Frage von Zuckerwatte, 33

Ab wann kamen Ritter an den Hof (Beginn des Minnedienstes)?

Hallo, ich frage mich, wie es dazu kam, dass Ritter sich im 12. Jh. vermehrt am Hof aufgehalten haben. Das Urrittertum tat dies nicht, doch die Zeiten änderten sich, es entstand eine Kluft zwischen verarmten und sehr reichen Rittern. Ritter, die am Hof waren, wurden zum Problem, da sie noch an ihrem alten Denkschema festhielten (rauben, morden, vergewaltigen). In dieser Zeit entstanden ja dann der Minnesang und der Minnedienst, als Sublimierung quasi, so bekamen die Gefühle dieser Männer eine neue Ausdrucksform und Vorgabe, wie man sich der Frau gegenüber verhalten sollte.

Mir ist nur nicht klar, wie es überhaupt zu dieser Kluft im Rittertum kam. Was hat dazu geführt, dass Ritter jetzt so lange Zeit am Hof verweilt sind? Woher kam diese Änderung der sozialen Verhältnisse? Was führte zu der Verarmung der Ritter? Danke!

Expertenantwort
von ArnoldBentheim, Community-Experte für Geschichte, 12

Mir scheint, dass du einem Irrtum unterliegst.

"Ritter" waren ursprünglich nicht mehr als berittene Krieger. Sie lebten z. T. immer schon am Hof ihres Herrn, dienten in seinem ständigen Gefolge und
erhielten Nahrung und Ausrüstung. Mehrheitlich aber erhielten die
Kriegsdienst leistenden Ritter ein Stück Land mit den dazugehörigen
Bauern als Lehen, mit dem sie ihren Unterhalt bestreiten und ihre
Bewaffnung kaufen konnten. Nach dem Vorbild des Königs/Kaisers im
Heiligen Römischen Reich wurden immer mehr Unfreie für Verwaltungs- und
Militärdienste auch in den Fürstentümern herangezogen, die sog.
Dienstleute oder Minsterialen, für die sich dadurch eine soziale
Aufstiegsmöglichkeit ergab. Denn als Herrn über einige Bauern hatten sie
einen kleinen Anteil an der Herrschaft in der damaligen Zeit.

Durch die Kreuzzüge, zu denen die Kirche seit dem Ende des 11. Jh.s aufrief, wurde der Militärdienst aller freien wie unfreien Ritter zu einer Art
bewaffneten Gottesdienstes stilisiert. Da auch hohe Adlige, Fürsten,
Könige und der Kaiser auf Kreuzzug gingen, verschmolzen diese und die
Ritter zu einer Gruppe von Glaubenskriegern. Alle leisteten im Heiligen
Land als Ritter Dienst im Auftrag der Kirche und des Christentums gegen
die Heiden bzw. Muslime. Ihr Lohn war die Vergebung der Sünden und hohe
Ehrung in der christlichen Gesellschaft. Angesichts dieser ehrenvollen
Aufgabe sahen sich nun auch die hohen Adligen, Fürsten und selbst die
Monarchen als Ritter.

Erst seit dieser Zeit, dem beginnenden 12. Jh., orientierten sich alle Ritter an fürstlichen Höfen und der dort gepflegten Kultur, der sog. "höfischen Kultur", die besonders vom hohen Adel ethisch (bestimmte Verhaltens- und Benimmregeln) und literarisch (Epik, Minnesang bzw. allgemein Lyrik) weiterentwickelt wurde, einerseits um sich erneut elitär von der Masse der Ritter abzuschließen, andererseits zur Durchführung von Waffenspielen, Turnieren, die der Selbstdarstellung und als Waffenübungen dienten.

Die Mehrheit der Ritter, die nicht dem (fürstlichen) Hochadel angehörten, bildeten schließlich als Abstufung den Niederadel, sowohl im Reich als auch in den Fürstentümern. Sie verbrachten ihr Leben kaum einmal mit höfischen
Lustbarkeiten, sondern eher mit Alltagsgeschäften zur Verwaltung ihres
Besitzes. Nur gelegentlich nahmen sie an den eher seltenen Turnieren
teil - immer teurere Turnierwaffen konnten sich die wenigsten Ritter von
ihren kleinen Lehen leisten. Anfangs leisteten sie Kriegsdienste für
ihre Fürsten - obwohl dieser mit dem Aufkommen von Feuerwaffen immer
weniger bedeutsam wurde -, mehr und mehr übernahmen sie viele Aufgaben in der Landesverwaltung. Ihre Stellung als Niederadlige konnen sie dadurch zur Geltung bringen, dass sie sich als Ratgeber der Fürsten
organisierten und wegen des immer höher werdenen Finanzbedarfs der
Fürsten als "Landstände" seit dem Spätmittelalter auch politische
Bedeutung gewannen.

Da du dich für Ritter und Rittertum interessierst, möchte ich dir zwei Bücher als Einstiegslektüre empfehlen:

Joachim Ehlers: Die Ritter. Geschichte und Kultur. 2. Aufl. 2009.

Karin Schneider-Ferber: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Ritter. 2015

MfG

Arnold

Expertenantwort
von ArnoldBentheim, Community-Experte für Geschichte, 7

Mir scheint, dass du einem Irrtum unterliegst.

