1) Die Bezeichnung Metaphysik ist zuerst für ein Werk des Philosophen Aristoteles, in dem es um die die allgemeinen Prinzipien ging (von Aristoteles unter anderem πρώτη φιλοσοφία [„Erste Philosophie“] genannt [lateinisch prima philosophia]) verwendet worden - τὰ μετὰ τὰ φυσικά [ta meta ta physika], „das nach der Physik/dem Physischen“.
Aristoteles untersucht das Allgemeine, das dem Seienden als Seiendem zukommt, und das Seiende im Ganzen.
Metaphysik beschäftigt sich mit den ersten und grundlegendsten Dingen, den ersten Ursachen und den letzen (höchsten) Zielen. Sie überlegt, was das Sein und das Seiende als solches überhaupt sind. Ihr Gegenstand sind grundlegende Voraussetzungen, erste Ursachen, allgemeinste Strukturen und Prinzipien, ein letzter Sinn.
Metaphysische Gedanken gehen über Sinneswahrnehmung und Erfahrung hinaus.
Metaphysik ist in der geschichtlichen Entwicklung der Philosophie vielfältig gewesen,
Bei René Descartes richtet sich z. B. das metaphysische Denken besonders darauf, eine Grundlage für sichere Erkenntnis aufzeigen zu können.
Nach einer anscheinend auf Christian Wolff (1679–1754) zurückgehenden Unterscheidung ist Ontologie als allgemeine Metaphysik ein (zentrales) Teilgebiet der Metaphysik. Daneben wird eine spezielle Metaphysik gestellt. Ihre Teilgebiete sind 1) Theologie (Frage nach etwas Göttlichem und seiner Beweisbarkeit), 2) Psychologie/Geistesphilosophie (Frage nach Geist/Seele/ihrer Unsterblichkeit und der Willensfreiheit) und 3) Kosmologie/Naturphilosophie (Frage nach dem Zusammenhalt der materiellen Dinge, ihrem Ursprung, der Zeit und der Kausalität).
Immanuel Kant hat Metaphysik als kritische Transzendentalphilosophie betrieben. Diese untersucht die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Diese Metaphysik ist eine Theorie der Erfahrung, keine den Bereich der Erfahrung übersteigende Wissenschaft. Eine Untersuchung über die Welt als Ding, das Absolute und Unbedingte, hält Kant dagegen für spekulatives Denken, bei dem keiner Sicherheit erreichbar ist, was gültig ist.
Darüber, was Metaphysik genau ist, besteht keine allgemeine Übereinstimmung unter Philosoph(inn)en.
Vermutungen und Hypothesen kommen in Einzelwissenschaften auch vor, in der Metaphysik sind sie aber grundsätzlich einer Überprüfbarkeit mit eindeutiger Entscheidung aufgrund von Erfahrung (empirische Nachweise) entzogen (in der Geschichtswissenschaft können z. B. Quellen fehlen, um eine Vermutung belegen zu können, die Vermutung ist aber nicht metaphysisch, solange empirische Quellen – sofern sie existierten – eine Überprüfung zuließen). Darüber, ob dies wissenschaftlich ist oder nicht, hat in der Philosophie keine allgemeine Übereinstimmung bestanden, die Frage der Wissenschaftlichkeit ist also nicht unstrittig (Methoden rationaler Argumentation können ja als Forderung aufgestellt werden). Metaphysik kann von Erfahrungen ihren Ausgangspunkt nehmen. Sie geht aber dann auch darüber hinaus und fragt nach dem, was der erfahrbaren Wirklichkeit zugrundliegt. Metaphysik bleibt bei Fragestellungen nicht nach einem Teil der Strecke stehen (Einzelwissenschaften behandeln gemachte Voraussetzungen wie z. B. Axiome als gegeben und nicht im Rahmen der Einzelwissenschaft zu begründen) , sondern ist auf einen Gesamtzusammenhang ausgerichtet und sucht zu letzen Voraussetzungen und Bedingungen zu kommen (dies ist ein allgemeines Merkmal der Philosophie).
Eine philosophische Lehre mit Thesen über die allgemeine und grundlegende Beschaffenheit der Wirklichkeit, die nicht Gegenstand von Erfahrung ist, ist Metaphysik. Ab wann genau konkret etwas als Metaphysik gilt, kann etwas kontrovers sein, weil nicht unbedingt alle den gleichen Metaphysikbegriff haben.
2) Allgemeinbegriffe kommen auch in Einzelwissenschaften, darunter den Naturwissenschaften vor (in der Physik gibt es z. B. abstrakte Begriffe wie Körper und Bewegung). Der Begriff „Gesellschaft“ ist in der Soziologie zentral und diese ist eine empirisch ausgerichtete Sozialwissenschaft, auch wenn es Theoriemodelle gibt. Gesellschaften sind Gegenstand von Erfahrung. Die Verwendung von Allgemeinbegriffen ist ein geistiger Zugriff, aber Metaphysik ergibt sich erst mit zusätzlichen Gedanken.
3) Bei der Ethik gibt es auch Beschreibung (deskriptive Ethik ; nicht spezifisch philosophisch) und Metaethik. Bei der normativen Ethik gibt es auch andere Auffassungen als die, sie müsse metaphysisch sein. Vom Geltungsanspruch her ist aber die These, jede normative Ethik müsse metaphysisch sein, mit gewichtigen Argumenten vertretbar. Wenn die Urteile einer normativen Ethik wahr sein wollen, ist eine Begründung erforderlich, warum etwas gut oder schlecht ist, sein soll oder nicht sein soll.
