4-ursachen-lehre
1.Setzt die 4-ursachen-lehre (causa formalis, causa materialis, causa motus, causa finalis) von Aristoteles einen Schöpfer vorraus? 2. Ist sie das philosophische Grundkonzept von Aristoteles?
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1) Ursachenlehre und Schöpfer
Die Vier-Ursachen-Lehre, wie sie Aristoteles aufgestellt hat, setzt nicht zwingend einen Schöpfer voraus. Allerdings stellt sich in ihr die Frage einer letzten Ursache, bei der Ursachenart Bewegungsursache (bzw. in einer anderen modernen Bezeichnung Wirkursache). Aristoteles nimmt ein letztes Bewegungsprinzip an, das (erste) unbewegt Bewegende (oft in einer grammatisch ungenauen Wiedergabe des im Griechischen im Neutrum stehenden Ausdrucks unbewegter Beweger genannt). Dieses Prinzip der Bewegung ist nach Aristoteles Bewegungsursache, indem es Ziel alles Sterben ist, also eine Zweckursache. Aristoteles versteht das unbewegt Bewegende als göttlich und nennt dies auch Gott, weil im gängigen Sprachgebrauch mit Gott verbundene Eigenschaften vorhanden sind. Das Prinzip ist Geist und damit etwas Beseeltes/Lebendiges. Es ist ordnungsstiftend und Bewegungsursache für den gesamten Kosmos wie auch sein höchstes Zweckprinzip. Als Schöpfer wird das Prinzip von Aristoteles nicht bezeichnet. Den Kosmos, das vom unbewegt Bewegenden zuerst Bewegte, hält er für ewig (Physik VIII 6), in dem Sinn, keinen Anfang in der Zeit zu haben. Einen Schöpfergott, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Schöpfungsakt die Welt herstellt, gibt es bei Aristoteles nicht.
2) Grundkonzept
Aristoteles hat Überlegungen zu sehr vielen Gebieten vorgelegt. Ein einziges Grundkonzept, auf dem alles andere aufbaut, gibt es bei ihm nicht. Bei der Lehre von den Ursachen handelt es sich um begründende/erklärende Prinzipen, Arten möglicher Erklärungen, um Fragen zu beantworten, warum etwas als das, was es ist, so ist, wie es ist. In diesem begrenzten Bereich ist das, was Ursachenlehre genannt wird, das Grundkonzept. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Konzepte, z. B. das von Möglichkeit (δύναμις) und Wirklichkeit (ἐνέργεια), das von Stoff/Materie’(ὕλη) und Form (εἶδος), in der Ethik Glückseligkeit/gutes Leben (εὐδαιμονία) als höchstes menschliches Gut und die Tugend/Vortrefflichkeit des Charakters als Mitte (μεσότης), in der Logik der Satz vom Widerspruch.
Zu den Prinzipien, die verschiedene Arten von Erklärungen darstellen, warum etwas so ist, steht etwas bei Aristoteles, Physik III 9, Metaphysik A 3 – 9 und Δ 1- 2.
Jede αἰτία (Grund, Ursache, Veranlassung), jedes αἴτιον (Verursachendes, Ursache, Grund) ist nach Aristoteles ein Prinzip (ἀρχή). Hauptarten sind:
1) Formursache (τὸ τί ἦν εἶναι, οὐσία; lateinisch causa formalis): die Form (εἶδος) von etwas, das in der Bestimmung des Was-es-heißt-dies zu sein erfaßt ist; das , was aus einer bestimmten Menge von Baumaterialien (z. B. Ziegel und Steine) hergestellt ist, ist ein Haus, weil es (in seiner Funktion) das ist, was es heißt, Haus zu sein
2) Materialursache/stoffliche Ursache (τὸ ἐξ οὗ, ὕλη, ὑποκείμενον; lateinisch causa materialis): das, woraus als Gegebenem (als Material) etwas entsteht oder besteht; beispielsweise wird aus Silber eine daraus angefertigte silberne Schale
3) Bewegungsursache/Wirkursache (ὅθεν ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως; lateinisch causa motus, causa efficiens, causa agens): wirkende Ursache als Impuls, der zu einer Veränderung führt, etwas hervorbringt; das, was als erstes bewegt, den ursprünglichen Anstoß zur Bewegung oder Veränderung gibt, z. b. beim Gebautwerden eines im Bau befindlichen Hauses der Baumeister
4) Zweckursache (τὸ τοῦ ἕνεκα, τέλος; lateinisch causa finalis): das Ziel, das, um dessentwillen etwas geschieht; beispielsweise kann jemand sich jemand körperlich bewegen, um etwas für seine Gesundheit tun
Erste Ursache der Bewegung ist das unbewegt Bewegende (τὸ ἀκίνητον κινοῦν). Aristoteles gelangt zu dem Prinzip aufgrund von Überlegungen zur Erklärung kosmischer Bewegungszusammenhänge. Dieses Prinzip, das Erste unbewegt Bewegende (τὸ πρῶτον κινοῦν ἀκίνητον), ist Geist (νοῦς) und wird von Aristoteles mit dem Göttlichen (τὸ θεῖον) bzw. Gott (θεός) gleichgesetzt (Metaphysik Λ 6 – 10). Es handelt sich um eine Substanz/Wesenheit (οὐσία), die folgende Eigenschaften hat:
ohne Größe
ohne Teile
unzerlegbar
leidlos/unaffizierbar (ἀπάθες)
ewig (bewegt die ewig bewegte Sphäre der Fixsterne)
unbewegt (wäre sonst kein letztes Prinzip der Bewegung)
reine Wirksamkeit, dem Wesen nach in wirklicher Tätigkeit (ἐνέργεια)
reine Form, stofflos, ohne Veränderung
bewegt wie etwas, das geliebt/begehrt wird, denn das Begehrte, das Gedachte und besonders das Geliebte kann bewegen, ohne bewegt zu sein, alles strebt danach, ihr so ähnlich wie möglich zu werden
reine Betrachtung/Schau (θεωρία)
lebendig/beseelt (nur so etwas kann denken)
Denken (νόησις) des Höchsten und Besten, Denken des Denkens (νόησις νοήσεως) höchste und dauerhafte Lust (ἡδονή)
hat Bestes (dazu gehört Glückseligkeit)
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http://de.wikipedia.org/wiki/Physik_%28Aristoteles%29
Materialursache (causa materialis): „woraus als etwas schon Vorhandenem etwas entsteht“ (194 b). Gemeint ist der Stoff, aus dem ein Gegenstand besteht, z. B. im Fall einer silbernen Statue das Metall.
Formursache (causa formalis): Die „Form und das Modell“ (ebd.) des Gegenstandes, im Fall der Statue die Gestalt eines Pferdes.
Wirkursache (causa efficientis): „woher der anfängliche Anstoß zu Wandel oder Beharrung kommt“ (ebd.). Dies wäre beim Beispiel der Statue der Bildhauer.
Zweckursache (causa finalis): „das Ziel, d. h. das Weswegen“ (ebd.). Der Zweck der Statue ist, dass sie das Zimmer schmückt.
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Neben den Aristotelestexten können Nachschlagewerke und Bücher über Aristoteles weiterhelfen, z. B.:
Michael Bordt, theos/Gott. In: Aristoteles-Lexikon. Herausgegeben von Otfried Höffe. Redaktion: Rolf Geiger und Philipp Brüllmann. Stuttgart : Kröner, 2005 (Kröners Taschenausgabe ; Band 459), S. 589 – 591
Michael Bordt, Unbewegter Beweger. In: Aristoteles-Handbuch : Leben – Werk – Wirkung. Herausgegeben von Christof Rapp und Klaus Corcilius. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011, S. 167 - 171
Friedemann Buddensiek, aition. In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Originalausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 126
Markus Enders, theos. In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Originalausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 440 - 442
Hellmut Flashar, Aristoteles. In: Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 3). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2004, S. 347
Sabine Föllinger, kinêsis/Bewegung. In: Aristoteles-Lexikon. Herausgegeben von Otfried Höffe. Redaktion: Rolf Geiger und Philipp Brüllmann. Stuttgart : Kröner, 2005 (Kröners Taschenausgabe ; Band 459), S. 312 - 318
S. 314: „Mit dieser Bezeichnung des höchsten Prinzips als einer Gottheit steht Aristoteles in vorsokratischer und platonischer Tradition. Später wurde Ar.’ unpersönliches Prinzip in christlicher Deutung zu einem personifizierten Beweger. Die Annahme eines ersten Bewegenden bedeutet aber nicht, daß Ar. einen zeitlichen Anfang der Welt, also eine Art Schöpfungstat habe implizieren wollen; vielmehr ging es ihm darum, einen momentanen Bewegungszusammenhang, bei dem das Bewegende ununterbrochen mit den Bewegten in Kontakt sein muß, zu erklären.“
Otfried Höffe, Aristoteles. 3., überarbeitete Auflage. Originalausgabe. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 535), S. 116 – 119 und S. 153 – 163
Johann Hübner, Ursache/Wirkung. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 11: U – V. Basel : Schwabe, 2001, Spalte 370 – 375
Ulrich Nortmann, aitia/Ursache. In: Aristoteles-Lexikon. Herausgegeben von Otfried Höffe. Redaktion: Rolf Geiger und Philipp Brüllmann. Stuttgart : Kröner, 2005 (Kröners Taschenausgabe ; Band 459), S. 15 - 19
Frank Töpfer, kinoun. In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Originalausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 240