Frage von Selly1980, 111

2-3 Jahre Elternzeit ein Betrug der Politik?

Laut Gesetz kann ich 3 Jahre Elternzeit nehmen. Prima, aber ist es nicht Betrug wenn das für die meisten Eltern rein finanziell nicht leistbar ist? Ich bekomme, wenn ich ein Jahr Elternzeit nehme, weniger als 70% meines Gehaltes. Das ist für mich kaum zu meistern. Ich drehe, obwohl mein Partner voll berufstätig ist, mit jetzt 3 Kindern jeden Cent 3 mal um. Ich kaufe nichts neues mehr für mich und für die Kinder selten. Würde ich 2 Jahre Elternzeit nehmen, müsste ich mit weniger als 35% meines letzten Gehaltes haushalten. Völlig unmöglich. Nicht leistbar. Bei 3 Jahren bekäme ich zwei Jahre weniger als 35% und ein Jahr nix. Danke liebe Politiker. Ich finde es sehr traurig, dass es Ottonormalverbrauchern nicht erlaubt ist, seine Kinder bis zur Kindergartenzeit selbst zu erziehen. Ist es Betrug oder bin ich unverschämt? Arbeite seit ca 20 Jahren ohne einen Monat Arbeitslos gewesen zu sein.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Nolti, 21

Hallo Selly 1980 

Ich bin seit 30 Jahren selbständig und war es auch bei der Geburt meines Sohnes schon. Außer Kindergeld habe ich keinen Cent (oder damals noch Pfennig) vom Staat bekommen- obwohl ich teilweise reichlich Steuern zahle :-( .  

Musste auch jeden Cent dreimal umdrehen und wie bei fast alles Eltern- wenn du kleine Kinder hast, bleibt für persönliche Wünsche selten noch ein Geld übrig. 

Prinzipiell ist es doch schön, dass der Staat dich überhaupt unterstützt- das ist durchaus nicht in allen Ländern so und auch dort werden Babys geboren und das teilweise sogar mehr als bei uns. Vielleicht liegt es daran, dass dort die Prioritäten anders gesetzt sind und dass vor allen Dingen der Zusammenhalt innerhalb der Familie ein anderer ist. 

Leider ist es in Deutschland ja nun mal überwiegend so, dass jeder sein eigenes Ding macht und die Unterstützung durch die Familie eher die Ausnahme ist. Dazu kommt noch, dass unsere Ansprüche an den Lebensstandard ständig steigen und wir dadurch immer unzufriedener werden. Muss es denn tatsächlich ein Kinderwagen für 1.300€ sein? (Nur ein Beispiel) und muss es denn tatsächlich jedes Jahr ein Urlaub in der Ferne sein, obwohl es in Deutschland so viele schöne Fleckchen gibt? Natürlich braucht jeder ein eigenes Auto, jedes Jahr ein neues Smartphone usw. (Das ist nur allgemein gesprochen- so wie ich es leider immer wieder beobachte).  

Dieses Verhalten führt meiner Meinung dazu, dass wir uns immer weiter von den wesentlichen Dingen entfernen.  

Mit drei Kindern hast du einen Vollzeitjob und ich  habe vollste Hochachtung vor jeder Mutter , die das meistert. Aber du hast Zeit für deine Kinder und du weißt heute schon, dass dir der berufliche Wiedereinstieg gesichert ist. Genieße diese Zeit, denn dieses Alter ist einmalig. Nie mehr werden dir die Kinder so nahe sein, denn spätestens mit dem Kindergartenalter wirst du nicht mehr die Hauptperson in ihrem Leben sein. Dafür sind ein paar Euro mehr oder weniger doch vollkommen nebensächlich. 

Ich wünsche dir viel Freude an deiner Rasselbande. 

Liebe Grüße 

 

Kommentar von Selly1980 ,

Vielen lieben Dank für deine ausführliche und vielschichtige Antwort. Mein Kinderwagen hat 40 Euro gekostet. Bin sehr stolz auf dieses Schnäppchen. Ich kaufe ausschließlich gebraucht für den Wurm, meine anderen, älteren Kinder wünschen such schon ab und an was neues und ich kann das sehr gut verstehen...

