG

Arnold

Kommentar von Wekaldo ,
    ,,weil viele ihrer Anhänger zum 
    Fanatismus und zur (gewaltbereiten) Unduldsamkeit neigen''

Man sollte diese schlicht falsche Formulierung überdenken.

Kommentar von ArnoldBentheim ,
,,weil viele ihrer Anhänger zum Fanatismus und zur (gewaltbereiten) Unduldsamkeit neigen''

Man sollte diese schlicht falsche Formulierung überdenken.

An meiner Formulierung ist alles korekt! Es dient nicht der Erfassung der Realitäten, diese Formulierung unter Missachtung der in der Welt sichtbaren Vorgänge und Gegebenheiten in Zweifel zu ziehen.

Antwort
von Thronwi, 70

Ich persönlich finde, dass alles schon mal da gewesen ist und man es irgendwie vergleichen kann, jedoch sollte man sehr vorsichtig sein. Beispiel Gülen. Es gibt Hinweise darauf, dass sie eine verschworene Sekte der radikal, konservativen Islamisten sind, welche mit Intelligenz alles unterlaufen, um dann. Irgendwann die Herrschaft an sich zu reisen. Erdogan hat dies erkannt, doch ihn deswegen mit Hitler zu vergleichen ist schlichtweg falsch. Aber um jetzt nichts vom Zaun zu brechen, ich mag alle 3 nicht.

Antwort
von soissesPDF, 35

Je nachdem was Du betrachtest, ja.
EU/Hanse wäre noch das harmloseste.
III.Reich/Türkei wäre nahezu die gleiche Entwicklung.

Geschichte wiederholt sich, besonders dann wenn die s.g. Eliten keine Kenntnis von der Geschichte haben.

Antwort
von Kunfilum, 61

Da musst du schon etwas genauer sein. Was ist denn mit Situation gemeint, also welche Probleme meinst du?

Antwort
von BTyker99, 33

Der Untergang des Römischen Reiches eventuell, zumindest habe ich das schon häufig gehört. Also in dem Sinne, dass das Land unterwandert wird von kulturfremden Personen und die Gesellschaft dann von innen heraus gespalten wird.

Die Sache in der Türkei ähnelt natürlich dem Nazi-Regime in Deuschland, bzw. eventuell noch der Episode "patterns of force" von Star Trek.

Antwort
von AriZona04, 53

Ich denke, es wiederholt sich nichts 1 zu 1. Da kann man nichts voraussagen. Es ist leider so, dass es immer Oberhäupter gibt, die nur Nonsens im Kopf haben. Leider. Und jede Menge Anhänger - noch schlimmer! Meine Frage: Werden die Intelligenten siegen? Wenn ja, dann bestimmt nicht auf Dauer. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Antwort
von Viktor1, 17

Ja und nein.
Epochen hat es nie global gegeben Ähnlichkeiten in der Geschichte ("lokal")immer wieder. Lernen braucht man aus keiner Epoche oder Geschichte.
Die könnten dem Menschen auch nicht mehr sagen, als was der Verstand hergibt.
Und wer sind "wir", die aus der Geschichte lernen könnten ? Wie könnte das gehen ?
Solche Fragen und Überlegungen sind und waren schon immer hohles Geschwätz - und sie wurden schon immer von Schwätzern gebracht denen nicht anderes einfällt.


Antwort
von lesterb42, 2

Trotz aller Schreckensmeldungen würde ich unsere Zeit mit dem Biedermeier vergleichen: Rückzug aus der Politik ins private.

Antwort
von JustNature, 59

Es ist wie in der Endphase des römischen Reiches. Die Politiker sind zu trottelig und zu luxusbetäubt um ernsthaft zu regieren. Fremde Stämme drücken von allen Seiten über die Grenzen und übernehmen die Macht. Der Staat ist mangels Geld nicht mehr handlungsfähig.

Das bisherige Volk wird ausgeplündert, sodaß ihm nichts mehr bleibt.

Kommentar von ctest ,

und danach komt dann so eine Art von Mittelalter, wo irgendwelche religiösen Nationalisten den Leuten ihre verschrobenen Ideen aufzwingen. Erdogan und Trump und auch diese Tölpel in England und in einigen östlichen EU Staaten sind schon auf dem besten Weg dazu.

Antwort
von Ursusmaritimus, 59

Na ja,

irgendwie habe ich das Gefühl das Erdogan die Machtergreifung durch Adolf Hitler und das Verhalten nach dem Reichtagsbrand nachspielt. Jetzt verlangt er auch das Denunzieren von Gülen Anhängern in der Wirtschaft (Kauft nicht bei Juden).....

Antwort
von Wekaldo, 53

Such mal nach ,,Biedermeier''.

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