Deine Frage impliziert auf jeden Fall, dass „den Nächsten zu lieben“ eine bewusste Entscheidung ist und das ist es tatsächlich und zwar grundsätzlich. Wie sonst könnte man dazu aufgefordert werden, diese Liebe auszuleben und zu praktizieren.
Denn nachdem Jesus klar gemacht hatte, wer der Nächste eines Menschen ist, sagte er: „Geh hin, und handle selbst ebenso!“ (Lukas 10:37)
Nun zu dem Problem, das du ansprichst:
- Sind mit Depressionen meist Minderwertigkeitsgefühle verbunden und mitunter sogar Gefühle der völligen Wertlosigkeit bis hin zu der Absicht, seinem Leben ein Ende zu machen.
- Das bedeutet aber nicht automatisch, dass man andere nicht liebt – die Liebe zu anderen Menschen kann sogar sehr groß sein und so die negativen Gefühle verstärken, denn man empfindet sich als Last für diejenigen, die man liebt und meint, ihr Leben schon allein durch die eigene Anwesenheit zu verderben.
- Zudem ist es nicht einfach, im Stadium der Depression vernünftige Entscheidungen zu fällen, da man keinerlei Kontrolle über seine Gefühle hat – denn genau dieser Bereich der willentlichen Lebensgestaltung ist ja krank.
Wo liegt denn eigentlich das Problem, wenn man sich selbst aufgrund einer Erkrankung nicht liebt? Liebe äußert sich nun mal durch Handlungen, denn jeder Mensch liebt seinen eigenen Leib, denn „er nährt und pflegt“ ihn (Epheser 5:29) – was bei einem depressiven Menschen nicht gegeben ist. Ja er hat mitunter gar nicht mehr das Bedürfnis, in dieser Hinsicht für sich zu sorgen.
Sein Herz mag voll sein von Liebe, doch wenn er nicht imstande ist oder gar nicht weiß, wie er diese zeigen kann - auf eine Weise, dass andere es auch als Liebe wahrnehmen - weil er sich selbst gegenüber ja auch keine Liebe zum Ausdruck bringt . . . Ja er fällt sogar in ein Extrem: Weil er die anderen so sehr liebt und ihnen weder eine Last sein will, noch sie durch die eigene Anwesenheit traurig machen will – zieht er sich eventuell noch weiter zurück. Und genau das ist ein Ausdruck seiner Krankheit.
Da liegt sozusagen „der Hund begraben“!
Vielleicht wird dem Einen oder Anderen klar, was depressive Menschen am allermeisten brauchen – und zwar ohne etwas von ihnen zu erwarten – tätige Liebe.
Es mag sein, dass das zu ihrer Gesundung beiträgt und zur Wertschätzung ihrer selbst. So können sie lernen, eine gesunde Selbstliebe zu entwickeln mit dem Bedürfnis, für sich selbst zu sorgen und somit auch, wie sie die Liebe zu ihren „Nächsten“ wohltuend zum Ausdruck bringen können.
Alle "tiefen" Fragen enden letztendlich in einem Dilemma/Trilemma/n-Lemma. ;)