Zeit ist mir wichtiger als Geld. Daher arbeite ich auch nicht mehr 70Std die Woche sondern nur noch 25. Diese Erkenntnis kam mir erst vor 2 Jahren. Und seit dem weiß ich jede Minute mit meinen Kindern mehr zu schätzen. Ich würde auch drei Jahre Zuhause bleiben, wenn das Geld weiterhin zum Überleben reicht. Reicht es dann aber nicht. Da geht es nicht mehr um Ansprüche die ich runterschrauben könnte. 

Aber es geht mir auch nicht nur um mich. Sondern auch um meine Nachbarin, die alles dafür macht um auch nur irgendwie zurechtzukommen. Da wird lange überlegt, ob eine erste neue Hose nach 10 Monaten für 9.95 von Lidl drin ist. Ich finde das für alle Eltern, denen es so geht oder ging schade.

Kommentar von Nolti ,

Hallo Selly.

Lieben Dank für deine Auszeichnungen.

Ich weiß genau, was du meinst. Als meine Tochter geboren wurde war ich noch nicht selbständig und alleinerziehend. Nach dem Mutterschutz hatte ich monatlich gerade mal 550 DM für alle Kosten incl. Miete. Das war nicht viel aber irgendwie ist es auch gegangen.  Natürlich gab es keine neuen Sachen für meine Tochter und mich- aber ich hatte viel Zeit und uns zwei ging es gut.

Als mein Sohn geboren wurde, hatte ich zwar mehr Geld aber dafür wenig Zeit für meine Kinder. Jede zweite Nacht saß ich im Büro und Freizeit war für mich eher die Ausnahme. Unterstützung hatte ich keine. Meine Mutter war zu weit weg und die Familie meines Partners wollte mich nicht. Also hatte ich keinerlei Hilfe.

Deshalb denke ich, dass die Unterstützung in der Familie noch wichtiger ist als Hilfe vom Staat. Natürlich sollen sozial schwache Familien mehr unterstützt werden - schließlich wäre genug Geld da- nur leider wird es meist für falsche Dinge zum Fenster hinaus geworfen.

Ich wünsche dir einen schönen Sonntag

Viele Grüße

Antwort
von MenschMitPlan, 32

Du kannst froh sein, dass es diese Art der Unterstützung überhaupt gibt. Dass Kinder Geld kosten, ist bekannt. Reicht das eigene Einkommen und das Elterngeld nicht aus, muss man arbeiten gehen oder seine Ansprüche runterschrauben. Anspruch auf Kinderbetreuung hat man ja ab dem ersten Lebensjahr des Kindes. Wenn du lieber 3 Jahre lang Vollzeitmutti sein willst, ist das deine persönliche Entscheidung, die m.E. nicht zwingend von den Steuerzahler finanziert werden muss. Ihr hättet die Familienplanung auch besser an eure finanzielle Situation anpassen können.

Antwort
von eostre, 58

Ist etwas dämlich geplant vor allem, weil du ohne partnermonate nur 20 Monate elterngeld bekommst statt 24.

Die alte Regelung fand ich persönlich besser : 300€pro Monat für 24 oder 450€ für 12 Monate -da hatte ich persönlich mehr davon. 

Antwort
von Menuett, 17

Wir können die Elternzeit auf ganz abschaffen, wie die Amis.

Kinder kosten Geld, da sollte man sich vorher ausrechnen, was man sich leisten kann und was nicht.

Du bekommst das Kind dann halt erst dann, wenn Du ausreichend gespart hat, um dir die komplette Erziehungszeit leisten zu können.

Antwort
von eulig, 57

wir sollten in Deutschland weniger jammern und das, was uns von der Gesetzgebung gegeben wird, mehr wertschätzen. in anderen Ländern wären Eltern froh, wenn sie etwas vom Staat für die Erziehungszeit dazu bekämen.

Kommentar von eostre ,

Hm,ein Land, dass mehr Nachwuchs möchte sollte aber genau auf solche Dinge achten. 

