Ernst Bloch - Der Fall ins Jetzt. Kann mir irendjemand diese Geschichte interpretieren? Dieses Mal mit Anhang?

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1 Antwort

Schau mal ich habe das gefunden (Ich selbst habe es mir einige Male durchgelesen und denke noch darüber nach, aber bin auch nicht auf eine richtige Idee gekommen):

 In der Parabel mit dem
Titel Fall ins Jetzt, einer kleinen Geschichte in der Art der von
Martin Buber gesammelten Erzählungen der Chassidim, ist vom
Wünschen die Rede. Während der Rabbi und die um ihn Versammelten
ihre Wünsche, die sämtlich auf ihre reale gegenwärtige Situation
bezogen sind, kurz und bündig vortragen - der Rabbi möchte z.B.
seinen Husten los werden -, beginnt ein hergelaufener Bettler
ausführlich eine märchenhafte Geschichte zu erzählen, die
scheinbar gar nichts mit der Gegenwart zu tun hat. Die Erzählung
beginnt im Konjunktiv („Ich wollte, [...] ich wäre ein großer
König“; S. 98) und geht dann unmerklich in den Indikativ über, und
zwar just in dem Moment, als den fiktionalen König das
märchenhafte Glück verlässt: „der Feind bricht ein, meine Heere
werden geschlagen [...] Da ziehe ich mich aus bis aufs Hemd und
werfe alle Pracht von mir.“ (Ebd.) Die kleine Geschichte endet mit
einer Pointe, bei der - vorbereitet durch das Fehlen des
Personalpronomens - das fiktionale Ich des Königs unvermittelt in
das reale Ich des Bettlers übergeht:

‘Komme hindurch durch die Stadt, das Getümmel,
das freie Feld und laufe, laufe durch mein verbranntes Land, um
mein Leben. Zehn Tage lang bis zur Grenze, wo mich niemand mehr
kennt, und komme hinüber, zu andern Menschen, die nichts von mir
wissen, nichts von mir wollen, bin gerettet und seit gestern abend
sitze ich hier.’ - Lange Pause und ein Chok dazu, der Bettler war
aufgesprungen, der Rabbi sah ihn an. ‘Ich muss schon sagen’, sprach
der Rabbi langsam, ‘ich muss schon sagen, du bist ein merkwürdiger
Mensch. Wozu wünschst du dir denn alles, wenn du alles wieder
verlierst. Was hättest du dann von deinem Reichtum und deiner
Herrlichkeit?’ - ‘Rabbi’, sprach der Bettler und setzte sich
wieder, ‘ich hätte schon etwas, ein Hemd.’ (S. 98f.)

Bloch kommentiert den schockhaften Schluss der
Geschichte folgendermaßen:

Dieses merkwürdige Jetzt als Ende oder Ende des Jetzt in dem Wort:
Seit gestern abend sitze ich hier, dieser Durchbruch des Hierseins
mitten aus dem Traum heraus. Sprachlich vermittelt durch den
vertrackten Übergang, den der erzählende Bettler aus der
Wunschform, mit der er beginnt, über das historische plötzlich zum
wirklichen Präsens nimmt. Den Hörer überläuft etwas, wenn er
landet, wo er ist. (S. 99)

Der faktisch nicht existierende Übergang der
fiktionalen in die reale Welt - Bloch bezeichnet ihn nicht von
ungefähr als vertrackt - wird hier selbst zur Parabel für das
Rätsel des Jetzt. Blochs Kommentar löst dieses Rätsel nicht auf,
reduziert es nicht auf eine Allegorie, sondern hebt es auf eine
parabolische Ebene: literarische Geschichte und philosophischer
Kommentar zusammengenommen ergeben erst jene parabolische
Struktur, die als Spur auf die Fallgrube zuführt, die das Jetzt
bildet: „Die Grube ist unser Jetzt, in dem alle sind und von dem
nicht wegerzählt wird, wie sonst meistens; die kleine Falltür ist
also herzusetzen.“ (S. 98) Das Staunen verpufft also keinesfalls
in der Schlußpointe, geht nicht im Witz unter, geht vielmehr über
in ein philosophisches Staunen, das dem Problem - wörtlich: dem
Vorgeworfenen, Vorgehaltenen - nachgeht wie einer Spur.

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Kommentar von luciuslenius121
08.01.2016, 20:47

Weitere Ideen:

1.Die Gegenwart, Zeit ist fließend ineinander übergehend, das, was wir und wünschen, kann sich schnell realisieren, genauso, wie es schnell wieder verfallen kann: "Man kann auch sonderbar aufs hier und Da kommen, es ist nie weit von uns"- das wird ja auch dadurch verdeutlicht, dass der Konjunktiv (Die Wunschform) in den Indikativ (die Realform) übergeht.

2. Verfremdung wird dadurch erzeugt, dass scheinbar höher gestellte (der Rabbi...) viel kleinere, leichter realisierbare Wünsche äußern ( Husten weg,...), während sich ein armer Bettler ein Dasein als König wünscht. Die Ansprüche sind also objektiv unpassend.

3. Während er sich das Schöne wünscht und somit im Konjunktiv bleibt, verfällt er beim Verfall des Königreichs, des Regierens in den Indikativ, womit ausgesagt wwerden kann, dass das Schöne nur ein Wunschtraum bleibt, während das Schlechte Realität ist/ wird.

4. Vor seinen Träumen als König ist er Bettler und besitzt somit nur das Nötigste, also auch kein Hemd. Nachdem er König ist, verliert er alles, jedoch bliebe ihm dann trotzdem ein Hemd. Das könnte aussagen, dass bei allem Schlechten, was Einem wiederfahren kann, kann immer noch etwas Schönes bleiben.

5. Am Anfang steht, der Witz soll die Grube zuschaufeln, in die man gefallen ist. Die Grube ist unser Jetzt. Der Witz ist offensichtlich, dass er immerhin ein Hemd hätte, wenn er auch den Reichtum verloren hat.

- Man könnte sich fragen: Was ist denn überhaupt unser Jetzt? In der Geschichte ist das Jetzt undeutlich, undurchschaubar: Er erzählt eigentlich seinen Traum (also fiktiv, zukunftsgerichtet), verfällt in das Präsens und endet mit: "seit gestern bin ich hier". Man könnte also darauf kommen: Wo liegt die Grenze zwischen Vergangenheit, Gegenwart, Wunsch und Traum? Gibt es überhaupt eine Grenze? Ein Hemd ist etwas Selbstverständliches aber auch Wichtiges. Man sagt ja auch:"Für Dich würde ich mein letztes Hemd geben". Es ist also Standart, der Verlust wäre gleichzeitig ein Verlust von etwas Elementarem. Ein Hemd schützt vor Kälte, Umwelteinflüssen und "kleidet"...ohne Hemd fühlt man sich nackt. Hätte er also keinen Reichtum, hätte er trotzdem Würde und seine Grundbedürfnisse wären erfüllt.

Keine Ahnung, ob das stimmt, hilft...nur, was ich mir so gedacht habe ;)

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