Bei einem Begründungsversuch mit Intuitionen tritt die kaum zu überwindende Schwierigkeit auf, intersubjektiv Nachvollziehen und Übereinstimmung zu erreichen und ein zuverlässiges und lückenloses Auftreten derartiger Intuitionen nachzuweisen.
Ohne eine Begründung vom Seienden her ist etwas kaum als objektiv gut zu begründen. Dabei ist allerdings die Gefahr eines sein-Sollens-Fehlschlusses zu vermeiden (Sollsätze können nicht einfach aus Istsätzen angeleitet werden). Empirisch ist kein stichhaltiger Begründungsansatz möglich. Ein bloßes faktisches Sein reicht nicht aus. Irgendeine Art ideellen Seiendes wird benötigt, wenn der Geltung eine Grundlage erhalten soll. Dies führt zu ontologischer Theorie, als Metaphysik.
4) Wer philosophiert und Thesen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit überhaupt, über den Bereich des Empirischen hinaus, vertritt, betreibt Metaphysik. Materialismus, die grundsätzliche Auffassung, die ganze Wirklichkeit sei (letztlich) Materie bzw. alles beruhe auf Materie als alleinigem Prinzip, ist eine metaphysische Theorie. Empirisch (durch Beobachtung) kann die Frage nicht entschieden werden.
Metaphysik ist auch von Metaphysikkritik begleitet und philosophische Richtungen haben sich gegen Metaphysik gerichtet, wobei geschichtlich teilweise eine bestimmte (traditionelle) Art von Metaphysik gemeint war. Es wird inzwischen von einem nachmetaphysischem Zeitalter gesprochen und Jürgen Habermas hat einem Buch den Titel „Nachmetaphysisches Denken“ gegeben. Manche philosophische Richtungen sind ihrem Selbstverständnis nach nicht metaphysisch, enthalten aber zumindest implizit Metaphysik.
Metaphysik ist seit dem 19. Jahrhundert verstärkt etwas, das in einem schlechten Ruf steht. Richtungen wie der Positivismus und der logische Empirismus versuchten eine Überwindung der Metaphysik. Metaphysik galt als etwas, das nur Scheinprobleme aufstellt. Naturwissenschaften, Logik und Mathematik galten als die einzigen Bereiche sinnvoller wissenschaftlicher Aussagen. Metaphysikverdacht wurde zum Vorwurf.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wer denkt abstrakt (1807): „Denken? Abstrakt? – Sauve qui peut! Rette sich wer kann! - So höre ich schon einen vom Feinde erkauften Verräter ausrufen, der diesen Aufsatz dafür ausschreit, daß hier von Metaphysik die Rede sein werde. Denn Metaphysik ist das Wort, wie Abstrakt und beinahe auch Denken das Wort ist, vor dem jeder, mehr oder minder, wie vor einem mit der Pest behafteten davonläuft.“
Gnädiges Auftreten enthielt die Feststellung, der Metaphysiker werde nicht mehr als Krimineller behandelt, sondern als Patient.
Alfred Jules Ayer, Editor's Introduction. In: Logical positivism. Edited by Alfred Jules Ayer. New York : Free Press, 1959; S. 8: „The metaphysician is treated no longer as a criminal but as a patient: there may be good reasons why he says the strange things that he does.”
Metaphysik ist aber ein grundlegender Bereich der Philosophie, sozusagen Fundamentalphilosophie. Metaphysikfreies Philosophieren ist nur durch Unterlassen von Theorien mit eigenen Thesen über die Beschaffenheit in philosophischen Kernbereichen möglich, sozusagen durch Ausklammerung. Erkenntnistheorie ohne positive Thesen, formale logische Analyse, Sprachkritik z. B. in Form von Warnungen, auf eigene Begriffsdichtungen hereinzufallen, Metaethik sind möglich. Entweder kommt es zu einer starken Einschränkung oder Metaphysik tritt mehr oder weniger verborgen doch auf.
Die Auseinandersetzung mit metaphysischen Fragen ist nicht unberechtigt. Ratsam ist, sie mit rationalen Argumenten durchzuführen und nicht für eine sichere und unumstößliche Erkenntnis zu erklären, was kaum zweifelsfrei abschließend entschieden werden kann.
Überblick zur Bedeutung des Begriffs Metaphysik:
Ludger Oeing-Hanhoff/Theo Kobusch/Tilman Borsche, Metaphysik. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 5: L-Mn. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1980, Spalte 1186-1279
Danke für diesen historischen Hintergrund. Ich persönlich stehe dieser modernen Metaphysik-Feindschaft noch unentschlossen gegenüber. Irgendwo verstehe ich, dass der immense naturwissenschaftliche Fortschritt die Leute zu so einem Denken verleitet, aber andererseits ist Naturwissenschaft auch aus der Philosophie entstanden, und damit fußt es nicht auf unwiderlegbaren Tatsachen. Bis weit in die Neuzeit hinein wurde schließlich noch nicht von Naturwissenschaft, sondern Naturphilosophie gesprochen.