Kommentar von Selly1980 ,

Zunächst einmal danke für deine Antwort und Zeit. Ich bin überrascht. Ich habe mir gerade deine anderen Antworten grob überflogen und sie kamen mir recht sachlich und informativ vor. Tatsächlich bin ich traurig. Ich konnte bei meinen ersten beiden Kindern Vollzeitjob und Kleinkinder unter einen Hut bringen. Durch veränderte Lebensumstände arbeite ich nur noch Halbtags. Ich kann meinen Wurm auch nicht gleichzeitig betreuen und arbeiten. Das stimmt mich traurig. Und da ich im Gespräch mit vielen anderen Familien bin, sehe ich, dass es nicht nur mir so geht. Ich finde es sehr schade, dass ich meinen Kleinen bereits mit einem Jahr fremdbetreuen lassen MUSS

Antwort
von BTyker99, 42

Ich bin kein Experte, was Arbeiten angeht, aber es ist doch immerhin "nett", dass man überhaupt etwas bekommt. Man könnte auch argumentieren, dass das Problem eher ist, dass du generell zu wenig verdienst, und dir deshalb kein Polster ansparen kannst. Die gesellschaftliche Grundfrage ist natürlich, ob Kinder als Luxus gesehen werden sollen, oder ob der Kinderwunsch finanziell durch die Allgemeinheit gefördert werden soll - dazu kann es keine objektiv richtige Antwort geben. Einerseits sollen Kinder die Renten sichern, andererseits würde es auf unfreiwillig Kinderlose unfair wirken, wenn Familien aus ihrer Sicht zu stark gefördert werden würden.

Meiner Meinung nach sollten Kinder eher Privatsache sein, und nicht als Investition in die Gesellschaft, sondern als persönliche Erfüllung des eigenen Lebens gesehen werden. Aus dem Grund sollte man nach Möglichkeit erst dafür sorgen, die Kinder versorgen zu können, bevor man sie in die Welt setzt. Andererseits finde ich, wie schon gesagt, dass Arbeit grundsätzlich anständig bezahlt werden sollte, so dass jeder nach seiner Facon glücklich werden kann, egal ob er/sie Kinder bekommt, oder nicht.

Kommentar von Selly1980 ,

Ok... zunächst einmal danke. Dann könnte ich, extra provokativ, ja auch sagen, wer arbeitet sollte sich schon mal Geld zur Seite packen für den Fall, das er gekündigt wird. Denn dann benötigt er kein Arbeitslosengeld und liegt der Gesellschaft nicht auf der Tasche. Na gut, außer es war nicht seine Schuld. Nur für den Fall, dass er zu faul, zu langsam oder zu oft kränklich oder unpünktlich war...

Vielleicht kann man die Frage nicht objektiv beantworten. Die Antworten werden von Eltern sicher anders sein wie von Kinderlosen.

Kommentar von BTyker99 ,

Ich denke, dass der Sozialstaat auf jeden Fall dafür sorgen sollte, dass jeder auf einem Mindest-Niveau leben können sollte. Wenn man aber eine hohe Investition tätigt (in diesem Fall Kinder), und weiß, dass diese sehr große Kosten verursachen werden, sollte man meiner Meinung nach tatsächlich vorgesorgt haben, oder zumindest mit einer Einschränkung des Lebensstandards klarkommen. Im Gegenzug wird das Leben ja auch sehr bereichert, und man muss selbst abwägen, ob der Lebensstandard, oder der Erfüllung des Traums der eigenen Kinder wichtiger ist.

Aber natürlich muss auf jeden Fall von staatlicher Seite gewährleistet werden, dass man nicht unter das Niveau des soziokulturellen Existenzminimums rutschen darf. Man kann in der Frage sicherlich nicht alle unterschiedlichen Interessen gleichzeitig befriedigen. Auch, dass man als lebenslager Hartz4-Bezieher durch Kinder finanziell besser da stehen kann, als Arbeitende (wie du weiter unten geschrieben hattest), finde ich sehr bedenklich. Eine Lösung sehe ich aber nicht.

Antwort
von Virginia47, 17

Dann hattest du ja genügend Zeit, um dir eine finanzielle Grundlage zu schaffen. Wenn du das nicht getan hast, ist es wohl eher dein Nachteil. 

Warum sollten andere Leute für deine Wünsche aufkommen? 

Du wolltest Kinder. Und wolltest drei Jahre zu Hause bleiben. Das ist deine Entscheidung. Der Staat schafft die die Möglichkeit dazu und bietet dir sogar noch eine finanzielle Unterstützung. Was willst du noch? Dass der Staat für deine finanziellen Wünsche aufkommt? Das musst du schon selbst auf die Reihe bekommen. 

Kommentar von Selly1980 ,

Warum kommen wir für das Leben von Menschen auf, die gar nicht arbeiten? Das nennt man Sozialstaat. Bin froh, dass wir ihn haben obwohl ich bisher noch nicht Einen Tag arbeitslos war. Ich möchte diesbezüglich auch nicht tauschen und bin auch froh, dass wir für Menschen aufkommen, die als fremde in unser Land kommen und Hilfe benötigen. 