"Ritter" waren ursprünglich nicht mehr als berittene Krieger. Sie lebten z. T. immer schon am Hof ihres Herrn, dienten in seinem ständigen Gefolge und erhielten Nahrung und Ausrüstung. Mehrheitlich aber erhielten die Kriegsdienst leistenden Ritter ein Stück Land mit den dazugehörigen Bauern als Lehen, mit dem sie ihren Unterhalt bestreiten und ihre Bewaffnung kaufen konnten. Nach dem Vorbild des Königs/Kaisers im Heiligen Römischen Reich wurden immer mehr Unfreie für Verwaltungs- und Militärdienste auch in den Fürstentümern herangezogen, die sog. Dienstleute oder Minsterialen, für die sich dadurch eine soziale Aufstiegsmöglichkeit ergab. Denn als Herrn über einige Bauern hatten sie einen kleinen Anteil an der Herrschaft in der damaligen Zeit.

Durch die Kreuzzüge, zu denen die Kirche seit dem Ende des 11. Jh.s aufrief, wurde der Militärdienst aller freien wie unfreien Ritter zu einer Art bewaffneten Gottesdienstes stilisiert. Da auch hohe Adlige, Fürsten, Könige und der Kaiser auf Kreuzzug gingen, verschmolzen diese und die Ritter zu einer Gruppe von Glaubenskriegern. Alle leisteten im Heiligen Land als Ritter Dienst im Auftrag der Kirche und des Christentums gegen die Heiden bzw. Muslime. Ihr Lohn war die Vergebung der Sünden und hohe Ehrung in der christlichen Gesellschaft. Angesichts dieser ehrenvollen Aufgabe sahen sich nun auch die hohen Adligen, Fürsten und selbst die Monarchen als Ritter.

Erst seit dieser Zeit, dem beginnenden 12. Jh., orientierten sich alle Ritter an fürstlichen Höfen und der dort gepflegten Kultur, der sog. "höfischen Kultur", die besonders vom hohen Adel ethisch (bestimmte Verhaltens- und Benimmregeln) und literarisch (Epik, Minnesang bzw. allgemein Lyrik) weiterentwickelt wurde, einerseits um sich erneut elitär von der Masse der Ritter abzuschließen, andererseits zur Durchführung von Waffenspielen, Turnieren, die der Selbstdarstellung und als Waffenübungen dienten.

Die Mehrheit der Ritter, die nicht dem (fürstlichen) Hochadel angehörten, bildeten schließlich als Abstufung den Niederadel, sowohl im Reich als auch in den Fürstentümern. Sie verbrachten ihr Leben kaum einmal mit höfischen Lustbarkeiten, sondern eher mit Alltagsgeschäften zur Verwaltung ihres Besitzes. Nur gelegentlich nahmen sie an den eher seltenen Turnieren teil - immer teurere Turnierwaffen konnten sich die wenigsten Ritter von ihren kleinen Lehen leisten. Anfangs leisteten sie Kriegsdienste für ihre Fürsten - obwohl dieser mit dem Aufkommen von Feuerwaffen immer weniger bedeutsam wurde -, mehr und mehr übernahmen sie viele Aufgaben in der Landesverwaltung. Ihre Stellung als Niederadlige konnen sie dadurch zur Geltung bringen, dass sie sich als Ratgeber der Fürsten organisierten und wegen des immer höher werdenen Finanzbedarfs der Fürsten als "Landstände" seit dem Spätmittelalter auch politische Bedeutung gewannen.

Da du dich für Ritter und Rittertum interessierst, möchte ich dir zwei Bücher als Einstiegslektüre empfehlen:

Joachim Ehlers: Die Ritter. Geschichte und Kultur. 2. Aufl. 2009.

Karin Schneider-Ferber: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Ritter. 2015

MfG

Arnold

Antwort
von Prometheus30, 1

Besser als der Experte kann man es nicht erklären.

Ich frage mich nur wirklich, woher du die These genommen hast, die sich höfisch organiserenden Ritter seien dort zu einem Problem geworden, weil sie an ihren alten Denkschemata festhielten?
Und wie kommst du bitteschön auf die noch haarsträubendere Idee, diese Denkschemata seien Rauben, Morden und Vergewaltigen gewesen??

Der Ehrenkodex des Ritterstandes entwickelte sich zum Einen nicht erst im 12. Jahrhundert, da verfeinerte er sich durch den religiösen Aspekt nur noch weiter... Und zum Anderen wäre ja der Schluss aus deiner These, dass ganze Ritterhorden raubend, mordend und vergewaltigend durch die Schlösser der regierenden Fürsten zogen?! 

Die Kluft zwischen armen und reichen Rittern kam übrigens erst mit dem Niedergang des Rittertums drei Jahrhunderte später zum Tragen, als auch das Lehnswesen seine Bedeutung verlor, nicht im 12. Jahrhundert. Da hingen Reichtum und Status eines Ritters einzig und allein von der Gunst seines Brotherrn und damit von der Größe und dem wirtschaftlichen Ertrag seines Lehens ab!

Entschuldigung, aber bei den Thesen lief es mir kalt den Rücken runter. das konnte so nicht stehen bleiben!

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