Beschwerst du dich da auch, dass wir Ihre Wünsche finanzieren? 

Übrigens bleibe ich nicht drei Jahre zuhause. Sondern ein Jahr. Ich wünschte ich könnte drei Jahre Zuhause bleiben, dass ist aber nicht der Fall. Ich wünschte mir das nicht nur für mich sondern für alle Väter oder Mütter die ihre Kinder drei Jahre voll betreuen wollen.

Fänd ich voll sozial.

Ich arbeite mit Familien, Eltern und Kindern. Ich habe in 20 Jahren noch nicht eine einzige Familie kennengelernt, die im Vorfeld das Geld für zwei Jahre zur Seite geschafft hätte. Das wären ja 24x Jahresurlaub *lach*,dann hätte ich mein erstes Kind mit 68 bekommen.

Antwort
von Baoshan, 46

Irgendeiner musses zahlen.

Was wäre dein deine Vorstellung von einem gerechten, angemessenen Elterngeld?

Kommentar von Selly1980 ,

Ich habe leider keine fertige Lösung parat. Aber wenn wir vom Harz4 leben würden, hätte meine Familie definitiv mehr Geld zur Verfügung  (habe es ausgerechnet) ob das fair ist? 

Und das soll nicht bedeuten, mit Harz hätte man zu viel Geld. Es ist auch wenig. Bekäme ich das Geld, was der Staat für den Krippenplatz zuzahlen wird, wäre eventuell ein 2. Jahr Elternzeit drin.

Kommentar von Baoshan ,

Auf der einen Seite kann ich dich verstehen, und vieles läuft falsch in D, insbesondere die Lohnetwicklung der letzten Jahre.

Auf der anderen Seite sollten wir tatsächlich positiver auf die Dinge blicken, die wir haben.

Meine Frau war Beamtin in der VR China und hatte somit priviliegen, die andere nicht hatten.

Welche? Sie war z.B. Krankenversichert. Hier selbstverständlich.

Nach der Geburt ihres Kindes ist Sie nach 8 Wochen wieder arbeiten gegangen. Warum? Weil sie sonst ihren Job (auch als Beamtin) verloren hätte.

Kindergeld (da Beamtin) gab es in Form einer Einmalzahlung. Meine um die 5.000 EUR. Im Vergleich zu Deutschland also auch deutlich weniger.

Jahresurlaub waren meine ich um die 5 Tage (plus Feiertage).

Es läuft vieles Falsch in D, aber manchmal solte man auch die postiven Dinge sehen.

Kommentar von Selly1980 ,

Danke. Ich sehe bei Weitem auch nicht alles schwarz. Ich weiß, wofür ich dankbar bin und ich möchte ganz sicher nicht tauschen. Schließlich ist es ein Glücksspiel in welches Land man geboren wird. 

Manchmal beiße ich mich so fest wenn ich mich ärgere. Und dann kann es hilfreich sein wieder ein wenig geerdet zu werden :-)

Kommentar von Baoshan ,

gerne :-) Unzufrieden darf man sein, denn nur dann kann etwas weiterentwickeln, persönlich und Gesellschaftlich.

Es ist aber ein schmaler Grat. Zu viel Unzufriedenheit führt zu Resignation und Stagantion.

Ein gesundes Maß ist angebracht und notwendig

Kommentar von Menuett ,

Wenn das so ist, dass ihr unter ALG 2 Satz rutscht, dann könnt ihr doch aufstocken ALG 2 beantragen...

Wenn Du das dann nicht machst, dann ist das Dein Problem.

Antwort
von Sternrakete, 11

Ja, es ist Betrug und Augenwischerei. 

Da fällt mir die Sache mit den Elektroautos ein. Es gibt einen Zuschuss dafür, wenn man sich eines kauft. Aber wer von den Normalverdienern kann sich ein Auto von 30.000 € an aufwärts leisten? Richtig, die Besserverdienenden und die sind auf Almosen, sprich staatliche Förderung bzw. Subvention von 4.000 € pro Elektroauto nicht angewiesen, werden das aber naturgemäß in Anspruch nehmen. Der Normalverdiener geht dabei leer aus. Verstehe einer die Taktik, die dahinter steckt. Ich nicht! 

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